DTM-Legende Bernd Schneider "Ich wundere mich, wenn ich überholt werde"

Bernd Schneider ist hinter Michael Schumacher der erfolgreichste deutsche Motorsportler aller Zeiten. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verrät die DTM-Legende, warum er noch immer gerne schnell im Kreis fährt, und wie ihm sein Beruf beim Familienausflug das Leben rettete.


SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, wie viele Kilometer haben Sie im Verlauf Ihrer Karriere bereits auf Rennstrecken zurückgelegt?

Schneider: Das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Es sind einige, vor allem, wenn man die Kart-Zeit dazu nimmt. Mit fünf Jahren habe ich mit dem Kart-Sport angefangen und mit 18 bin ich in den Automobilsport gewechselt. Da kommen einige Kilometer zusammen.

DTM-Raserei: Rennfahrer Bernd Schnedier gehört zu den Top-Piloten in der zweitbeliebtesten Rennserie nach der Formel 1
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SPIEGEL ONLINE: Wer hat Sie eigentlich mit fünf ins Kart gesetzt?

Schneider : Das war ich selber. Als ich drei oder vier Jahre alt war, bin ich immer Kettcar gefahren. Mir war aber damals schon klar, ich will irgendwas mit Motor haben. Und mit fünf habe ich dann einen Jungen gesehen, der ist bei uns in der Straße mit einem motorisierten Kettcar auf und ab gefahren. Dann habe ich meinen Vater überredet, mir auch eins zu besorgen.

SPIEGEL ONLINE: Mancher Vater würde sich hüten, seinen Sohn noch vor der Einschulung Gas geben zu lassen.

Schneider : Ich hatte Glück, es war nicht sehr schwer, meinen Vater davon zu überzeugen. Er selbst ist schon immer ein absoluter Motorsportnarr gewesen, mein Opa aber überhaupt nicht. Deshalb konnte mein Vater seine Leidenschaft nicht ausleben, mich hat er dann aber voll unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Hat man als Fünfjähriger nicht Angst vor der neuen Beweglichkeit? So wie die meisten Kinder, wenn sie das erste Mal ohne Stützräder Fahrrad fahren sollen?

Schneider : Überhaupt nicht. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, es war kurz vor Ostern 1970. Am Rande eines Go-Kart-Rennens organisierte mein Vater mir ein gebrauchtes Kart, meine erste Fahrt ging über einen Parkplatz. Es war für mich das Allergrößte, wirklich. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, einmal etwas zu bewegen, ohne mich körperlich anstrengen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt fahren Sie bald seit 40 Jahren schnelle Fahrzeuge. Was reizt Sie so am sportlichen Autofahren?

Schneider : Es geht nicht nur um den Sieg, sondern darum, sich mit seinem Auto am absoluten Limit zu bewegen und es hinzubekommen, dass das Auto genau das macht, was der Fahrer will. Motorsport ist viel mehr, als nur stupide im Kreis zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Aber im Prinzip geht es doch immer im Kreis, von ein paar Geraden und Kurven einmal abgesehen…

Bernd Schneider: Im Kart ging es los, inzwischen fährt der 43jährige seit 17 Saisons in der DTM
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Bernd Schneider: Im Kart ging es los, inzwischen fährt der 43jährige seit 17 Saisons in der DTM

Schneider : Das sehe ich anders. Der Motorsport ist viel komplexer, als die meisten Menschen denken. Viele sehen nur den Rennfahrer, der da seine Runden dreht. Aber man sieht nicht, dass der Motorsport ein absoluter Teamsport ist. Die Herausforderung ist, ein erfolgreiches Team auf die Beine zu stellen und dann das Maximale aus sich, aus dem Team und aus dem Auto herauszukitzeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden im Juli 43 Jahre alt. Als Fußballer müssten Sie jetzt schon in der Alten Herren spielen. Wie motivieren Sie sich auch in Ihrem 17. DTM-Jahr aufs Neue?

