Notrufsystem eCall: Verräterischer Lebensretter

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Notruf-Knopf im Auto: Die EU-Kommission will eCall zur Pflicht machen

Tausende Menschenleben soll das Notrufsystem eCall pro Jahr retten. Bei einem Verkehrsunfall löst das Fahrzeug automatisch Alarm aus und ruft Hilfe. Die EU-Kommission wird das System höchstwahrscheinlich zur Pflicht machen - trotz großer Bedenken von Datenschützern.

Brüssel - Eigentlich klingt das geplante Gesetz durchweg sinnvoll: Nach dem Willen der EU-Kommission soll von Herbst 2015 an jedes Neufahrzeug in der EU verpflichtend mit einem sogenannten eCall-System bestückt sein. "2500 Menschenleben könnten pro Jahr gerettet werden", sagt Verkehrskommissar Siim Kallas. Rettungskräfte sollen dank der Technik fast doppelt so schnell am Unfallort sein wie bisher. Die Kosten beziffert Kallas auf weniger als hundert Euro pro Auto. Am Mittwoch stimmt das EU-Parlament über die Verordnung ab, die Zustimmung gilt als sicher.

Das eCall-System besteht aus einer Box mit einer Mobilfunkeinheit, einem GPS-Empfänger und Antennenanschluss. Es ist an verschiedene Sensoren und Sicherheitstechniken des Fahrzeugs gekoppelt, unter anderem an den Airbag: Bläst sich dieser beim Crash auf, sendet das System sofort den Unfallzeitpunkt, den Standort, die Fahrtrichtung und den Fahrzeugtyp an eine Zentrale und baut eine Sprechverbindung zur Notrufnummer 112 auf. Außerdem können Fahrzeuginsassen den Alarm auch manuell auslösen.

Das klingt nach mehr Sicherheit für alle Verkehrsbeteiligten. Und trotzdem hat eCall zahlreiche Kritiker.

Nutzer können das System nicht selbst ausschalten

"Man sollte sich nichts vormachen: Bei solchen Systemen geht es nicht nur um Sicherheit", sagt Thilo Weichert, der Landesdatenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein. "Es geht auch darum, Informationstechnik ins Auto zu packen, die für andere Dienste genutzt werden kann."

Ein Bespiel: Schon heute bieten Versicherer preiswertere Tarife an, wenn sich die Autofahrer ständig von einer Blackbox überwachen lassen. Sind solche Notruf-Systeme einmal serienmäßig installiert, so die Sorge der Datenschützer, wird die Kontroll-Police zum Standard - und wer sein Fahrverhalten nicht offenlegt, dem könnte ein teurer Tarif drohen. Grundsätzlich befürchten die Kritiker, dass das System nicht nur Informationen wie den Unfallort aufgezeichnet, sondern ständig Daten sammelt, Geschwindigkeiten aufzeichnet und Bewegungsprofile erstellt.

Thilo Weichert bestreitet nicht, dass das System einen wichtigen Beitrag zur besseren Unfallhilfe leisten kann, und er warnt auch vor einer Panikmache: eCall sei "kein Datenschutz-GAU", sagt er. Trotzdem fordert er, dem Autofahrer die Entscheidung zu überlassen: "Die Nutzer sollten die Möglichkeit bekommen, das System auszuschalten - im Sinne der Transparenz und der Selbstbestimmung."

Genau das ist aber nicht vorgesehen.

In den Parlamentsausschüssen lehnte eine Mehrheit aus Mitgliedern der Sozialdemokraten und der konservativen Europäischen Volkspartei einen Antrag der Grünen ab, den Fahrern die freie Wahl über eCall zu lassen. Die Begründung der Antragsgegner: Das Wohl möglicher Mitfahrer und weiterer Fahrzeugnutzer müsse berücksichtigt werden. "Wenn jemand anderer in meinem Auto den Aus-Knopf drückt und vergisst, mir das zu sagen, bin ich bei einem Unfall nicht abgesichert", sagt Evelyne Gebhardt, die für die SPD im EU-Parlament sitzt und Sprecherin für die Themen Binnenmarkt und Verbraucherschutz ist.

"Es ist ein schlafendes System"

Laut der EU-Kommission sind derzeit nicht mal ein Prozent aller rund 250 Millionen Autos in Europa mit einem Notrufsystem wie eCall ausgerüstet, obwohl mehrere Hersteller die Technik anbieten. "Die Fahrzeugbauer sind bereit", sagt ein Mercedes-Sprecher. Bei den Stuttgartern ist die Notruffunktion bereits im aufpreispflichtigen Infotainment-Paket Comand Online enthalten.

Bei einem Unfall werden allerdings nicht nur automatisch Rettungskräfte alarmiert, sondern auch ein Mercedes-Servicedienst gerufen. Der Fahrzeughalter könne nach dem Crash gegebenenfalls aber selbst entscheiden, wohin der Wagen abgeschleppt wird. Daten wie die Geschwindigkeit werden nach Angaben des Sprechers nicht aufgezeichnet.

Auch BMW bietet schon seit einiger Zeit ein ähnliches Notrufsystem an. Dabei wird laut Angaben einer Unternehmenssprecherin die Geoposition des Fahrzeugs in regelmäßigen Abständen ermittelt, aber jeweils durch die aktuellste Position überschrieben. Jan Philipp Albrecht, Datenschutzexperte der Grünen im Europaparlament, findet diese ständige Ermittlung des Aufenthaltsorts trotzdem fragwürdig: "Das ist ein Einfallstor für die Bildung von Bewegungsprofilen", sagt er. Außerdem befürchtet er Gefahr durch Hacker, weil diese auf das System zugreifen und Daten abfischen könnten.

Evelyne Gebhardt von der SPD verteidigt das geplante eCall-System gegen solche Bedenken. Laut der Beschlussfassung sei explizit ausgeschlossen, dass ständig Positionsdaten aufgezeichnet werden - sondern erst dann, wenn es tatsächlich zum Unfall kommt: "Es ist ein schlafendes System", sagt Gebhardt. Wie die meisten anderen Befürworter der Notruf-Verordnung sieht sie in eCall in erster Linie eine Technologie, die mehr Nutzen bringt als Schaden anrichtet: "Bei der Rettung von Unfallopfern können Minuten über Leben oder Tod entscheiden."

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