Elektro-Zweirad-Studien Die große Freiheit

Okay, der Sound ist mickrig - dafür bieten Elektro-Motorräder völlig neue Möglichkeiten beim Design. Zwei E-Bike-Prototypen zeigen das auf radikale Art.

EXPEMOTION

Von Christian Frahm


Tank? Braucht man nicht. Kühler? Auch nicht. Außerdem entbehrlich: Getriebe, Auspuff, Vergaser oder Einspritzanlage und allerhand anderes Geraffel, was bei einem Motorrad mit Verbrennermotor so an Teilen mitgeschleppt werden muss. Stattdessen gibt es bei Elektromotorrädern: Viel Raum für abgefahrenes Design.

E-Bikes könnten so was wie der Joker der Elektromobilität sein. Kaum ein Mensch erwartet von einem Motorrad ewige Reichweite, weil die wenigsten Menschen mit Motorrädern reisen. Es erwartet auch niemand umfassenden Komfort, der Gewicht bedeutet und damit Einbußen bei der Reichweite. Motorräder sind heute noch das, was Autos einmal waren: Fahrmaschinen. Und als E-Bikes könnten sie besonders faszinieren.

"Die meisten Menschen denken, dass bei einem Elektromotorrad das außergewöhnliche Fahrgefühl verloren geht", sagt Martin Hulin. Er arbeitet beim französischen Motorrad-Start-up Expemotion, das gerade eine ziemlich erstaunliche E-Bike-Studie namens E-Raw vorgestellt hat. "Wir wollen die Vorteile des Elektromotorrades mit der traditionellen Fahrkultur herkömmlicher Verbrenner verbinden", erklärt er. Sehr viel mehr als Rahmen, Sitz und zwei Räder braucht er dafür nicht.

Die große Freiheit

Der Prototyp E-Raw entstand binnen vier Monaten. In einer kleinen Werkstatt nahe der französischen Stadt Lyon entwickelte der 27-jährige Hulin mit einem vierköpfigen Team aus Technikern das E-Motorrad. Auffälligstes Merkmal ist der aus 80 Schichten Ahorn-Holz gefertigte Sitz, dessen Fertigung mehrere Tage Arbeitszeit in Anspruch nahm.

Der Sitz veranschaulicht perfekt, welche Freiheiten Designer von E-Bikes haben. Im Profil bildet er die Silhouette eines typischen Motorradtanks mit angeschlossenem Sitz, doch er ist eben nur die Linie darum herum, der Rest ist - Nichts.

Dieser Schlichtheit folgt auch der Rest der Maschine. Ein Stahlrohrrahmen, eine Federgabel, ein Lenker und zwei Räder - mehr braucht es nicht zur Fortbewegung. "Um wirklich nachhaltig zu sein, muss das Motorrad so einfach wie möglich konstruiert sein", erklärt Hulin. Und je einfacher, desto robuster und langlebiger sei das Gefährt, so die einfache Formel des Designers.

Bisher wird das E-Raw auf die denkbar umweltfreundlichste und zugleich unsinnigste Art betrieben: durch Schieben. Einen Motor hat das Zweirad nämlich noch nicht. "Nachdem das Design nun fest steht, kümmern wir uns in der zweiten Phase um die geeignete Motorisierung und Batterietechnik", so der Expemotion-Chef. Ist ein passender Antrieb gefunden, soll das E-Bike dann in einer limitierten Version produziert werden.

E-Bike im Zwanzigerjahre-Look

Einen Schritt weiter in der Entwicklung ist David Twomey, Konstrukteur des Juicer 3kW, einer Mischung aus Elektrofahrrad und Motorrad. Seit 2010 baut der 44-jährige Grafikdesigner handgefertigte Elektrofahrräder in seinem Einmannbetrieb in Los Angeles im US-Bundestaat Kalifornien.

