E10-Diskussion: Stunde der Allesbrenner

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In Deutschland haben viele Autofahrer Angst um ihr Auto, in Brasilien ist die Diskussion um den Sprit E10 fast unbekannt. Dort kippt man den Bio-Alkohol oft sogar unverdünnt in den Tank - und im Wechsel mit Benzin. Allerdings haben die Wagen speziell dafür umgerüstete Motoren.

Volvo S80 Flexifuel: Allesschlucker aus Schweden Zur Großansicht

Volvo S80 Flexifuel: Allesschlucker aus Schweden

Erhöhter Verschleiß, vorzeitige Ölwechsel, korrodierte Benzinleitungen und undichte Tanks - es gibt kaum ein Schreckenszenario, das in der aktuellen E10-Diskussion nicht skizziert wird. Doch wenn selbst zehn Prozent Ethanol im Benzin für den Motor so gefährlich sein sollen: Wie, so fragen sich viele, halten dann die Autos in Brasilien? Schließlich wird das Ethanol dort sogar rein ausgeschenkt und erreicht mittlerweile einen Marktanteil von etwa 50 Prozent. Und was machen die Schweden, wo E85 seit vielen Jahren zum Alltag zählt? Fahren die nach jedem Tankstopp in die Werkstatt, haben sie mehr Pannen oder brauchen öfter neue Autos?

"Nein, sie haben nur Motoren und vor allem Kraftstoffsysteme, die speziell für den Ethanol-Einsatz ausgerüstet sind", erläutert Ulrich Kramer, der in der Motorenentwicklung von Ford die Erforschung der alternativen Kraftstoffe verantwortet. Die Umrüstung ist nötig, weil Ethanol aggressiver ist als Benzin und deshalb manche Bauteile im Fahrzeug angreifen kann. "Gefährdet sind vor allem Kunststoffe und ungeschützte Leichtmetalle, die mit Ethanol in Kontakt kommen", erläutert der Experte. Dabei geht es nicht um den Motorblock aus Aluminium und nicht um die Plastikabdeckung unter der Haube: "Sondern wir reden insbesondere vom Kraftstoffsystem, also dem Tank und den Leitungen zum Motor, die Kraftstoffpumpe und die Verteilerleisten zu den Zylindern", präzisiert der Experte.

Doch bevor gleich wieder Panik ausbricht, unterstreicht Kramer noch einmal, dass der an unseren Tankstellen bereitgestellte E10-Kraftstoff für die allermeisten Autos in Deutschland tatsächlich kein Problem ist. "Die vor ein paar Tagen aufgekommene Geschichte mit der Verwässerung des Öls ist absoluter Mumpitz", wettert der Entwickler, und die empfindlichen Materialien werden bei den allermeisten Herstellern schon seit Jahren nicht mehr eingebaut. Das verdanken wir vor allem den Amerikanern, bei denen E10 seit über einem Jahrzehnt zum Alltag gehöre, erläutert Kramer. Darauf hat sich die Industrie eingestellt und entsprechende Umstellungen vorgenommen. Auch deshalb sei die Positivliste für die E10-Verträglichkeit so lang.

Während man E10 also bei der Mehrzahl der Fahrzeuge bedenkenlos und ohne neuerliche Umbauten tanken könne, müsse man bei höheren Ethanol-Konzentrationen schon etwas genauer hinschauen, warnt der Ford-Manager: "Zu E85 oder E100 ist es ein gewaltiger Schritt, für den man einen Motor gründlich umbauen muss", sagt Kramer. Das erfordere nicht nur noch hochwertigere Materialien für das Leitungs- und Dichtungssystem. "Sondern dann muss man auch ans Steuergerät und die Elektronik neu programmieren."

Sensoren ermitteln den Ethanolgehalt

Wie viel Kraftstoff in den Zylinder gelangt, wie lange die Ventile geöffnet sind und wann gezündet wird - das müsse man dann alles für den höheren Ethanolgehalt und die geringere Energiedichte des Kraftstoffs optimieren, gibt er zu bedenken. Das erklärt auch, warum in Deutschland nur eine handvoll Fahrzeugmodelle, darunter auch einige von Ford, mit dem bei uns noch vergleichsweise raren E85 betrieben werden können.

