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29. August 2011, 18:30 Uhr

E10-Pleite

"Deutschland erlebt eine Bauchlandung"

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Die Politik wollte E10 mit Macht durchdrücken, doch die Bürger traten in den Kaufstreik. Nun wird die vorgeschriebene Quote wohl verfehlt, die Ölkonzerne müssen Strafe zahlen - und holen sich das Geld bei den Autofahrern wieder. Die müssen mit Preisaufschlägen von zwei bis drei Cent pro Liter rechnen.

Berlin - Schlechte Qualität, undurchsichtige Informationen, groteske Preispolitik - der Biosprit E10 hat sich für die Autofahrer zum Dauerärger entwickelt. Nun hat der Mineralölwirtschaftsverband auch noch zugegeben, dass die Händler schon seit Februar die Kosten für absehbare Strafgelder auf die Spritpreise aufschlagen. Die Strafgelder werden fällig, wenn die Konzerne die vorgeschriebenen E10-Quoten nicht erfüllen.

"Deutschland hat mit E10 eine Bauchlandung erlebt", fasst EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) das Debakel am Montag zusammen.

Die Mineralölbranche ist gesetzlich verpflichtet, 2011 einen Biokraftstoff-Anteil von 6,25 Prozent an der gesamten verkauften Kraftstoffmenge zu erreichen. Gelingt das nicht, drohen hohe Strafzahlungen an den Bund. Das Problem: Die Industrie bietet mit Super E10 zwar biohaltiges Benzin an, aber die Kunden kaufen es nicht, obwohl es billiger als klassisches Super ist. Dadurch wird die vorgeschriebene 6,25-Prozent-Quote unterschritten - und die Konzerne müssen Strafe zahlen.

Es war BP-Europachef Uwe Franke, der am vergangenen Freitag als Erster öffentlich auf die brisante Preisfrage hinwies. "Die Kosten für die Nichterfüllung der Quote dürften die Branche vermutlich zwischen 300 und 400 Millionen Euro kosten", erklärte der Manager. Letztlich werde den Unternehmen "nichts anderes übrig bleiben, als die entstandenen Kosten an die Kunden weiterzugeben".

Eine ganze Reihe von Fehlern

Wieso Franke das Thema zu diesem Zeitpunkt in die Öffentlichkeit trug und damit die Emotionen erneut schürte, bleibt sein Geheimnis. Doch wenn man die Entwicklung seit Beginn der E10-Diskussion betrachtet, ist der Schritt eigentlich nur konsequent - fast scheint es, als hätten alle Beteiligten eine Dramaturgie verabredet, um den Biosprit so massiv wie möglich zu torpedieren.

Der Erste, der das E10-Image beschädigte, war Norbert Röttgen. Gegen den Rat vieler Experten hatte der Umweltminister Anfang März die Quote mit aller Macht durchgesetzt: Es gehe darum, die Abhängigkeit Deutschlands vom Import fossiler Brennstoffe zu reduzieren und einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten, hieß es. Die Mineralölkonzerne willigten eher widerwillig in den Kompromiss ein, der auf dem Benzingipfel am 8. März gefunden worden war.

Ihrer Pflicht zur Aufklärung der Kunden kamen die Unternehmen allerdings kaum nach. "Im Vergleich zu den Kampagnen für die Einführung der neuen teuren Spritsorten war der Aufwand bei E10 lächerlich", erklärt ADAC-Spritexperte Jürgen Albrecht. Die Folge: Verunsicherte Kunden, die Angst hatten, ihren Motor womöglich mit E10 zu ruinieren.

E10 wurde zum Teufelszeug

Auch die Autoindustrie hielt sich lange Zeit zurück. Nach viel Hin und Her versicherten die Konzerne schließlich öffentlich, dass 90 Prozent der in Deutschland zugelassenen Pkw uneingeschränkt mit E10 betankt werden können. Nur - welche Motoren den Sprit nicht vertragen, darüber mussten sich die Autoinhaber mit teils aufwendiger Recherche selbst kundig machen.

Kein Wunder also, dass die Fahrer das Biobenzin schnell als Teufelszeug abhakten. Mit der Folge, das derzeit nach Angaben von Karin Retzlaff vom Mineralölwirtschaftsverbands "lediglich zehn Prozent der Autofahrer in Deutschland E10 tanken". Das entspricht ungefähr drei Millionen Pkw. Um aber die von der Politik geforderte Biosprit-Quote zu erfüllen, müssten fast alle Fahrzeuge E10 tanken - zumindest aber all jene, die den Sprit vertragen.

Dass es dazu in absehbarer Zeit kommen könnte, glaubt inzwischen keiner der Verantwortlichen mehr. Bereits kurz nach dem E10-Desaster vom Frühjahr lenkte die Mineralölwirtschaft ein und bot - neben dem verschmähten E10 und den hochoktanigen Superplus-Kraftstoffen - auch wieder das gute alte Super an. Spätestens da sei absehbar gewesen, dass die von der Politik geforderte Biosprit-Quote verfehlt werde, sagt Retzlaff. Ebenso klar sei damit gewesen, dass Ausgleichsabgaben fällig würden. "Im Prinzip wird seit der Rückkehr zur 'Drei-Sorten-Strategie' der Zuschlag auf das E5-Benzin erhoben", sagt Retzlaff. E5-Benzin - das ist das alte Super.

"Zwei bis drei Cent pro Liter"

"Diese zusätzlichen Kosten fließen natürlich in die Kalkulation der Benzinpreise mit ein", sagt Retzlaff. Dies gelte ausnahmslos für alle Benzinanbieter, schließlich sei die Biosprit-Quote für alle gleich. Die Höhe der Aufschläge schwanke je nach Mineralölunternehmen, liege aber im Mittel "zwischen zwei und drei Cent pro Liter", sagt Retzlaff.

Widerspruch kommt vom Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie. Ein Sprecher sagt, es sei längst nicht ausgemacht, ob die geforderte Quote tatsächlich verfehlt wird. Schließlich würden die Mineralölkonzerne große Mengen Biodiesel (B100) verkaufen, zum Beispiel an Speditionen. 2010 habe der B100-Absatz ausgereicht, um allein die gesetzlich vorgeschriebene Quote zu erfüllen.

Allerdings gibt es auch hier einen Haken: Denn die Quote 2011 liegt deutlich höher als 2010 - außerdem wird der Verkauf von B100 absehbar sinken, weil moderne Lkw-Motoren kein Biodiesel vertragen. Ganz so einfach dürfte es also wirklich nicht werden, die Quote zu erreichen.

Mitarbeit: Jürgen Pander

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