E10-Einführung: Autofahrer bleiben trotz Verträglichkeitslisten skeptisch

Skepsis statt E10-Boom: An den Zapfsäulen Deutschlands halten sich die Autofahrer noch stark zurück und tanken lieber Super Plus statt Biosprit. Fast zwei Drittel befürchten, ihrem Wagen mit dem Sprit-Mix zu schaden. Da hat auch der Benzingipfel nichts ändern können.

E10-Zapfhahn an einer Freien Tankstelle: Skepsis bei Autofahrern ist groß Zur Großansicht
dapd

E10-Zapfhahn an einer Freien Tankstelle: Skepsis bei Autofahrern ist groß

Berlin - Nach dem "Benzingipfel" im Wirtschaftsministerium am Dienstag hält sich die E10-Begeisterung bei den Autofahrern noch immer in Grenzen, getankt wird eher das teurere Super Plus. Nach verschiedenen Umfrage ist die Skepsis groß - trotz des Versprechens der Mineralölwirtschaft, kurzfristig verbindliche Listen über Biosprit-resistente Autotypen an den Tankstellen auszulegen.

Nur zehn Prozent der Deutschen wollen Biokraftstoff E10 tanken, ergab der am Donnerstagabend veröffentlichte ARD-Deutschland-Trend. 59 Prozent hingegen wollen erst einmal bei Super oder Super Plus bleiben. 29 Prozent wiederum geben an, einen Diesel-Wagen oder gar kein Auto zu fahren, laut der von Infratest Dimap durchgeführten Befragung.

Immerhin 61 Prozent der Deutschen seien dafür, die Einführung von E10 wieder rückgängig zu machen, 32 Prozent seien für die Fortführung des Angebots. Nach einer Studie von Emnid für den Fernsehsender N24 sind 59 Prozent der Befragten nach wie vor der Ansicht, dass E10 den Automotoren schadet, nur 27 Prozent glauben demnach der Ölindustrie und den Autoherstellern, dass der Biokraftstoff ungefährlich sei.

Trotz der gegenteiligen Umfragen verspüren die freien Tankstellen in einzelnen Regionen einen leicht anziehenden Verkauf des umstrittenen Treibstoffs. "Wir haben den Eindruck, dass es langsam besser wird", sagte Axel Graf Bülow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Freier Tankstellen (bft), in dem 570 Mitglieder mit rund 1800 Tankstellen organisiert sind. An den rund 1000 Tankstellen von Esso sei dagegen keine Veränderung beim E10-Absatz zu spüren, sagte Pressesprecherin Gabriele Radke.

Nicht geklärte Haftungsfrage verunsichert Autofahrer

Die freien Tankstellen hoffen, dass es mit den am Dienstag vereinbarten besseren Informations- und Werbemaßnahmen rasch eine Trendwende gibt - denn die sogenannte E10-Winterware muss bis April verkauft werden, betonte Bülow. Der Chef des Mineralölwirtschaftsverbandes, Klaus Picard, sagte: "Wir müssen weitermachen und so schnell wie möglich die Verbraucherakzeptanz gewinnen."

Als ein Hauptgrund für die Zurückhaltung an den Zapfsäulen gilt die auch auf dem Treffen am Dienstag nicht eindeutig geklärte Haftungsfrage und die Tatsache, dass Autofahrer wohl mit teuren Gutachten einen E10-Motorschaden beweisen müssten. Daher sagten sowohl Brandenburgs Verbraucherschutzministerin Anita Tack als auch der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Gerd Billen, nach einem Treffen am Donnerstag: "Das Thema ist noch nicht durch." Beide fordern eine erweiterte verbindliche Garantieerklärung der Automobilhersteller und eine unmittelbare Information der Autobesitzer über das Kraftfahrt-Bundesamt.

"Was jetzt beraten wurde, reicht nicht und dient weder dem Verbraucher- noch dem Umweltschutz", sagte Tack. "Mit dem Verweis auf die DAT-Listen und Aushänge an den Tankstellen können sich die Autofahrer nicht zufrieden geben", sagt Billen. Damit so eine Garantieerklärung rechtsverbindlich wird, müsste sie nach ihrer Ansicht von Billen und Tack den Verbrauchern individuell - etwa über das Kraftfahrt-Bundesamt - zugehen. Beim Gipfel war dieser Ansatz an der mangelnden Finanzierung des Portos für die Versandaktion gescheitert.