Als wäre die Umstellung auf den neuen Kraftstoff nicht schon kompliziert genug, müssen die Entwickler aber zudem noch alle möglichen Mischungsverhältnisse berücksichtigen. "Bei nicht einmal 250 Tankstellen in Deutschland können wir ja schlecht von einem Dauerbetrieb mit E85 ausgehen", sagt Kramer. Und auch die Brasilianer waren wegen der hohen Preisschwankungen nicht mit reinen Ethanol-Fahrzeugen zufrieden. Die Lösung sind so genannte Flex-Fuel-Fahrzeuge, bei denen eine Elektronik den Ethanolgehalt im Kraftstoff ermittelt und die gesamte Motorsteuerung entsprechend variiert.

"Das hat bei uns den Durchbruch gebracht", sagt Adhemar Altieri vom Verband der brasilianischen Zuckerrohrindustrie, deren Ethanol man längst an allen 35.000 Tankstellen des Landes bekommt: Seitdem hat fast jeder Autofahrer in Brasilien eine kleine Tabelle im Wagen, auf der Benzin- und Ethanolpreise verglichen werden und gleich auch noch der rund 30-prozentige Mehrverbrauch des Biokraftstoffs berücksichtigt ist. "Je nach aktuellem Marktpreis tanken die Leute dann Benzin oder Ethanol", sagt Altieri. Der Sprit aus Zuckerrohr kommt dabei nach seinen Angaben gut weg: "Diesel gibt es nur für Busse und Lastwagen, bei Pkw und leichten Nutzfahrzeugen dagegen kommt Ethanol auf einen Marktanteil von weit mehr als 50 Prozent", berichtet der Lobbyist.

Während Deutschland über die den Wechsel von E5 zu E10 streitet und die Experten über die Verträglichkeit des Kraftstoffs diskutieren, ist die Ethanol-Nation Brasilien unterdessen schon einen Schritt weiter. Dort hat längst die Ära der Allesbrenner begonnen. Denn Autos wie der Fiat Siena TetraFuel fahren nicht nur Benzin oder Ethanol, sondern obendrein auch noch mit Erdgas.

