Lebensmittelpreis Niebel fordert Verkaufsstopp von Biosprit E10

Die Preise für Getreide steigen weltweit, die Uno warnt vor einer Lebensmittelkrise. Für Entwicklungsminister Niebel ist klar: Am drohenden globalen Hunger ist auch die Produktion von Biosprit schuld. Der FDP-Politiker fordert das sofortige Aus für den Verkauf von E10 in Deutschland.

Protest: Demonstranten halten ein Plakat mit der Aufschrift "Biosprit macht Hunger"
DPA

Protest: Demonstranten halten ein Plakat mit der Aufschrift "Biosprit macht Hunger"


Hamburg - Seit seiner Einführung im Februar 2011 ist der sogenannte Biosprit umstritten - nun hat sich erstmals auch ein Kabinettsmitglied kritisch zum Thema E-10-Treibstoff geäußert. Angesichts weltweit steigender Lebensmittelpreise will Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel den Biosprit E10 vorübergehend nicht mehr an deutschen Tankstellen verkaufen lassen.

"Das ist ein Konflikt zwischen Tank und Teller", sagte der FDP-Politiker am Mittwoch dem Fernsehsender n-tv. "Gerade bei steigenden Lebensmittelpreisen kann Biosprit zu stärkerem Hunger in der Welt beitragen".

Die von der früheren rot-grünen Bundesregierung durchgesetzte Beimischungspflicht führe letztendlich dazu, dass Menschen zu wenig Nahrung hätten. Zudem sei E10 in Deutschland ohnehin nie akzeptiert worden, so Niebel.

Die Dürre in den USA und Indien hatte zuletzt zu enormen Ernteausfällen geführt, die beispielsweise die Preise für Getreide in die Höhe getrieben haben. Die Vereinten Nationen warnten kürzlich vor einer Lebensmittelkrise. Bioethanol wird in Deutschland aus Getreide und vor allem aus sogenannten Industrierüben gewonnen, die zum Verzehr ungeeignet sind.

Es müsse, so Niebel weiter, Ziel der Forschung sein, die Feldfrüchte für die Nahrungsgewinnung zu erhalten und die Restprodukte für die Biosprit-Produktion zu nutzen. Hier müsse man zu cleveren Ergebnissen kommen.

Branche widerspricht

"Solange man die nicht hat, muss man sich vor dem Hintergrund der Dürre und Hungersituation in der Welt erst mal um die Ernährung der Menschen kümmern", sagte der Minister weiter. Den Sprit mit einem zehnprozentigen Ethanolanteil gibt es seit 2011 in Deutschland, er war von Union und FDP selbst auf den Weg gebracht worden. Zuvor hatte es nur E5 mit fünf Prozent Ethanol gegeben.

Die Biospritbranche wies die Ansicht zurück, Pflanzensprit verschärfe Hungerkrisen. Elmar Baumann, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) sagte, ein Verbot von E10 wäre nichts anderes als Symbolpolitik. "Von der deutschen Getreideernte gingen im vergangenen Jahr etwa vier Prozent in die Bioethanolproduktion." Ein E10-Verbot bliebe ohne Auswirkungen auf die Ernährungssituation in Entwicklungsländern.

Das mag vielleicht zutreffen, wenn man den deutschen Markt isoliert betrachtet. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, dass in den USA rund 40 Prozent der Maisernte nicht auf dem Tisch, sondern im Tank landen, lässt sich der Zusammenhang zwischen Rohstoffknappheit und steigenden Rohstoffpreisen kaum übersehen.

Keine Sonne im Tank

Hinzu kommt, dass erst kürzlich eine von der Akademie der Wissenschaften veröffentlichte Studie die Nachhaltigkeit von Biosprit in Frage gestellt hatte. Insgesamt 20 Wissenschaftler hatten Vorzüge und Nachteile von Biomasse als Brennstoff analysiert und waren zu einem klaren Ergebnis gekommen: Die "Verwendung von Biomasse als Energiequelle in größerem Maßstab (ist) keine wirkliche Option für Länder wie Deutschland".