Der nun präsentierte Prototyp wird von einem vier PS starken Bürstenmotor angetrieben und erreicht eine Geschwindigkeit von knapp 50 km/h. Das 36 Kilogramm schwere Fahrrad soll so eine rein elektrische Reichweite von knapp fünfzig Kilometern haben. Das reicht locker für einen ausgedehnten Stadtbummel, und wer dabei zusätzlich in die Pedale tritt, kommt natürlich weiter. Auch einen Preis hat Twomey kalkuliert, umgerechnet rund 6200 Euro.

Auch bei diesem Zweirad ist das eigentlich Verblüffende die Optik. Das Bike sieht aus wie ein Motorrad aus den Zwanzigerjahren. Und tatsächlich stammen der Sitz und die Sitzfedern ebenso aus dem Motorradbau wie der Rückspiegel und der Frontscheinwerfer. Auch ein Zigarettenanzünder zum Aufladen mobiler Geräte ist vorhanden. Die Batterien und der Motor sind gut sichtbar montiert, denn hinschauen ist ausdrücklich erwünscht. "Die meisten Hersteller verstecken die elektrischen Komponenten", kritisiert Twomey. Mit ehrlichem Design habe das aber nichts zu tun. "Ein Elektrofahrrad sollte stolz darauf sein, was es ist, und offen zeigen, welche Technik in ihm steckt."

So unterschiedlich die beiden E-Zweirad-Prototypen sind, als Gemeinsamkeit verbindet sie ein bestechend klares Design ohne Schnickschnack. Eine Philosophie, die beispielsweise Hersteller wie Tesla, BMW und Co. mit ihren hochtechnisierten, oft überentwickelten E-Autos nicht beherzigen oder nicht beherzigen können. Weil an Autos eben ganz andere Ansprüche gestellt werden als an ein Motorrad.



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Seite 1
Das Grauen 27.10.2015
1. Häßlich.
Dafür ist kein Markt da. Zu einem guten Designer gehört auch, daß er Formen findet, die beim potentiellen Käufer ankommen. Dieser Quatsch, der schon eine Grundregel verletzt (Form follows function - wer soll wie darauf sitzen?) ist grober Unfug und höchstens als unfahrbares Kunstwerk zu verkaufen.
wo_st 27.10.2015
2. Vorgestern
Wofür braucht es Kette oder Zahnriemen, es gibt doch Motoren direkt als Radnabe. Das ist Design von Vorgestern.
momo2015 27.10.2015
3. Echte Alternativen die schon fahren
Elektromobilität ist die Zukunft. Jetzt müssen die Produkte auch mal gezeigt werden, die in den Garagen gegen alle Widerstände der Öl-Mafia entwickelt werden. VW mit seinem Diesel-Skandal zeigt, mit welcher Kraft die alten Konzerne sich an die Vergangenheit klammern. Neben den Designstudien zum schieben gibt es bereits innovative Kleinserien, die auch selber fahren können. So z.B. der von Roman Braschler entwickelte BlackDiamond. Neben E-Antrieb hat der auch einen Carbon-Rahmen anstelle der klassischen Stahlrohre und kann so als Doppel-Innovation betrachtet werden. Wäre toll, wenn man mehrere von diesen neuen eMotorrädern mal als Übersicht bekommen könnte.
crisou 27.10.2015
4. Die Reste aus der Garage!
Man nehme: Eine alte Mopedlampe, ein Mountain-Bike, die Plastik-Kotflügel vom alten Matra, den ausrangierten Flötotto-Stuhl. Dazu E-Motor und Akku und fertig ist die Laube! Ein E-Bike Hobbythek-Produkt! Mit einer "Indian", der Harley JD 1926, oder den Zündap aus den 20ern definitiv NICHT zu vergleichen.
ChristophLangner 27.10.2015
5. Fahrkomfort
@wo_st: An einem Fahrzeug, besonders an einem leichten Zweirad, möchtest du möglichst wenig ungefederte Massen haben.
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