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1. Unterscheide zu Deutschland!
homeuser 09.03.2011
Dass selbst E85 in Brasilien u. Schweden viel getankt wird hat zwei entscheidende Gründe: Die Autos dort sind komplett darauf umgerüstet (sogenanntes "Flex Fuel") UND diese Umrüstung und das tanken des entsprechenden Sprits werden massiv steuerbegünstigt u. z.T. subventioniert! Außerdem sollte man sich mal die Bevölkerungsdichte von Brasilien/Schweden und die von Deutschland anschauen: Während Deutschland ein sehr engbesiedeltes Land ist, sind Brasilien und Schweden Länder mit sehr viel freier flächer - die natürlich dementsprechend für Landwirtschaft zur Verfügung steht. Offizielle zu der Bevölkerungsdichte (in Einwohner je km²): Deutschland: 230,5 Brasilien: 23,6 Schweden: 20,2 (Quelle: Wikipedia, "Bevölkerungsdichte" & "Liste der Staaten der Erde") Nochmal zum mitschreiben: in Deutschland leben 10x soviele Menschen auf einem Quadrat-Kilometer wie in Schweden oder Brasilien! Dementsprechend logisch, dass in Schweden und Brasilien auch dementsprechend mehr "Luft" und freien Ackerflächen vorhanden sind um die Einwohner mit Bioethanol zu versorgen!
2. Oje
Gani 09.03.2011
Zitat von homeuserDass selbst E85 in Brasilien u. Schweden viel getankt wird hat zwei entscheidende Gründe: Die Autos dort sind komplett darauf umgerüstet (sogenanntes "Flex Fuel") UND diese Umrüstung und das tanken des entsprechenden Sprits werden massiv steuerbegünstigt u. z.T. subventioniert! Außerdem sollte man sich mal die Bevölkerungsdichte von Brasilien/Schweden und die von Deutschland anschauen: Während Deutschland ein sehr engbesiedeltes Land ist, sind Brasilien und Schweden Länder mit sehr viel freier flächer - die natürlich dementsprechend für Landwirtschaft zur Verfügung steht. Offizielle zu der Bevölkerungsdichte (in Einwohner je km²): Deutschland: 230,5 Brasilien: 23,6 Schweden: 20,2 (Quelle: Wikipedia, "Bevölkerungsdichte" & "Liste der Staaten der Erde") Nochmal zum mitschreiben: in Deutschland leben 10x soviele Menschen auf einem Quadrat-Kilometer wie in Schweden oder Brasilien! Dementsprechend logisch, dass in Schweden und Brasilien auch dementsprechend mehr "Luft" und freien Ackerflächen vorhanden sind um die Einwohner mit Bioethanol zu versorgen!
Super, das steht schon im Artikel. Nicht nur die Zusammenfassung lesen... Zusammenhangslos. Grosse Mengen des Ethanols bzw. Rohstoffe dafür werden ohnehin importiert. Es geht hier alleine um die Frage wieso man nicht in der Lage war der Bevölkerung zu verklickern, dass die erdrückende Mehrheit der Fahrzeuge kein Problem mit E10 haben wird. Denn dann gäbe es diese hysterische Debatte nicht und man könte darüber sprechen wieso Ethanol der ersten Generation schlecht ist und man stattdessen auf Ethanol aus Abfällen setzen sollte wenn man noch den CO2 Bonus mitnehmen will und nicht bloss den reduzierten Erdölverbrauch.
3. Es ist ja sehr schön,
Danny Wilde 09.03.2011
dass der SpOn sich so wacker auf die Seite des politisch gewollten Unsinns stellt - das war auch nie anders zu erwarten! Wer gewillt ist zu recherchieren, der wird bald feststellen, dass die Anbauflächen der Erde nicht ausreichen, um bereits nur Bruchteile der - weltweit - benötigten "Bio"-Ethanolmengen herstellen zu können. All die zutreffenden contra-Ethanol-Argumente sind hier in den entsprechenden Foren zig-Mal durchgekaut worden: Lebensmittelpreise, (Ur-) Waldrodungen, eine exakt gegenteilige, nämlich extrem schlechte, als die vorgelogene positive CO2-Bilanz, etc. pp.; und am Ende war der Tenor immer derselbe: "Ich mach mir keinen Kopp um's Auto, sondern der ökologische Unsinn nervt! Schluss mit der Bevormundung!" Und jetzt steigt der SpOn erwartungsgemäß in den Nebenkriegsschauplatz "Aufklärung" ein: Linien-Journalismus à la DDR 2.0 oder EUdSSR. Wenn's wenigstens nicht gar so offensichtlich wär! Nebenbemerkung: Hätten wir WIRKLICH ein CO2-Eintragsproblem (sorry: ich bin Meteorologe - wir haben es NICHT!), aber, um des Spielens willen, sagen wir: wir HÄTTEN eines - um wieviel Billionen Euro wäre es günstiger, die Regenwaldabholzungen effizient zu unterbinden? Konsequente Dachbegrünung in den Metropolen zu betreiben? Brachflächen weltweit gezielt mit CO2-fressenden Gewächsen aufzuforsten? Papperlapapp! Darum geht's ja auch nicht!! "Klimagas"-Ablasshandel zu Nutzen selbsternannter Lizenzhalter (geldhungrige Staaten) ohne nachweisbaren CO2-Effekt: und auch das im Verbrauch mit 10-20% (!!) höher zuschlagende E10 passt hierein, denn wer verdient dabei am besten? Am über 60%igen Steueranteil? Der Staat. Aus diesen Gründen ist es naiv, anzunehmen, die Stimmen der Straße (oder: der Vernunft) hätten eine Chance. No sir. E10 wird kommen, da wird der Untertan noch gefügig gebogen. Da marschieren BILD und SpOn nach dem Gutti-Guerre auch brav wieder im Gleichschritt, marschmarsch!
