EKG-Fahrersitz von Ford Das Auto misst den Herzschlag

Ein Autositz, der automatisch den Herzschlag überwacht und die Daten an ein Krankenhaus funkt: Ingenieure von Ford entwickeln gemeinsam mit der Technischen Hochschule Aachen einen Heart Rate Monitoring Seat. Im Notfall bremst der Automat auch den Wagen.

Von Lasse Hinrichs


Der demografische Wandel wird das Straßenbild in Deutschland voraussichtlich massiv verändern. In Zukunft wird es immer mehr Senioren mit Führerschein geben, die immer länger mit dem eigenen Auto unterwegs sind. Dabei wächst parallel zu den Lebensjahren das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, und - jedenfalls aus der Sicht von Ford - damit auch die Gefahr von Verkehrsunfällen als Folge eines Kreislaufproblems oder eines Herzinfarkts während der Fahrt. Aus diesem Grund forscht der Autobauer aktuell an einem Sitz mit EKG-Funktion, der permanent den Herzschlag des Fahrers kontrolliert.

"Wir sehen zwei Megatrends", sagt Pim van der Jagt, Geschäftsführer des europäischen Ford-Forschungszentrums in Aachen, wo der Sicherheitssitz in Kooperation mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) entwickelt wird. "Erstens wird die Gesellschaft immer älter und 40 Prozent der über 65-Jährigen haben Herzprobleme." Zweitens, so der Niederländer, gebe es einen immer stärker werdenden Gesundheits- und Wellness-Trend, und auch diesem solle der Herzüberwachungs-Autositz Rechnung tragen.

Im Gegensatz zum EKG beim Hausarzt funktioniert der Heart Rate Monitoring Seat ohne Kabel. Sechs sogenannte adaptive Elektroden an der Rückenlehne des Fahrersitzes messen den Herzschlag des Fahrers. Die so gewonnenen Daten werden in elektrische Signale umgewandelt und könnten, so der Plan, anschließend zur Analyse in ein Krankenhaus gesendet werden, das den Fahrer dann wiederum über eine etwaige Herzrhythmus-Störung oder einen drohenden Herzinfarkt informieren könnte. Oder, auch das ist denkbar, das Konzept könnte im Fall der Fälle sofort Sicherheitsfunktionen im Pkw aktivieren - etwa einen Nothalte-Assistenten, wie ihn BMW bereits vor Jahren präsentiert hat, der beispielsweise die Warnblinklicht einschaltet und den Wagen automatisch am Fahrbahnrand zum Stehen bringt.

Doch die Vielzahl der Konjunktive lässt erahnen: Das mobile, im Fahrersitz verborgene Diagnosegerät befindet sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium und ist momentan noch Zukunftsmusik. Die Projektlaufzeit, die voraussichtliche Markteinführung sowie der Preis, den der EKG-Sitz einmal kosten wird - all das steht in den Sternen. "Zurzeit beschäftigt uns erst einmal die Frage, wie die Daten wieder zurück zum Fahrer kommen", sagt van der Jagt. Klar ist bislang so viel: Beim Datenaustausch wird die sogenannte SYNC-Schnittstelle eine zentrale Rolle spielen, die Ford im kommenden Jahr in Europa auf den Markt bringen will.

Abzuwarten bleibt ebenfalls, ob es überhaupt eine Nachfrage für den EKG-Sitz geben wird. Aus heutiger Perspektive gilt: Der spektakuläre Herzinfarkt am Steuer ist manchen Medien zwar eine große Schlagzeilen wert, in der Statistik aber liegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Unfallursache auf einem den hinteren Plätze.

Lediglich ein Prozent aller Unfälle pro Jahr sind krankheitsbedingt

So schätzt Hermann Klein, Professor und Chefkardiologe am Klinikum Idar-Oberstein, dass generell nur ein Prozent aller Unfälle pro Jahr krankheitsbedingt passieren - etwa die Hälfte davon aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Schädigungsrisiko für die Gesellschaft ist laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, an der Klein maßgeblich beteiligt war, sehr gering: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fahrer aufgrund eines "kardiovaskulär bedingten Kontrollverlustes" einen schweren Unfall verursacht, liege bei 1 zu 20.000. Das wären 0,005 Prozent aller Fälle.

Zum Vergleich: Das Risiko, dass ein 18- oder 20-jähriger Fahranfänger einen tödlichen Unfall herbeiführt, ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 1000 zwanzigmal höher. Dieses Problem ist jedoch nicht mit einem speziellen Sitz zu lösen.

