Neue Rennstrecke Bilster Berg: Zu Gast bei Graf Gas

Aus Bad Driburg berichtet Tom Grünweg

Rennstrecke Bilster Berg: Rasen im Waldversteck Fotos
Dieter Rebmann

Gut versteckt im Teutoburger Wald dröhnen ab sofort die Motoren. Das von einem Adligen gebaute Drive Ressort Bilster Berg ist die erste neue Rennstrecke im Westen Deutschlands seit mehr als 80 Jahren. Der Kurs ist knifflig und überrascht mit einer neuen Art der akustischen Totalüberwachung.

Eine lange Gerade den Berg hinauf und auf dem Tacho fast 200 Sachen. Anbremsen, herunterschalten, dann die scharfe Rechtskurve im zweiten Gang, Gas geben, hochschalten, beschleunigen - und plötzlich ist man im Blindflug. Zu sehen sind Baumkronen, Himmel und die Tachonadel bei 140 km/h. Die Piste ist weg, abgeknickt in eine Senke. Und sobald man die Strecke wiedererkennt, schießt man auch schon links durch eine Schikane. Die Rede ist nicht von einem Computerspiel, sondern vom Streckenabschnitt Mausefalle, der kniffligsten Passage des neuen Drive Ressort Bilster Berg.

Rennfahrer wie Bernd Schneider oder Walter Röhrl loben den Kurs im Teutoburger Wald. Er sei quasi die kleine, moderne Ausgabe der Nürburgring Nordschleife. Während die beschriebene Passage der legendären Corkscrew-Kurve in Laguna Seca in den USA gleicht. Insgesamt 44 Kuppen und Senken, 19 Kurven, maximal 26 Prozent Gefälle und 21 Prozent Steigung machen den Bilster Berg zur vielleicht schwierigsten, auf jeden Fall aber abwechslungsreichsten Raserrunde. Legt man die 70 Meter Höhenunterschied auf die 4,2 Kilometer Streckenlänge um, werde im Vergleich sogar die Nordschleife zur Flachlandpiste, heißt es von Seiten der Betreiber.

Der Mann hinter dem Rundkurs zwischen Paderborn und Hannover heißt Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff. Er scheint noch immer selbst überrascht davon zu sein, dass er es tatsächlich geschafft hat, eine neue Rennstrecke in Deutschland zu eröffnen. In den alten Bundesländern ist es mehr als 80 Jahre her, seit die letzte PS-Piste eingeweiht wurde.

Die Idee dazu entstand, als der Herr Graf zu einer Radtour aufbrach, die knapp 20 Jahr lang unmöglich gewesen wäre. Er radelte über den Bilster Berg, ein Gelände, das zuvor die britische Rheinarmee okkupiert und zum Munitionsdepot umgebaut hatte. Bei der Tour über schartige Betonpisten zwischen maroden Wachgebäuden und stabilen Bunkern kam Graf von Oeynhausen-Sierstorpff zum ersten Mal der Gedanke, hier eine Rennstrecke zu bauen. Bis dahin beschäftige er sich beruflich mit Hotels, Mineralwasser und Kurkliniken und verbrachte seine Freizeit bei Oldtimer-Rennen.

Gebaut wurde mit dem Geld von Privatinvestoren

Das ist jetzt acht Jahre her. In der Zwischenzeit geschah Folgendes: Oeynhausen gewann 21 Gründungsgesellschafter und sammelte bei 160 weiteren Teilhabern jeweils mindestens 100.000 Euro ein. Es sei kein Großinvestor aus Russland oder den Emiraten darunter, wie von Geschäftsführer Hans-Jürgen von Glasenapp betont. Investiert hätten vornehmlich europäische Autonarren, für die schon die privaten Fahrtage auf dem Areal Rendite genug seien.

Noch während der Geldbeschaffung für das Projekt wurde der Formel-1-Strecken-Architekt Herrmann Tielke mit ins Boot geholt und der Kampf mit den Genehmigungsbehörden aufgenommen. Anschließend mussten 400.000 Kubikmeter Erde ausgehoben sowie und 4500 Kubikmeter Beton, 25.000 Kubikmeter Sand und Kies, 22.000 Kubikmeter Asphalt sowie 700 Tonnen Stahl verarbeitet werden. Außerdem wurden 55.000 Meter Rohre und Leitungen, 4400 Meter Entwässerungsrinnen und 86.000 Meter Kabel verlegt, letzteres auch, um eine lückenlose Kameraüberwachung der Strecke zu ermöglichen.

In den Bunkern stehen jetzt Sportwagen-Klassiker

Jetzt glänzt zwar alles wie neu, doch dass der Bilster Berg mal ein Munitionsdepot war, erkennt man immer noch. Die Bunker der Briten wurden nicht abgerissen, sondern frisch gestrichen, aufgemöbelt - und stehen jetzt als Werkstätten und Garagen für die Nutzer der Strecke zur Vermietung. "Das Gros ist längst vergeben und beherbergt spektakuläre Sportwagen oder Oldtimer", sagt Glasenapp.

Im Gegensatz zu vielen anderen Großprojekten wurde das Drive Ressort komplett aus Privatmitteln und völlig ohne Kredite finanziert. Auch die Raserei auf dem Areal ist jetzt ein reines Privatvergnügen. Für Rennbetrieb mit Publikum fehlt der Platz, Tribünen gibt es nicht. Glasenapp spricht lieber von einer "Test- und Präsentationsstrecke", statt von einem Rennkurs. Zudem ist die Strecke so tückisch, dass sie wohl nicht jedem ambitionierten Freizeitfahrer gut bekommen würde. Wer dennoch am Bilster Berg Gas geben möchte, kann sich bei den Rennfahrerschulen oder Markenclubs anmelden, die bereits Kurse anbieten.

