Dynamik des Staus Sturköpfe kommen schneller ans Ziel

Gestörte Wahrnehmung: Wenn Autofahrer im Stau stecken, überschätzen die meisten die eigene Cleverness. Hektische Spurwechsel und ausgeklügelte Ausweichtaktiken machen die Schleichfahrt meist nur noch quälender. Verkehrsforscher untersuchen, wie sich Staus wirklich austricksen lassen - und wie nicht.


13.147 Kilometer - das ist die Strecke von Düsseldorf bis Darwin in Australien. So lang waren die Staus an zwölf Reisewochenenden im Jahr 2007, wenn man alle Stillstandskilometer addiert.

Dieses Jahr dürfte es ähnlich schlimm werden, besonders während der anstehenden Rückreisewelle werden lange Staus erwartet. Ursachen dafür können Bauarbeiten oder Unfälle sein. Mit 57 Prozent im vergangenen Jahr war jedoch hohes Verkehrsaufkommen der häufigste Grund für eine verstopfte Autobahn.

"Die Kapazitätsgrenze liegt zwischen 1500 und 1800 Fahrzeugen pro Stunde und Spur", sagt Michael Schreckenberg, Professor des Fachbereiches für die Physik von Transport und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen. Das entspricht 0,4 bis 0,5 Wagen pro Sekunde. Bei solchen Bedingungen reicht eine Kleinigkeit, und der Verkehr wird erheblich beeinträchtigt oder kommt zum Erliegen.

Muss unter diesen Umständen ein Fahrzeug stark bremsen, werden nachfolgende Verkehrsteilnehmer behindert und müssen ihre Geschwindigkeit ebenfalls mindern. Kommt ein Auto gänzlich zum Stehen, wird es ernst. Mit einem Wagen aus dem Stand loszufahren, dauert rund zwei Sekunden. Kommt während dieser Zeit ein zweites Auto herangefahren, muss auch das abbremsen und kann stehen bleiben. So entwickelt sich eine Stauwelle, die mit zirka 15 km/h dem nachfolgenden Verkehr entgegen wabert. Jetzt hilft nur noch Geduld, denn der Stau löst sich erst auf, wenn der Fahrzeugzufluss abnimmt.

Gestörte Wahrnehmung bei Verkehrsteilnehmern

Wer im Stau steht und denkt, er könne Zeit sparen, in dem er von der Autobahn abfährt, irrt. Auf Landstraßen wird der Verkehr etwa durch Ampeln und andere Hindernisse gebremst. Die Kapazität liegt also deutlich unter der einer Autobahn. Nicht der einzige Fehler, den Autofahrer häufig begehen: "Auch ständiges Wechseln der Spur behindert den Gesamtverkehrsfluss", sagt Stauexperte Schreckenberg.

Trotzdem tun dies viele. "Bleibt man auf der selben Spur, hat man das Gefühl, auf der anderen gehe es schneller." sagt Schreckenberg. "Der Autofahrer hat immer das Gefühl von mehr Wagen überholt zu werden, als er selber überholt." Seine Wahrnehmung konzentriert sich auf das Geschehen vor dem Fahrzeug. Was dahinter passiert, bekommt er nicht mit. Auch Fußgänger fokussieren sich auf das Geschehen vor ihnen, weshalb es oft an Bahnhöfen und Flughäfen nur eine Warteschlange gibt, die sich erst kurz vor den Schaltern teilt.

Droht ein Stau, handeln Autofahrer unterschiedlich. Ihr Verhalten hat ein Forscher-Team der Uni Duisburg-Essen um Schreckenberg zusammen mit einem Team des Nobelpreisträgers für Wirtschaft Reinhard Selten untersucht. Sie fanden heraus, dass es prinzipiell drei Typen von Verkehrsteilnehmern gibt. Zu der Gruppe der Sensiblen gehören 44 Prozent. Sie reagieren sofort bei einem gemeldeten Stau und verlassen die Autobahn. Den zweiten Typ bilden mit 14 Prozent die Taktierer, die genau das nicht tun, was man gemeinhin machen würde. Sie fahren zum Beispiel in den Stau und hoffen, dass möglichst viele - insbesondere die Sensiblen - die Autobahn verlassen.

Und drittens gibt es die Konservativen, die immer ihren eigenen Vorstellungen folgen. Eine Untergruppe bilden die Stoisch-Konservativen, zu denen 1,5 Prozent der Autofahrer gehören. Sie wählen immer die gleiche Route - egal was passiert. Sie sind die erfolgreichsten und gelangen im Schnitt schneller ans Ziel als die anderen. Wer von sich glaubt, er gehöre zu den Sensiblen und zu den Stoikern konvertieren möchte, sei gewarnt. Ändern zu viele Verkehrsteilnehmer ihr Verhalten, wäre der Vorteil für die Stoiker nicht mehr vorhanden.

Weniger Wagen auf Autobahnen durch Ampeln

Mit ihrem Verhalten können Autofahrer auch die Stauentstehung beeinflussen. Im zähfließenden Verkehr kann schon ein Abstand von zehn Metern zum Vordermann reichen, um den Stillstand des eigenen Fahrzeugs und einen kapitalen Stau zu verhindern, wenn der Vorausfahrende nur kurz zum Stehen kommt. Viele Fehler werden auch beim Überholen gemacht. Oft wechseln Fahrer wieder zu früh auf die rechte Spur, nachdem sie einen anderen Wagen überholt haben. Der langsamere Fahrer kann dadurch genötigt sein, die Geschwindigkeit zu reduzieren, damit er den Mindestabstand - die Hälfte der aktuellen Geschwindigkeit in Metern - zum vorausfahrenden Fahrzeug einhält.

Eine andere Möglichkeit, Staus zu vermeiden und schneller aufzulösen, ist die adaptive Abstandskontrolle ACC. Weil das elektronische System schneller reagiert als ein Mensch, kann es optimal abbremsen, wenn der Vordermann langsamer wird - und wieder schneller beschleunigen, so dass ein Stillstand vermieden wird. Damit das zuverlässig funktioniert, müssen aber alle Wagen mit der Technik ausgestattet sein. Effektiver ist schon jetzt die Zuflusskontrolle an Autobahnauffahrten durch Ampeln. Besonders im Ruhrgebiet stehen Lichtzeichenanlagen, deren Grünphase meist so kurz ist, dass ein Pkw auf die Autobahn fahren kann.

Die Reise mit dem Zug ist nicht immer eine Alternative. Aber zumindest kann sich jeder entspannen: Verspätet sich der Zug, liegt das nicht an einem selbst.



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