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mitbestimmender wähler 11.06.2011
1. Tolles und nützliches Projekt
Warum nicht: Sehr viele Leute und Kinder oder entgegen kommende Fahrzeuge werden Heutzutage in einem solchen Fall totgefahren und der Lenker mit Herzproblemen erliegt an seinem Leiden oder zieht sich schwerere Verletzungen zu. Nützen tut es bestimmt und einigen das Leben retten.
si_tacuisses 11.06.2011
2. viel nützlicher wäre es,
Zitat von mitbestimmender wählerWarum nicht: Sehr viele Leute und Kinder oder entgegen kommende Fahrzeuge werden Heutzutage in einem solchen Fall totgefahren und der Lenker mit Herzproblemen erliegt an seinem Leiden oder zieht sich schwerere Verletzungen zu. Nützen tut es bestimmt und einigen das Leben retten.
sich Gedanken über die Abkehr vom Verbrennen fossiler Rohstoffe zu machen. Duch Nahrungsmittelmangel sterben tausende Mal mehr Menschen als durch solche Spinnereien.
SasX 11.06.2011
3. -
Zitat von mitbestimmender wählerWarum nicht: Sehr viele Leute und Kinder oder entgegen kommende Fahrzeuge werden Heutzutage in einem solchen Fall totgefahren und der Lenker mit Herzproblemen erliegt an seinem Leiden oder zieht sich schwerere Verletzungen zu. Nützen tut es bestimmt und einigen das Leben retten.
vorweg: "Kinder" zählen nicht unter "Leute"? Ich denke, diejenigen, die von einem alkoholisierten Fahrer totgefahren werden, sind um Größenordnungen zahlreicher. Das erinnert mich immer an das erste Auto mit Bordcomputer meines Vaters. Da war er wirklich stolz, dass Außentemperatur, Benzinverbrauch, Durchschnittsgeschwindigkeit und vieles mehr angezeigt wurde. Er zeigte dann auch nach einer Weile an, dass die Bremsbeläge abgenutzt sind. Die waren jedoch prima, es war der Computer, der einen Defekt hatte. War damals teurer als die Bremsbeläge samt Scheiben. Ich möchte bei einem selbst bremsenden System gar nicht erleben, wenn da der Computer einmal spinnt. Vielleicht so mitten in einer Baustelle bei mittlerweile ja üblichen 37° im Sommer. Ich sehe das Ding eher als Einsatz bei einer Komödie: Dem Fahrer juckt der Hintern, er beugt sich nach vorne und kratzt kurz. Das Gerät kann deswegen seinen Herzschlag nicht mehr messen und bremst ab. Der Fahrer schlägt daher mit der Nase auf dem Lankrad auf, hat Nasenbluten und sieht nichts mehr. Wegen des Abbremsens, während er vorgebeugt war verreisst er das Lenkrad und fährt in den (nun leider nicht mehr politischen korrekten) Gurkenlaster. SasX
Normalverteilt, 11.06.2011
4. Wird nichts
Die Jungs aus Aachen sind seit einigen Jahren daran ein EKG in einen Stuhl zu bauen, also ein EKG das berührungslos ohne Elektroden funktioniert. Das ganze funktioniert nicht gut und nur mit Probanden die genau wissen, wie sie sich in den Stuhl zu setzen haben. Das ganze alltagstauglich in ein Auto zu integrieren ist nochmal etwas ganz anderes. Es wird nicht funktionieren. Es ist nichts anderes als eine Todgeburt um Fördergelder zu kassieren. Da Hochschulen immer mehr auf Drittmittel angewiesen sind, ist diese Art der Geldaquise leider immer verbreiteter :( @SasX: Ein solches System wurde nicht reagieren, wenn gar kein Signal mehr vorhanden ist. Herzinfarkt, Tachykardie und Bewustlosigkeit lässt sich an einem EKG mit hoher Genauigkeit erkennen. So ein System würde natürlich nur darauf reagieren.
brille007 11.06.2011
5. .
Für mich beweisen solche "Erfindungen" vor allem eines: Deutschland, das ehemalige Land der Dichter und Denker (und toller Ingenieure) verkommt zu einer Hosenscheisser-Nation. Nachdem uns in 65 Friedensjahren das Gefühl für reale Gefahren abhanden gekommen ist und kaum jemand noch weiss, wie sich wirklicher Hunger und echte Lebensgefahr anfühlt, setzen erwachsene Menschen heute eben Fahrradhelme auf, machen sich Gedanken über die schädlichen Auswirkungen des Zigarettenrauchs in der Nachbarwohnung - und erfinden Autositze, die ein EKG des Fahrers ans Krankenhaus funken und bei Bedarf auf die Bremse treten. Ein kluger Mensch merkte dazu einmal an: "Es gibt Leute, die so vorsichtig leben, dass sie wie neu sterben..."
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