Laut Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hatte aber auch der vor allem der Zeitfaktor eine Rolle gespielt. "Das würde nach Angaben des Verkehrsministeriums bei über 30 Millionen Fahrzeughaltern wohl zwei Monate dauern. Eine solche Hängepartie wäre den Autofahrern nicht zuzumuten gewesen. Die jetzigen Beschlüsse sorgen für eine unmittelbare und rasche Information", sagte Brüderle.

Der Minister begrüßt die jüngste Klarstellung des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) zur Biosprit-Verträglichkeit. "Die Automobilkonzerne stehen für ihre Angaben gerade. Sie haben beim am Dienstag in Berlin nochmals erklärt, dass die DAT-Fahrzeuglisten zur E10-Verträglichkeit verbindlich sind", sagte Brüderle in Mainz. Sicher sei einiges bei der Verbraucherinformation bisher schief gelaufen, kritisierte Brüderle. Doch nun sei beim Gipfel der Blick nach vorne gerichtet worden.

Kein Bio für die Polizei

In Schleswig-Holstein ist man dennoch skeptisch: Mit Rückendeckung von Innenminister Klaus Schlie (CDU) verzichtet die Polizei zurzeit noch auf den Einsatz von E10 für ihre 160 mit Superbenzin betriebenen Wagen. "Bevor wir unseren Fuhrpark komplett lahmlegen oder größere Reparaturen provozieren, gehen wir auf Nummer sicher", sagte Landespolizeiamts-Sprecherin Jessica Wessel den "Lübecker Nachrichten". Grund sei, dass es "noch keine eindeutigen Aussagen von Herstellern und Werkstätten zur Verträglichkeit des Kraftstoffs mit den Motoren" gebe, sagte Wessel.

Der neue Super-Biosprit mit zehn Prozent Ethanol aus Getreide und Zuckerrüben soll zur neuen Haupt-Benzinsorte werden. Bisher macht E10 aber nur einen Anteil von 40 Prozent am gesamten Superbenzin-Verkauf aus. Da die Mineralölbranche von einem 90-Prozent-Anteil ausgegangen war, muss sie nun rasch sehen, wie mit einer besseren Information der Verbraucher der Absatz gesteigert wird, da die Raffinerien ihre Tanks leerbekommen müssen. Rund zehn Prozent der Autos vertragen den Sprit allerdings nicht.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) betont, dass es sich bei E10 nicht um "Staatsbenzin" handele, das von der Regierung verordnet worden sei. Vielmehr habe die Politik nur die Möglichkeit zur Einführung geschaffen. Die Benzinbranche will mit der Beimischung die Biokraftstoffquote von 6,25 Prozent erfüllen.

