Elektro-Lieferwagen Saubere Diva

Geht es nach Guido Boosten, wird ein Plastikauto für Päckchen und Pakete die Innenstädte verschönern. Wo heute herkömmliche Lieferwagen dieseln, soll ein Leichtbau-Laster sauber und geräuschlos die letzte Meile im Warenverkehr zurücklegen. Die Produktion läuft schon.


Für die Gäste des noblen Hotels Saint Lazaire am gleichnamigen Pariser Bahnhof sind Nächte wie diese die Hölle. Schon frühmorgens um fünf rollt unter den Fenstern eine endlose Karawane vorüber. Noch lange bevor die erste Welle des Berufsverkehrs auch den letzten Schläfer aus dem Bett treibt, bringen Hunderte von Lieferwagen und Kleintransporter Waren in die umliegenden Geschäfte. Kalte Dieselmotoren nageln, Schiebetüren kallen ins Schloss, eine Wolke stinkender Abgase sickert am gekippten Fenster vorbei – ein ganz normaler Großstadtmorgen.

Guido Boosten will mit diesem Lärm- und Gestank-Inferno aufräumen. Er ist Marketingchef der niederländischen Firma Dura Car und will er den Innenstadt-Lieferverkehr revolutionieren. Mit – wie könnte es in diesen Tagen anders sein – einem Stromfahrzeug. Der Kleintransporter (engl. Distribution Van = DiVa) trägt den wirren Namen Quicc! DiVa; das Auto im Format bekannter Modelle wie Fiat Fiorino oder Citroën Nemo stromert völlig lautlos und frei von Abgasen durch die Stadt.

3,40 Meter lang und 1,80 Meter hoch, bietet er Platz für zwei Personen und 2,2 Kubikmeter Ladung, die zusammen immerhin fast 700 Kilo auf die Waage bringen dürfen. Für frische Brötchen, Blumen oder Pakete sollte das allemal reichen. Und obendrein ist der Winzling mit 1,70 Metern Breite so schmal und mit einem Wendekreis von 5,70 Metern so handlich, dass er es wirklich in jeden Altstadtwinkel schafft. Optisch erinnert der windschnittige Wagen mit den großen Scheinwerfern, dem farblich abgesetzten Scheibenrahmen und der ansteigenden Fensterlinie an einen aufgeblasenen Smart. Das kommt womöglich nicht von ungefähr. Schließlich gehört zum Entwicklungsteam auch Professor Johann Tomforde, der gemeinsam mit Nicolas Hayek als Vater des Smart gilt.

150 Kilometer Reichweite sind genug

Während der Zwerg aus dem Daimler-Imperium allerdings erst nach zehn Jahren Bauzeit nun auch zum Elektroauto wird, haben die Entwickler diesmal von vorn herein auf Elektroantrieb gesetzt. Er leistet im aktuellen Ausbaustadium 50 kW (etwa 70 PS), beschleunigt den 850 Kilo schweren Lieferwagen auf bis zu 120 km/h und kommt mit den 80 Amperestunden einer Akkuladung rund 150 Kilometer weit. Danach muss der Minilaster zwischen 30 Minuten und acht Stunden an die Steckdose. Weil Lieferwagen dieser Art üblicherweise aber nur 50 bis 70 Kilometer am Tag zurücklegen, gilt für die Holländer eine einfache Formel: Abends anklemmen, morgens unbekümmert losfahren.

