Von Tom Grünweg
Erhöhter Verschleiß, vorzeitige Ölwechsel, korrodierte Benzinleitungen und undichte Tanks - es gibt kaum ein Schreckenszenario, das in der aktuellen E10-Diskussion nicht skizziert wird. Doch wenn selbst zehn Prozent Ethanol im Benzin für den Motor so gefährlich sein sollen: Wie, so fragen sich viele, halten dann die Autos in Brasilien? Schließlich wird das Ethanol dort sogar rein ausgeschenkt und erreicht mittlerweile einen Marktanteil von etwa 50 Prozent. Und was machen die Schweden, wo E85 seit vielen Jahren zum Alltag zählt? Fahren die nach jedem Tankstopp in die Werkstatt, haben sie mehr Pannen oder brauchen öfter neue Autos?
"Nein, sie haben nur Motoren und vor allem Kraftstoffsysteme, die speziell für den Ethanol-Einsatz ausgerüstet sind", erläutert Ulrich Kramer, der in der Motorenentwicklung von Ford die Erforschung der alternativen Kraftstoffe verantwortet. Die Umrüstung ist nötig, weil Ethanol aggressiver ist als Benzin und deshalb manche Bauteile im Fahrzeug angreifen kann. "Gefährdet sind vor allem Kunststoffe und ungeschützte Leichtmetalle, die mit Ethanol in Kontakt kommen", erläutert der Experte. Dabei geht es nicht um den Motorblock aus Aluminium und nicht um die Plastikabdeckung unter der Haube: "Sondern wir reden insbesondere vom Kraftstoffsystem, also dem Tank und den Leitungen zum Motor, die Kraftstoffpumpe und die Verteilerleisten zu den Zylindern", präzisiert der Experte.
Doch bevor gleich wieder Panik ausbricht, unterstreicht Kramer noch einmal, dass der an unseren Tankstellen bereitgestellte E10-Kraftstoff für die allermeisten Autos in Deutschland tatsächlich kein Problem ist. "Die vor ein paar Tagen aufgekommene Geschichte mit der Verwässerung des Öls ist absoluter Mumpitz", wettert der Entwickler, und die empfindlichen Materialien werden bei den allermeisten Herstellern schon seit Jahren nicht mehr eingebaut. Das verdanken wir vor allem den Amerikanern, bei denen E10 seit über einem Jahrzehnt zum Alltag gehöre, erläutert Kramer. Darauf hat sich die Industrie eingestellt und entsprechende Umstellungen vorgenommen. Auch deshalb sei die Positivliste für die E10-Verträglichkeit so lang.
Während man E10 also bei der Mehrzahl der Fahrzeuge bedenkenlos und ohne neuerliche Umbauten tanken könne, müsse man bei höheren Ethanol-Konzentrationen schon etwas genauer hinschauen, warnt der Ford-Manager: "Zu E85 oder E100 ist es ein gewaltiger Schritt, für den man einen Motor gründlich umbauen muss", sagt Kramer. Das erfordere nicht nur noch hochwertigere Materialien für das Leitungs- und Dichtungssystem. "Sondern dann muss man auch ans Steuergerät und die Elektronik neu programmieren."
Sensoren ermitteln den Ethanolgehalt
Wie viel Kraftstoff in den Zylinder gelangt, wie lange die Ventile geöffnet sind und wann gezündet wird - das müsse man dann alles für den höheren Ethanolgehalt und die geringere Energiedichte des Kraftstoffs optimieren, gibt er zu bedenken. Das erklärt auch, warum in Deutschland nur eine handvoll Fahrzeugmodelle, darunter auch einige von Ford, mit dem bei uns noch vergleichsweise raren E85 betrieben werden können.
Als wäre die Umstellung auf den neuen Kraftstoff nicht schon kompliziert genug, müssen die Entwickler aber zudem noch alle möglichen Mischungsverhältnisse berücksichtigen. "Bei nicht einmal 250 Tankstellen in Deutschland können wir ja schlecht von einem Dauerbetrieb mit E85 ausgehen", sagt Kramer. Und auch die Brasilianer waren wegen der hohen Preisschwankungen nicht mit reinen Ethanol-Fahrzeugen zufrieden. Die Lösung sind so genannte Flex-Fuel-Fahrzeuge, bei denen eine Elektronik den Ethanolgehalt im Kraftstoff ermittelt und die gesamte Motorsteuerung entsprechend variiert.
"Das hat bei uns den Durchbruch gebracht", sagt Adhemar Altieri vom Verband der brasilianischen Zuckerrohrindustrie, deren Ethanol man längst an allen 35.000 Tankstellen des Landes bekommt: Seitdem hat fast jeder Autofahrer in Brasilien eine kleine Tabelle im Wagen, auf der Benzin- und Ethanolpreise verglichen werden und gleich auch noch der rund 30-prozentige Mehrverbrauch des Biokraftstoffs berücksichtigt ist. "Je nach aktuellem Marktpreis tanken die Leute dann Benzin oder Ethanol", sagt Altieri. Der Sprit aus Zuckerrohr kommt dabei nach seinen Angaben gut weg: "Diesel gibt es nur für Busse und Lastwagen, bei Pkw und leichten Nutzfahrzeugen dagegen kommt Ethanol auf einen Marktanteil von weit mehr als 50 Prozent", berichtet der Lobbyist.
Während Deutschland über die den Wechsel von E5 zu E10 streitet und die Experten über die Verträglichkeit des Kraftstoffs diskutieren, ist die Ethanol-Nation Brasilien unterdessen schon einen Schritt weiter. Dort hat längst die Ära der Allesbrenner begonnen. Denn Autos wie der Fiat Siena TetraFuel fahren nicht nur Benzin oder Ethanol, sondern obendrein auch noch mit Erdgas.
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