Was bringt die Rundstrecke der eher abgelegenen Region? "Investitionen und Arbeitsplätze", sagt von Glasenapp mit Blick auf die 15 Millionen Euro, die beim insgesamt 27 Millionen Euro teuren Projekt an lokale Firmen geflossen seien. Dazu kommen 20 feste Mitarbeiter sowie 30 Menschen, die hin und wieder beschäftigt werden, um den Betrieb nahezu 365 Tage im Jahr aufrechtzuerhalten.

Mikrofone messen den Lärmpegel jedes Autos

Kritiker und einige Anwohner am Bilster Berg wollten die Strecke aus Lärmschutzgründen verhindern. Es gelang ihnen nicht, Erfolg hatten sie trotzdem. Sie haben nämlich durchgesetzt, was von Glasenapp jetzt das modernste und fortschrittlichste Lärmmanagement nennt, das bis dato auf einer Rennstrecke installiert wurde. Es funktioniert mittels spezieller Mikrofone, die entlang der Strecke installiert sind. Jedes Auto, das über den Kurs brettert, erhält einen Transponder.

So kann die Elektronik permanent den Schallpegel messen und die Geräusche exakt den einzelnen Fahrzeugen zuordnen. Noch ehe das für jeden Tag einzeln festgelegte Lärmkontingent überschritten wird, was die sofortige Einstellung des Betriebs zur Folge hätte, kann die Streckenleitung dadurch das Tempo einzelner Fahrzeuge drosseln oder sie ganz aus dem Feld nehmen. Nötig dürfte das allerdings kaum werden, glaubt von Glasenapp. "Wir können Autos mit bis zu 138 Dezibel auf die Strecke lassen. Zum Vergleich: Ein Formel-1-Renner hat 145 Dezibel."

Natürlich gab und gibt es viele Skeptiker, aber Geschäftsführer Glasenapp hält das Konzept für beispielhaft. Der geplante Kostenrahmen sei eingehalten worden, es floss kein öffentliches Geld. Lediglich die Inbetriebnahme erfolgte jetzt erst ein Jahr später als geplant. Die Nachfrage ist groß: Autofirmen, Markenclubs, Rennfahrschulen, Reifenhersteller - glaubt man von Glasenapp, stehen sie bereits Schlange. Bei Tagesmieten zwischen 15.000 und 20.000 Euro ist das wohl kein schlechtes Geschäft. Bis weit in den Herbst jedenfalls ist die Strecke ausgebucht.

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insgesamt 57 Beiträge
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1. Der Adlige?
scooby11568 08.07.2013
Wer oder was soll das sein? Es gibt keine Adligen mehr in Deutschland, Gott sei Dank. Der Herr ist kein Graf, das ist nur ein Teil seines Nachnamens.
2. Privat finanziert...
Stelzi 08.07.2013
... so soll es sein. Dem Lärmschutz wird auch Rechnung getragen - noch besser! "Wir können Autos mit bis zu 138 dB auf die Strecke lassen. Zum Vergleich: Ein Formel-1-Renner hat 145 dB." Allerdings sollte erwähnt sein, dass 145 dB rund 70% lauter empfunden wird als 138 dB - die Skala ist schliesslich nicht linear sondern logarithmis.
3. Ein Glück dass es solche Leute noch gibt.
si tacuisses 08.07.2013
Zitat von sysopGut versteckt im Teutoburger Wald dröhnen ab sofort die Motoren. Das von einem Adligen gebaute Drive Ressort Bilster Berg ist die erste neue Rennstrecke im Westen Deutschlands seit mehr als 80 Jahren. Der Kurs ist knifflig und überrascht mit einer neuen Art der akustischen Totalüberwachung. Drive Ressort Bilster Berg: Neue Rennstrecke im Teutoburger Wald - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/drive-ressort-bilster-berg-neue-rennstrecke-im-teutoburger-wald-a-907064.html)
Was Politspinner und geldgierige Hazardeuere eus dem Nürbugring gemacht haben sollte Warnung genug sein. Der Bilster Berg ist ein positives Beispiel. Wundert mich nur dass es dort keine Rot/Grünpunkt-Kröten gab und offenbar die Rheinarmee der Briten auch sämtlich Juchtenkäfer nach GB evakuiert hatte. Kompliment, Tommies !
4. Eine super-Sache
MS_FFM 08.07.2013
Eine private Rennstrecke, ohne dass Steuergelder verbraten wurden: Davon kann z.B. Rheinland-Pfalz eine Scheibe abschneiden. Und grundsätzlich finde ich es menschenfreundlich und umweltfreundlich, wenn es abgesperrte Rennbahnen gibt. Wer auf Privatstraßen rasen kann, hat wirklich keine Ausrede mehr, wenn er auf öffentlichen Straßen zu schnell oder zu laut unterwegs ist. Kann sich ein Hobbyschütze beschweren, wenn er nicht in der Öffentlichkeit rumballern kann?
5. Bin gespannt ...
osbourne68 08.07.2013
wann sich die ersten Autohasser hier auf den Plan gerufen fühlen und der Welt erklären wollen, wie sinnlos das alles ist und man das Geld lieber für soziale Projekte eingesetzt gesehen hätte ;-)
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