4. Umgerüstete Autos
mopsfidel 09.03.2011
Zitat von homeuserDass selbst E85 in Brasilien u. Schweden viel getankt wird hat zwei entscheidende Gründe: Die Autos dort sind komplett darauf umgerüstet (sogenanntes "Flex Fuel") UND diese Umrüstung und das tanken des entsprechenden Sprits werden massiv steuerbegünstigt u. z.T. subventioniert! Außerdem sollte man sich mal die Bevölkerungsdichte von Brasilien/Schweden und die von Deutschland anschauen: Während Deutschland ein sehr engbesiedeltes Land ist, sind Brasilien und Schweden Länder mit sehr viel freier flächer - die natürlich dementsprechend für Landwirtschaft zur Verfügung steht. Offizielle zu der Bevölkerungsdichte (in Einwohner je km²): Deutschland: 230,5 Brasilien: 23,6 Schweden: 20,2 (Quelle: Wikipedia, "Bevölkerungsdichte" & "Liste der Staaten der Erde") Nochmal zum mitschreiben: in Deutschland leben 10x soviele Menschen auf einem Quadrat-Kilometer wie in Schweden oder Brasilien! Dementsprechend logisch, dass in Schweden und Brasilien auch dementsprechend mehr "Luft" und freien Ackerflächen vorhanden sind um die Einwohner mit Bioethanol zu versorgen!
Die Autos werden dort nicht umgerüstet. Die Autos werden in dieser Variante einfach schon so von der Industrie verkauft. Oder anders herum gesagt: man hat es in Brasilien mittlerweile schwer, Autos zu finden, die das Ethanol-Benzin nicht vertragen. Mir ist wirklich schleierhaft, wieso man in Deutschland da so Wellen macht. Der E-Anteil steigt von 5 auf 10 Prozent, und schon fällt der deutsche Autofahrer in Ohnmacht. Ich könnte jetzt das Wort "typisch" gebrauchen. :)
5. ...
hasenfuss27 09.03.2011
Und wieder ein Artikel, der des Pudels Kern nicht wiedergibt... Es geht nicht darum, ob die Autos das Zeug vertragen oder nicht... Der Großteil der Leute weis das und tankt die Suppe trotzdem nicht... Es geht darum, dass unsere Vorturner in Berlin verdeckt: - die Steuern erhöhen - die Landwirtschaft quersuventionieren - uns BioSprit andrehen wollen, der nicht Bio ist und nebenbei noch negativen Einfluss auf die Lebensmittelpreise haben könnte... - Das ganze natürlich noch zu einem schlechteren Preis/Leistungs-Verhältnis
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Alle Informationen zum neuen E10-Benzin
Was ist E10 und warum wird es eingeführt?
Das "E" steht für Ethanol, die "10" für den künftig zehnprozentigen Anteil von Bioethanol im Benzin. Mit Erhöhung der Beimischung von fünf auf zehn Prozent setzt die Bundesregierung EU-Vorgaben um. Hintergrund ist das Ziel, den CO2-Ausstoß von Autos zu senken.
Das neue, E10 genannte Benzin vertragen allerdings nicht alle Autos.
Fahrer sollten sich also informieren, ob ihr Wagen betroffen ist.
Warum kann E10 für ein Auto gefährlich sein?
Laut ADAC kann E10 aggressiv mit Metall- und Kunststoffteilen reagieren. Im schlimmsten Fall sind auch Motorschäden denkbar. Der Alkohol kann Aluminium zersetzen, das auch in Motoren oder in Benzinpumpen verwendet wird. Daneben kann E10 den Kunststoff von Kraftstoffschläuchen oder Dichtungen angreifen. Werden Leitungen löchrig, kann sich Benzin an heißen Motorbauteilen entzünden.
Welche Autos vertragen E10 - und welche nicht?
Laut Bundesumweltministerium (BMU) können 90 Prozent der Autos mit Benzinmotor "ohne Einschränkungen" E10 tanken. Über vier Millionen der in Deutschland zugelassenen Autos vertragen den Sprit demnach nicht. Informationen zur Verträglichkeit geben Händler und Hersteller. Aus dem Alter eines Autos lässt sich dies nicht ableiten, teils ist E10 auch für neuere Modelle ungeeignet. Eine Liste mit Autos, die den neuen Sprit nicht tanken sollten, hat die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Informationen gibt es auch beim ADAC.
Was tanken künftig Autos, die kein E10 vertragen?
Für die gibt es an allen Tankstellen auch weiter E5 mit fünf Prozent Bioethanol - laut BMU "zeitlich unbefristet". E10 selbst wird künftig als "Super E10" an den Zapfsäulen gekennzeichnet sein, E5 wie bisher als "Super".
Wie viel kostet E10?
Das BMU schließt nicht aus, dass Benzin durch die Einführung von E10 teurer wird. Auf die Ölkonzerne kämen zusätzliche Kosten etwa für die Herstellung von Ethanol zu. Zudem steigt demnach auch der Benzinverbrauch durch E10 um knapp zwei Prozent wegen des geringeren Energiegehalts von Alkohol im Vergleich zu Benzin.
Weitere Informationen im Internet

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