abl/dpa/AFP/dapd

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insgesamt 31 Beiträge
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1. ::
bicyclerepairmen 11.03.2011
Zitat von sysopSkepsis statt E10-Boom: An den Zapfsäulen Deutschlands halten sich die Autofahrer noch stark zurück und tanken lieber Super Plus statt Biosprit. Fast zwei Drittel befürchten, ihrem Wagen mit dem Sprit-Mix zu schaden. Da hat auch der Benzingipfel nichts ändern können. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,750341,00.html
Der "Benzingipfel" scheint auch die eigenen Beamten mächtig aufgeklärt zu haben. http://www.mopo.de/ratgeber/motor/polizei-darf-e10-nicht-tanken/-/5066778/8026022/-/index.html
2.
KobiDror 11.03.2011
Hier im Düsseldorfer Raum gibt es E10 nur an Supermarkttanken und das zum selben Preis wie E5... Soll das einer verstehen.
3. E10 Boykott: Watschen für Politik und Ölindustrie
Reformhaus 11.03.2011
Abseits der Verträglichkeitsdiskussion gibt es gute Gründe E10 zu boykottieren. E10 soll CO2 einsparen helfen. Viele fassen dies als glatte Lüge auf. E10 verschärft die Konkurrenz der Nutzung von Agrarflächen in einem gigantischen Ausmaß. Agrarflächen, die zur Nutzung von Lebensmitteln genutzt werden gehen zugunsten der Energieerzeugung verloren. E10 wurde von kurzsichtigen Politikern propagiert, die einen Nutzen von E10 vorschieben, der nicht haltbar ist. Allein dieser Grund ist Anlass genug mit Boyott zu reagieren. Watschen an Ölindustrie und Politik sind so lustvoll, dass man die paar Cent mehr an der Tankstelle gerne zahlt.
4. Ist ja herzallerliebst
Kaworu 11.03.2011
Ja ne ist klar, die Möglichkeit, Biokraftstoffquote zu erfüllen. Ich allerdings interpretiere die Nachrichten der letzten Tage eher so: Entweder, ihr Tankstellen führt E10 ein und verkauft es prächtig oder ihr zahlt Strafgebühren. Wo ist da die Freiwilligkeit?
5. 82,2%
der_Pixelschubser 11.03.2011
...der befragten Autofahrer lehnen laut einer Onlinebefragung E10 grundsätzlich ab (http://www.motor-talk.de/blogs/motor-talk-magazin/nicht-super-das-grosse-e10-verwirrspiel-t3156164.html) (Stand: heute Morgen). Die Polizei SH lehnt E10 ab. BMW lehnt E10 ab. Trotz aller Verträglichkeitsbeteuerungen will niemand eine Verantwortung übernehmen, wenn das Zeug doch zu Schäden führt. Ökologisch und ökonomisch sowie ethisch und moralisch ist dieses Zeug eine Katastrophe. Und jetzt versucht man uns, nach dem so genannten "Benzingipfel" mittels "besserer Aufklärung" doch zum Kauf dieser Plörre zu überreden. Meine Meinung dazu: Verarschen kann ich mich selber. Schönes Wochenende, Ihr Politpappnasen!
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Alle Informationen zum neuen E10-Benzin
Was ist E10 und warum wird es eingeführt?
Das "E" steht für Ethanol, die "10" für den künftig zehnprozentigen Anteil von Bioethanol im Benzin. Mit Erhöhung der Beimischung von fünf auf zehn Prozent setzt die Bundesregierung EU-Vorgaben um. Hintergrund ist das Ziel, den CO2-Ausstoß von Autos zu senken.
Das neue, E10 genannte Benzin vertragen allerdings nicht alle Autos.
Fahrer sollten sich also informieren, ob ihr Wagen betroffen ist.
Warum kann E10 für ein Auto gefährlich sein?
Laut ADAC kann E10 aggressiv mit Metall- und Kunststoffteilen reagieren. Im schlimmsten Fall sind auch Motorschäden denkbar. Der Alkohol kann Aluminium zersetzen, das auch in Motoren oder in Benzinpumpen verwendet wird. Daneben kann E10 den Kunststoff von Kraftstoffschläuchen oder Dichtungen angreifen. Werden Leitungen löchrig, kann sich Benzin an heißen Motorbauteilen entzünden.
Welche Autos vertragen E10 - und welche nicht?
Laut Bundesumweltministerium (BMU) können 90 Prozent der Autos mit Benzinmotor "ohne Einschränkungen" E10 tanken. Über vier Millionen der in Deutschland zugelassenen Autos vertragen den Sprit demnach nicht. Informationen zur Verträglichkeit geben Händler und Hersteller. Aus dem Alter eines Autos lässt sich dies nicht ableiten, teils ist E10 auch für neuere Modelle ungeeignet. Eine Liste mit Autos, die den neuen Sprit nicht tanken sollten, hat die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Informationen gibt es auch beim ADAC.
Was tanken künftig Autos, die kein E10 vertragen?
Für die gibt es an allen Tankstellen auch weiter E5 mit fünf Prozent Bioethanol - laut BMU "zeitlich unbefristet". E10 selbst wird künftig als "Super E10" an den Zapfsäulen gekennzeichnet sein, E5 wie bisher als "Super".
Wie viel kostet E10?
Das BMU schließt nicht aus, dass Benzin durch die Einführung von E10 teurer wird. Auf die Ölkonzerne kämen zusätzliche Kosten etwa für die Herstellung von Ethanol zu. Zudem steigt demnach auch der Benzinverbrauch durch E10 um knapp zwei Prozent wegen des geringeren Energiegehalts von Alkohol im Vergleich zu Benzin.
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