Neue Akku-Technologie  Drei Brüder mischen die E-Autobranche auf

Die Gebrüder Kreisel aus der Provinz Österreichs haben einen Akku erfunden, der die größten Probleme der E-Mobilität lösen könnte. Die Autoindustrie ist neugierig geworden.

Kreisel Electric GmbH

Aus Freistadt (Österreich) berichtet Margret Hucko


Mitten in einem Wohngebiet in Freistadt, Österreich, gut 35 Kilometer von Linz entfernt, soll eines der innovativsten Unternehmen der E-Mobilität beheimatet sein. Doch nichts weist in dem 8000-Seelen-Ort darauf hin - nicht mal ein Schild.

Vor der Garage auf einem Hinterhof parkt ein dunkler Porsche-Panamera, daneben ein Skoda Yeti, beide tragen den Firmennamen Kreisel auf der Seite. Dazu den Hinweis, dass die umgerüsteten Fahrzeuge elektrisch betrieben werden. Was hinter den Türen passiert? Nicht einsehbar. Schilder an der Eingangstür verbieten Besuchern das Fotografieren im Inneren der Halle. Es herrscht Geheimhaltung.

Eine Firmengarage aus Oberösterreich elektrisiert die Autobranche. Selbst VW hat dort probeweise die Umrüstung eines E-Golfs in Auftrag gegeben. Aber wie kommt es, dass ein kleines Familienunternehmen, geführt von drei Brüdern, in der milliardenschweren Autoindustrie auf Interesse stößt?

Strengere Abgasvorschriften, schlechte Luftqualität in den Städten - der Autoindustrie wird zusehends klar, dass mittelfristig kein Weg an strombetriebenen Fahrzeugen vorbeiführt. Doch lange Zeit verdrängten die Konzerne diese Erkenntnis, und trieben die Entwicklung und Produktion von Kernkomponenten wie der Batterie nur pflichtschuldig - wenn überhaupt - voran. Statt neue Antriebstechnologien zu forcieren, setzten gerade deutsche Konzerne auf den Diesel - bis im vergangenen Jahr der VW-Abgasskandal kam.

"2030/2040 könnte die Jahresproduktion von E-Autos bei etwa 40 Millionen liegen", sagt Peter Fintl von der Technologie-Beratung Altran. "Derzeit werden weltweit gerade einmal 500.000 solcher Pkw produziert." Kurz: Der Bedarf ist hoch - und der Markt bisher fest in den Händen von wenigen asiatischen Großkonzernen wie Panasonic, Samsung oder LG. Europa hat Nachholbedarf.

"Die ganze Welt klopft an"

Markus Kreisel (37) bittet zu einem Rundgang durch die Garage, seine zwei Brüder Philipp (26) und Johann (39) seien unterwegs. Sie besuchen Kunden, erzählt er.

Die Kreisel-Brüder: Philipp, Johann und Markus (v. l. n. r.)
Kreisel Electric GmbH

Die Kreisel-Brüder: Philipp, Johann und Markus (v. l. n. r.)

In dem schlichten Bau sieht es eher nach handfestem Kfz-Betrieb aus als nach Hightech-Labor. Auf einer Hebebühne steht ein Mercedes Sprinter, der einen E-Antrieb erhält. Die Bodenplatte eines E-Golfs liegt in einem Regal, daneben ein Zettel mit dem Projektnamen: "Barbara" ("Meine Frau", sagt Kreisel). In einem abgetrennten Raum arbeitet ein kleiderschrankgroßer Laser - aber kein Mensch. "Mittagspause." Normalerweise sorgen hier 30 Spezialisten dafür, dass Hightech-Batterien für Fahrzeuge entstehen. Noch überwiegend in Handarbeit.

Kreisels Telefon klingelt. Er entschuldigt sich, hebt ab und erklärt, dass sich für diesen Nachmittag eine Delegation von Varta angekündigt hat. "Die ganze Welt klopft derzeit bei uns an."

Kreisel verspricht Batterien für E-Fahrzeuge, die leichter, kompakter und leistungsfähiger sind als alles, was derzeit auf dem Markt erhältlich ist. Trifft dieser Dreiklang tatsächlich zu, könnte er eines der größten Probleme der Mobilität von Morgen auf einen Schlag lösen. Denn die Batterie gilt als Schlüsseltechnologie der E-Mobilität und als einer der Hauptgründe dafür, weshalb Elektroautos nach wie vor ein Nischendasein fristen.