Die Studie des renommierten Instituts entkräftete vor allem die Behauptung, durch die Verwendung von Biosprit würde das Klima geschont, weil bei der Verbrennung lediglich das aus der Luft in der Pflanze gespeicherte CO2 freigesetzt werde.

Dabei werde aber nicht berücksichtigt, dass durch den Einsatz von Maschinen, Dünger und Pestiziden bei der Bewirtschaftung der Ackerflächen ebenfalls CO2 anfällt. Hinzu käme, dass bei dem geplanten Ausbau und der damit einhergehenden Intensivierung die Umwelt durch Gewässerverschmutzung sowie den Verlust von Arten und Bodenfruchtbarkeit weiter belastet würde.

Zudem ist die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Herstellung von Biokraftstoffen höchst ineffizient. Lediglich zwei Promille der in der Pflanze gespeicherten Sonnenenergie finde sich in dem Benzin beigemischten Ethanol wieder, hatte kürzlich Hartmut Michel, Direktor am Max-Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt am Main in einem Kommentar für das Fachblatt "Angewandte Chemie" beklagt. Wenn man die Äcker, so der Wissenschaftler, mit Solarzellen voll stellen statt mit Pflanzen für Biosprit bestellen würde, wäre der Energieertrag um den Faktor 600 höher.

Bundesumweltminister Peter Altmaier zeigt sich von der aktuellen Diskussion unbeeindruckt. Das für den Biosprit zuständige Bundesumweltministerium wolle die Äußerungen Niebels nicht kommentieren, sagte eine Sprecherin. Sie betonte, mit E10 würden entsprechende EU-Vorgaben umgesetzt.

mhe/amz/dpa/dapd/Reuters



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 158 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
greenwasher 15.08.2012
1. Überraschend
Zitat von sysopDPADie Preise für Getreide steigen weltweit, die Uno warnt vor einer Lebensmittelkrise. Für Entwicklungsminister Niebel ist klar: Am drohenden globalen Hunger ist auch die Produktion von Biosprit Schuld. Der FDP-Politiker fordert das sofortige Aus für den Verkauf von E10 in Deutschland. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,850230,00.html
Das ist die mit Abstand beste Idee eines FDP Politikers die ich seit einer Ewigkeit gehört habe. Und das sage ich als jemand der sich eher in der rot-grünen Ecke zu Hause fühlt. Biosprit ist Greenwashing vom Feinsten, die Klimabilanz von E10 ist ein Witz. Dabei wurden bei den herrschenden Modellen mit Sicherheit noch nicht einmal sämtlich externen Kosten der Produktion internalisiert. Klares Pro für diesen Vorstoß
goliat7 15.08.2012
2. Man staune
ein richtig guter Vorschlag von dem Mann!
no-panic 15.08.2012
3.
Zitat von sysopDPADie Preise für Getreide steigen weltweit, die Uno warnt vor einer Lebensmittelkrise. Für Entwicklungsminister Niebel ist klar: Am drohenden globalen Hunger ist auch die Produktion von Biosprit Schuld. Der FDP-Politiker fordert das sofortige Aus für den Verkauf von E10 in Deutschland. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,850230,00.html
Niebel? Wer ist Niebel? Egal, der tut was für die deutschen Autofahrer, den wählen wir.
iffel1 15.08.2012
4. Herr Niebel - weiter so !
Ist ja das erste Mal eine vernünftige Idee von Ihnen ! Richtig, die 4% machen in Deutschland den Kohl nicht fett (und ernähren auch nicht die Ärmsten der Armen), aber die Geste zeigt die richtige Richtung !
ctrlaltdel 15.08.2012
5. ich kann
diesen Hampelmann mit Landsermuetze zwar nicht verkniesen, aber DIESER Vorstoss ist gut!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.