Verstädterung, Individualisierung, Elektrifizierung - gerne führt die Autoindustrie diese drei Entwicklungen als ihre größten Herausforderungen an. Insofern war es geradezu spektakulär, als im Herbst 2011 auf der IAA in Frankfurt die deutschen Firmen Audi, Opel und VW jeweils ein Konzeptfahrzeug vorstellten, das Antworten auf alle Megatrends auf einmal gab. Audi Urban Concept, Opel Rak-e und VW Nils hießen die ein- oder zweisitzigen Minimalfahrzeuge mit Elektroantrieb. Botschaft der futuristischen Seifenkisten: Die Autobauer denken um, das Fahrzeug der Zukunft wird kleiner und schont die Ressourcen.
Die anfängliche Euphorie um die schöne neue Kleinstautowelt ist längst verpufft. Wer sich heute nach den vierrädrigen Protagonisten von damals erkundigt, erhält von den Herstellern meist faktenfreie Ankündigungslyrik als Antwort. "Derzeit beobachten wir die Marktresonanz zu diesem Fahrzeugkonzept und analysieren und bewerten diese." Das erwidert zum Beispiel VW auf die Frage, ob und in welcher Weise an dem Einsitzer Nils derzeit gearbeitet wird. Weniger umständlich formuliert heißt das wohl: Mal sehen, wie sich der Renault Twizy verkauft.
Denn der französische Zweisitzer, eine Kreuzung aus Roller und Kleinwagen, ist der Präzedenzfall für diese neue Art von Fahrzeugen, die auf den Kurzstreckenverkehr in Ballungsräumen zugeschnitten sind. 6990 Euro kostet das Mikrogefährt von Renault, pro Monat kommen noch 50 Euro Akkumiete dazu. Seit Anfang April 2012 wird der Twizy in Deutschland verkauft, bis Ende Juli konnte der Hersteller 1800 Exemplare absetzen. Für weitere 2300 Twizy liegen Bestellungen vor. Konkurrenz muss das französische Unikum derzeit nicht fürchten.
"Zum aktuellen Zeitpunkt keine Angaben"
Das sah im vergangenen Herbst noch anders aus: Opel-Designer Friedhelm Englert sagte damals über den Rak-e: "Alle Komponenten sind greifbar. Wir müssen sie nur zusammenschrauben und loslegen." Ähnlich optimistisch klangen die Aussagen von Audi zum Elektro-Zweisitzer mit Kohlefaserkarosserie namens Urban Concept. "Aus technischer Sicht könnten wir in zwei, drei Jahren in Serie gehen", hieß es von den Verantwortlichen.
Derartig Konkretes gibt es momentan nicht zu hören. Man entwickle im Rahmen einer Gesamtstrategie Visionen für die urbane Mobilität, heiß es bei Audi. In diesem Kontext spiele "natürlich auch der Audi Urban Concept eine wichtige Rolle". Auf die Frage, wann man wieder mal etwas von dem futuristischen Fahrzeugkonzept hören oder sehen werde, wiegeln die Ingolstädter ab. Dazu gebe es "zum aktuellen Zeitpunkt keine Angaben".
Ähnlich vage bleiben die Aussagen von Opel zum Rak-e. "An dem Projekt wird kontinuierlich gearbeitet, es spielt eine wesentliche Rolle in der Zukunftsplanung von Opel", sagt ein Unternehmenssprecher. Wesentliche Rolle hört sich verheißungsvoll an, doch präziser wird es leider nicht. Die drei Schmalspurmobile, so scheint es, wurden wohl etwas voreilig als das neue große Ding ausgerufen.
Zögerliche Strategie
"Ich halte diese Fahrzeuge für eine wirklich neue Mobilitätslösung und ein zukunftsfähiges Marktsegment - aber der richtige Zeitpunkt dafür ist noch nicht gekommen", sagt Tom De Vleesschauwer, Direktor für Langzeit-Planung beim Beratungsunternehmen IHS Auto Industry Analysis. Das liegt seiner Ansicht nach auch an den noch unklaren Rahmenbedingungen für die Mikromobile. Werden spezielle Fahrspuren für sie eingerichtet? Erhalten sie finanzielle Vergünstigungen oder gesonderte Parkplätze? Und nach welchen Regeln werden sie überhaupt zugelassen?
Der Renault Twizy beispielsweise gilt als Quad. Die passende Zulassungsklasse L7e begrenzt das erlaubte Leergewicht auf maximal 550 Kilogramm und die Leistung auf höchstens 20 PS. "Ich vermute, dass vor allem einige deutsche Autohersteller sehr zurückhaltend sein werden, so lange nicht klar ist, als was diese Fahrzeuge eigentlich eingestuft werden", sagt De Vleeschauwer.
Es ist ein bekanntes Muster: Das Gros der Autoindustrie ruft erst einmal nach dem Gesetzgeber. Es kann jedoch lange dauern, bis der aktiv wird. Währenddessen schaffen ein paar andere einfach Fakten. Etwa Renault mit dem Twizy. Oder auch Toyota mit dem elektrisch angetriebenen Minimobil Coms. Von dem Einsitzer sind in Japan bereits 2000 Exemplare auf der Straße. Über einen Vertrieb in Europa denkt Toyota derzeit nach.
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