Zwei Patente auf dem Kreisel-Akku

"Porsche möchte bis 2020 Autos anbieten, die deutlich mehr als 300 Kilometer Reichweite haben. Wir können das heute schon", sagt Markus Kreisel, selbstbewusst. Große Worte für eine kleine Firma, die erst seit knapp zwei Jahren besteht.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Start-ups, die behaupteten, die Wunderbatterie entdeckt zu haben. Da war zum Beispiel das Unternehmen DBM Energy aus Berlin, das bei einer Rekordfahrt mit einer Batterieladung von München bis nach Berlin fuhren, um den Durchbruch der Elektromobilität zu feiern. Später brannte das Auto mit dem Wunder-Akku ab, die Firma strukturierte sich um, geriet in Insolvenz und versucht aktuell einen Neustart - wie der "Tagesspiegel" schreibt.

Kreisel Electric arbeitet anders. Die Firma besitzt zwei Patente auf das Batteriesystem. Diese stoßen auf Interesse - auch bei Volkswagen. Der vom Abgasskandal gebeutelte Konzern setzt nun auf den Ausbau der E-Mobilität und steht derzeit im Austausch mit möglichen Partnern für die Batterieentwicklung- und Produktion, wie ein Unternehmenssprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mitteilte. "Auch die Firma Kreisel mit ihren leistungsfähigen Batterien ist unserem Unternehmen bekannt", so der Sprecher.

Doch was macht die Kreisel-Technologie so besonders? Da wäre zum einen das Temperaturmanagement der Zellen. Bisher werden Batterien entweder gar nicht gekühlt - so wie beim E-Golf - oder nur punktuell. Um aber künftig leistungsstärkere E-Autos bauen zu können mit schnelleren Be- und Entladezeiten, stoßen herkömmliche Batterien an ihre Grenzen - es entsteht Thermik, die nur durch ein ausgeklügeltes Temperaturmanagement in den Griff zu kriegen ist.

Kreisel gibt an, das jetzt schon zu können. Die empfindlichen Zellen werden von einer nicht leitenden Flüssigkeit umströmt und so - je nach Bedarf - gekühlt oder geheizt, erklärt Kreisel. "Es haben sich schon viele an der Direktkühlung probiert", sagt Altran-Berater Fintl. "Wesentlich ist es, die Vorteile auch in der Großserie darstellen zu können. Dann ist es vielleicht jetzt der Durchbruch", sagt er.

Das E-Auto des Vaters gab die Initialzündung

Zum anderen werden die Zellen nicht wie üblich durch Schweißen miteinander verbunden, sondern durch Lasertechnologie. Sowohl beim Schweißen als auch beim Lasern werden die empfindlichen Bauteile hohen Temperaturen ausgesetzt. Doch im Gegensatz zum Schweißen soll das Lasern einen gravierenden Vorteil haben: Es geht schneller. Durch das kürzere Prozedere und das von den Kreisel-Brüdern entwickelte Verfahren könne Gefahr einer Beschädigung und eine damit einhergehende Leistungseinbuße der Zelle minimiert werden, so Kreisel. So können die Batterien bei Schnellladung in 18 (80 Prozent) bis 28 Minuten (100 Prozent) aufgeladen werden.

Viel mehr Geheimnisse wollen die Kreisel-Brüder nicht verraten. Das technische Know-how besitzen Markus' Brüder Johann und Philipp, ein gelernter Elektroniker und Maschinenbautechniker. Zwei von ihnen arbeiteten bereits im elterlichen Betrieb zusammen, den Kreisel als "Mutterfirma" bezeichnet - eine etwas in die Jahre gekommene Red-Zac-Filiale, die von Kopfhörern über Waschmaschinen bis hin zu Fernsehern alles verkauft.

Doch wie kommt ein Brüder-Trio aus einer eher strukturschwachen Region in Österreich auf eine vermeintliche Wunderbatterie?

Es fing an mit einem Autokauf des Vaters. Der schaffte sich vor fünf Jahren ein E-Auto an, einen Renault Fluence, um zu einer nahegelegenen Landwirtschaft zu pendeln - seinem Hobby. 20 Kilometer hin, 20 Kilometer zurück - eine ideale Distanz für ein E-Auto. Erst hielten die Geschwister den Kauf des Vaters für "verrückt", bis sich die drei Brüder am Drehmoment des E-Autos erfreuten. "Doch ein Auto nur zum Pendeln? Das war mir zu wenig", sagt Markus Kreisel. Gemeinsam mit seinen Brüdern beschloss er, ein ausdauernderes E-Auto zu bauen.

Im nächsten Jahr will Kreisel in einer Fabrik Batterien bauen

Schon in ihren Jugendjahren galten die drei Kreisel-Brüder als Tüftler. "Wir bauten große Subwoofer. Darin waren wir sogar Staats- und Weltmeister", erzählt Kreisel über die verrückten Neunziger, in denen rollende Lautsprecher in der Autoszene schwer angesagt waren. "Und ein Car-Hifi-Verstärker ist ähnlich aufgebaut wie ein Inverter für einen Elektromotor".

