Dodge-Historie D-Day auf dem Automarkt

Dodge ist die wohl typischste Automarke der USA. Die Modelle sind groß, stark und männlich. Hätte es im Wilden Westen schon Autos gegeben, John Wayne wäre wohl Dodge gefahren. Am 10. Juni expandiert Dodge nach Europa, auf diesen D-Day arbeitet das Unternehmen hin.

Von Jürgen Pander


Der Film "Bullitt" wird stets erwähnt, wenn es um den Ford Mustang geht, denn Detective Frank Bullitt, gespielt von Steve McQueen, fährt einen. In einer der berühmtesten Verfolgungsszenen der Kinogeschichte jagt der Polizist kreuz und quer durch San Francisco - immer den Rückleuchten eines pechschwarzen Dodge Charger nach. Beide Autos gehörten zu den berühmtesten Muscle-Cars der sechziger Jahre. Und Ford und Dodge waren nicht nur in "Bullitt" ein spektakuläres, rivalisierendes Gespann.



Die Geschichte der Marke Dodge kommt 1903 so richtig ins Rollen. Vorher hatten die Gebrüder John und Horace Dodge Fahrräder gebaut, Autoteile gefertigt und Getriebe für Oldsmobile hergestellt. Doch nach einem Treffen mit Henry Ford 1903 wurden sie zu einer Art Generallieferant für den neuen Autohersteller, der sich anschickte, mit dem "Model T" Amerika zu motorisieren. Im Sog des Ford-Erfolgs wurde Dodge zum größten Autozulieferer der Welt. Jedenfalls bis 1914, als die Dodge-Brüder sich mit Ford überwarfen und selbst mit dem Bau von Automobilen begannen.

Bereits Ende 1914 rollte das erste Dodge-Modell aus der Fabrik in Hamtrack vor den Toren Detroits. "Old Betsey" hieß der schlichte Fünfsitzer, der mit einem Faltdach, elektrischer Beleuchtung, Ledersitzen, einem Tachometer und einer von Hand zu bedienenden Presslufthupe ausgestattet war und 795 Dollar kostete. Es gab dieses Auto - ebenso wie das Model T von Ford - ausschließlich in Schwarz und Dodge warb landesweit mit dem Wort "dependable" (zuverlässig) für sein Produkt.

Der Chef fuhr mit Tempo 30 gegen eine Mauer

Dies entsprach dem Geist der Firmengründer, die Wert legten auf stabile Verhältnisse. John Dodge zum Beispiel fuhr mit einer Old Betsey mit Tempo 30 gegen eine Mauer, um die Sicherheit des Autos zu testen und seine robuste Konstruktion zu beweisen. Solche Aktionen wirkten offenbar: 1920 war Dodge mit 141.000 verkauften Autos der zweitgrößte Hersteller der USA, doch zugleich begann ein Schlingerkurs für das Unternehmen, denn beide Firmengründer verstarben binnen zwölf Monaten.

Was folgte, waren technische Sensationen - etwa das erste geschlossene Auto mit Ganzstahlkarosserie 1922 - und wirtschaftliche Schwierigkeiten. Im Sommer 1928 schließlich kaufte Walter P. Chrysler den zu dieser Zeit fünfmal größeren Konkurrenten auf. Bis heute gehört die Marke Dodge zu Chrysler - und damit auch zum DaimlerChrysler-Konzern.

Image-Filme zum Dodge-Start im Internet

Es heißt, der neue DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche sei ein besonderer Freund der Marke, die einen stilisierten Widderkopf im Logo führt. "Grab life by the horns" lautet der Slogan des Unternehmens, der zunächst auch die Einführungskampagne in Deutschland begleitete. Doch die Webseite www.grab-life-by-the-horns.de wird in wenigen Tagen abgeschaltet, dafür gibt es jetzt Imagefilme unter www.ramrash.com - einer Internetpräsenz, die bis zum Marktstart des ersten neuen Europamodells von Dodge vor allem durch launige Kurzfilme für Aufmerksamkeit sorgen soll.

Meldungen, wonach die Dodge-Zentrale in den USA die Fernsehspots in Deutschland gestrichen habe, um Geld zu sparen, weist Dodge-Sprecher Markus Hauf zurück. "Natürlich wird es Fernsehwerbung für den Caliber geben", sagt er. Das Auto wird der erste neue Dodge sein, mit dem die Marke, die bislang lediglich mit dem Extremsportwagen Viper hierzulande präsent ist, Kunden locken möchte. "Everything but cute" - alles außer niedlich - wird das Auto in den USA beworben, wo es in diesen Tagen zu den Händlern kommt. "In Deutschland wird die Werbeaussage ganz ähnlich sein", erklärt Hauf.

Holzfäller-Hemden und Bourbon-Whiskey

Dodge will die etwas raubeinige Alternative zu den etablierten Marken werden, zumindest optisch. Der Kompaktwagen Caliber trägt Züge eines geschrumpften Geländewagens. Bei einer ersten Fahrt - SPIEGEL ONLINE musste allerdings mit dem Beifahrersitz vorlieb nehmen, da die offizelle Fahrvorstellung des Autos erst Anfang Mai auf Ibiza stattfindet - machte der Wagen einen soliden, geräumigen und durchaus ansprechenden Eindruck. Wer Holzfäller-Hemden, Burger und Bourbon-Whiskey mag, wird auch dieses Auto nicht verschmähen. Der Wagen, der im Dodge-Werk Belvidere in Illinois gebaut wird, startet mit drei Benzinmotoren aus einer Kooperation mit Hyundai und Mitsubishi sowie einem 2-Liter-TDI, den die Amerikaner von VW zukaufen. Vertrieben wird das Auto über die rund 140 deutschen Chrysler-Händler.

Auch wenn der Caliber weit entfernt ist von den Muscle-Cars der goldenen Dodge-Ära, so könnte er doch zumindest von deren Ausstrahlung zehren. Modelle wie die Coupés der Baureihen Challenger oder Charger gehören zu den Ikonen der Big-Block-Epoche der sechziger und frühen siebziger Jahre. Puristisches Design, langgestreckte Rechtecke als prägende optische Merkmale an Front und Heck, bauchig-bollernde V8-Maschinen und Innenräume, in denen man gar nicht anders kann als unbedingt cool auszusehen - das alles schwingt ein bisschen mit, wenn Dodge jetzt versucht, "die Märkte außerhalb Nordamerikas zu erobern", wie es in einer Mitteilung heißt. An Selbstbewusstsein jedenfalls mangelt es nicht. Und: Niedlichkeit ist verboten!



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