Schneider : Das Gute ist ja, dass ich eine Sportart ohne Körperkontakt betreibe, anders als die Fußballer, die ihre Knochen ganz schön hinhalten müssen. Von daher kann man bei uns länger auf hohem Niveau dabei sein – wobei es, ehrlich gesagt, nicht einfacher wird, je älter man ist. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Das klingt banal, aber es ist so. Man geht anders daran als jemand, der sich jeden Tag zum Job quälen muss. Wenn ich mich irgendwann überhaupt mal motivieren müsste, dann muss ich sofort aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auch im normalen Straßenverkehr ein sportlicher Fahrer?

Schneider : Überhaupt nicht. Man wird auch im Alter etwas ruhiger. Aber bei den heutigen Verkehrsverhältnissen kann man ja gar nicht mehr richtig Autofahren. Man muss froh sein, wenn man ohne Stau von A nach B kommt.

SPIEGEL ONLINE: Hilft denn die Rennerfahrung im Alltagsverkehr?

Schneider : Ganz sicher. In Frankreich hatte ich mal einen Unfall, bei dem ich blitzschnell reagieren musste. Ich war dabei, einen Lkw zu überholen, als der plötzlich rüberzog, weil vor ihm ein Auto eine Vollbremsung machte. Der Lastwagen ist mir voll in die Seite gefahren, mir ist dabei der Reifen geplatzt. In so einer Situation dann die Nerven zu behalten, ruhig zu bremsen und nicht zu überlenken, das verdanke ich schon meinem Beruf. Denn mit einem Straßenauto quer über die Autobahn zu rutschen, das kann ins Auge gehen. So aber konnte ich rechts ausrollen, und weder meinem Kind noch meiner Freundin oder mir ist etwas passiert.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie als Rennfahrer nicht nervös, wenn man Sie auf der Autobahn überholt?

Schneider : Nein. Ich wundere mich eher, wenn ich überholt werde, weil das ja meistens in Zonen mit Geschwindigkeitsbegrenzungen passiert und die Leute offensichtlich keine Angst vor Führerscheinentzug haben.

SPIEGEL ONLINE: Was verbraucht eigentlich ein DTM-Rennwagen auf 100 Kilometer?

Schneider : Das ist von Rennstrecke zu Rennstrecke verschieden, je nach Streckenführung variiert ja der Vollgasanteil. Der Verbrauch dürfte so bei 30, vielleicht 35 Liter liegen. Man sollte aber bedenken, dass wir in einem Rennen dabei stets unter Vollast fahren.

SPIEGEL ONLINE: Ist Motorsport noch zeitgemäß angesichts der CO2-Problematik?

Schneider: Ich sage mal so: Eigentlich müsste man dann jede große Sportveranstaltung auf der ganzen Welt in Frage stellen, denn die größte Belastung sind doch die Zuschauer, die mit ihren Fahrzeugen dorthin fahren. Wenn wir allein die Bundesliga abschaffen würden, hätten wir gleich mal jedes Wochenende Hunderttausende bewegte Fahrzeuge weniger.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Motorsport hat schon einen starken Symbolcharakter. Da heizen Rennwagen um die Wette, während alle Welt die Minderungen von CO2-Emissionen diskutiert.

Schneider : Das wird auch für den Motorsport in Zukunft eine Herausforderung sein. Wenn vorgeschrieben würde, zum Beispiel Hybrid-Alternativen auch im Motorsport einzuführen, könnte das eine große Signalwirkung haben. Die FIA hat diesbezüglich Pläne für zukünftige Reglements. Der Motorsport kann viel für die Entwicklung von Lösungen für die Serienproduktion tun, wenn neue Technologien für Serienautos weiterentwickelt werden. Ein Formel-1-Rennen oder ein paar DTM-Rennen im Jahr in Deutschland - die belasten die Umwelt nicht wirklich.

Das Interview führte Philip Wesselhöft



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