Dass es ihm irgendwann einmal zu eng werden könnte zwischen Familie und Firma, kommt dem 37-Jährigen nicht einmal in den Sinn. "Ich komme aus einem Familienbetrieb und kenne es nicht anders. Da jeder von uns Dreien sein eigenes Gebiet hat, um das er sich kümmert, kommen wir uns nicht in die Quere", sagt er.

Nach Feierabend fingen die Brüder an, einen Audi A2 umzubauen. Innerhalb einer Woche war das Auto fertig, "das ging überraschend schnell", so Kreisel. Der Selbstbau kam auf etwa 100 Kilometer Reichweite, doch er war viel zu schwer. Der Ehrgeiz des Trios war angestachelt.

"Als nächstes kauften wir einen Porsche 911", erzählt Kreisel. Diesmal dauerte der Umbau ein halbes Jahr statt nur sieben Feierabende. Am Ende hatte der Wagen mit einer Motorleistung von 180 kW und einer Batteriekapazität von 65 kWh eine Reichweite von etwa 400 Kilometern und ein Fahrzeuggewicht, das mit 1550 Kilo sogar noch knapp unter dem des Originals lag. "Mit diesem Fahrzeug fuhren wir zu den Herstellern und stellten unser Konzept vor." Der erste Auftrag kam von einem Chinesen, der in Deutschland ein Auto bauen lassen wollte - das sogenannte ITaxi, ein Luxus-Taxi für Peking. Anders als bei den Autos zuvor, empfanden die Kreisel-Brüder den Job als echte Arbeit und nicht mehr als Hobby. "Die gesamte Freizeit ging drauf."

Lieber Kleinserie statt Massenproduktion

Deshalb machten die Brüder ihre Feierabend-Beschäftigung zum Job und gründeten mit der Kreisel Electric GmbH ihr eigenes Unternehmen. Etwa drei Kilometer von der Firmengarage entfernt soll bis März 2017 eine eigene Kreisel-Batteriefabrik mit automatisierter Fertigungslinie entstehen. Wenn die Fabrik steht, sind insgesamt 15 Millionen Euro in das Unternehmen geflossen - viel Geld, das die Kreisel-Brüder selbst aufbringen. Investoren gibt es keine.

Entwurf der Kreisel-Fabrik
Kreisel Electric GmbH

Entwurf der Kreisel-Fabrik

Von oben betrachtet wird der Bau das Firmenlogo darstellen, das sich aus den drei stilisierten Ks der Kreisel-Brüder zusammensetzt. In Rainbach sollen bis zu 70 Arbeitsplätze entstehen und jährlich Batterien für etwa 8000 Fahrzeuge vom Band laufen. "Die Kapazitäten ließen sich aber auch problemlos verdoppeln oder verdreifachen", so Kreisel.

In die Großserienproduktion wollen die Brüder dennoch nicht einsteigen, sondern sich eher auf kleinere Aufträge spezialisieren wie Prototypen, Vor- oder Kleinserien von bis zu 500 Autos. Will ein Autohersteller eine größere Anzahl an Batterien bei Kreisel Electric ordern, soll er eine Lizenz für die Fertigungslinie erwerben und selber in der Fabrik produzieren.

Erst dann, wenn ein namhafter Hersteller als Untermieter bei den Kreisels einzieht, wird man mit Sicherheit sagen können, ob Kreisel Electric zu den innovativsten Unternehmen der Branche gehört. Erste Anerkennungen gibt es bereits: Kreisel Electric wurde im vergangenen Jahr mit dem Energy Award ausgezeichnet - einem renommierten Preis für vielversprechende Innovationen.



insgesamt 222 Beiträge
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Seite 1
kalim.karemi 07.07.2016
1. wer es glaubt...
das größte Problem ist die Energiedichte, aus dem Artikel konnte ich nicht entnehmen, daß deren Batterien eine höhere Reichweite hätten, als das was es schon auf dem Markt gibt.
benmiwe 07.07.2016
2. Lasern
Die Batterien werden immernoch geschweißt! Dies geschieht jedoch mittels Laserschweißverfahren.
momentum 07.07.2016
3. Und wenn 100 gute Innovationen kämen,
die Autoindustrie will es nicht wirklich, die Politik will es nicht wirklich - denn Lobbyisten und der dahinterstehende Arbeitsmarkt, würde sich selbst entmachten. Aller Neubeginn, ist langwierig und schmerzhaft.
xees-s 07.07.2016
4.
Na hoffentlich werden sie von der Auto- oder Batterieindustrie und deren Patentanwälten nicht über den Tisch gezogen!
westerwäller 07.07.2016
5. Oh, welch Lapsus ...
Zitat: "... einer Batteriekapazität von 65 kW/h ..." Nee, liebe Technik-Redakteure, eine solche Einheit gibt es nicht ... 65kWh ist richtig ...
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