Nur mit Ökologie braucht man Handel, Handwerk und Gewerbe allerdings nicht zu kommen. Die Kaufleute überzeugt man am besten mit ökonomischen Argumenten, hat Boosten gelernt und betont deshalb vor allem die niedrigeren Betriebskosten: Wo man heute mit einem kleinen Diesel-Transporter locker zehn Euro für 100 Kilometer kalkulieren muss, kostet dieselbe Strecke im Elektrolaster nur ein bis zwei Euro, rechnet der Marketing-Mann vor. Außerdem pfeift man am Steuer eines Stromes auf Umweltplaketten, Feinstaubalarm und in Städten wie London auch auf die City-Maut. Selbst von der Kfz-Steuer sind Elektroautos vielerorts befreit. Trotzdem müssen die ersten Kunden, die den Wagen wohl nur leasen statt kaufen können, etwas tiefer in die Tasche greifen. "Wir rechnen mit etwa anderthalb mal so hohen Leasingraten wie für einen vergleichbaren Transporter konventioneller Machart", sagt Boosten. "Aber schon bei 15.000 Kilometern im Jahr hat man das wieder raus."

Gebaut wird die erste Kleinserie bei Karmann

Noch ist DuraCar eine kleine Firma, über die manche Experten allenfalls freundlich lächeln. Und über Themen wie die Crashsicherheit der Leichtbau-Kunststoff-Karosserie denkt man besser nicht nach. Doch die ersten fünf Autos sind gebaut, und 30 weitere sollen es in diesem Jahr noch werden, sagt Boosten. Schon damit hätten die Niederländer mehr Elektrofahrzeuge auf der Straße als derzeit VW, Opel, Ford, Audi, BMW und Mercedes zusammen. Aber für eine Revolution wäre das natürlich zu wenig. Deshalb läuft im Frühjahr eine weitere Pilotserie mit insgesamt 300 Autos vom Band – und zwar nicht in Holland, sondern beim angeschlagenen Zulieferer Karmann in Osnabrück. Der schöpft aufgrund der zunehmenden, neuen Antriebskonzepte neue Hoffnung. Immerhin will DuraCar die Produktion bis 2010 auf mehrere tausend Fahrzeuge steigern.

Doch nicht nur beim Antrieb des Kleintransportes gehen die Holländer neue Wege. Auch die Konstruktion der Karosserie ist ohnegleichen. Wo andere Lieferwagen auf einem Stahlrahmen stehen und mit Blechen beplankt sind, wurde DiVa komplett aus Kunststoff gefertigt, der ab der nächsten Entwicklungsstufe vollständig recycelt werden kann. Nur die Scheiben sind aus Glas, und Achsen oder Motor sind natürlich aus Metall. Nach ein paar Handgriffen und der Demontage der Akkus ist damit womöglich auch schon die Entsorgung geregelt: Tüte auf, und rein in den gelben Sack.



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Parzival v. d. Dräuen 26.07.2008
1.
Zitat von sysopBei steigenden Ölpreisen und schwindenden Ressourcen erscheinen Elektroautos als vernünftige Alternative. Werden sie in Zukunft benzingetriebene Autos ersetzen?
Soweit ich das beurteilen kann, schon. Hauptkritik am Individualverkehr war ja immer, dass da eine riesige Blechdose, tonnenschwer, durch die Stadt bewegt wird, damit mehrheitlich nur eine Person von A nach B gelangt. Und der relativ günstige Spritpreis hat es eben möglich gemacht. Jetzt, wo die Preise vielen ein gehöriges Loch in den Beutel reißen, beginnen die Leute nach Alternativen zu suchen. Schon heute wäre es möglich, in Leichtbauweise und breiter ästhetischer Palette Fahrzeuge herzustellen, die mit Elektromotor einen Aktionsradius von um die 120 KM haben. Ein Verbundsystem von Aufladestationen, ein Akku-Management, z. Bsp. auf Pfandbasis, würden auch die stete Verfügbarkeit von Energie gewährleisten. Durch neue Materialien sind die Elektromotoren leistungsfähiger und bei gleicher Leistung um die Hälfte kleiner geworden. Die Akku-Technik, sowie die marktdeckende Produktion wären in kurzer Zeit zu realisieren. Bei den E-Motoren selbst ist natürlich auch der Drehmoment unschlagbar. Daneben noch Hybrid-Systeme, die Energie speichern. Zusätzlich werden die Elektro-Autos schon in der Produktion weniger kapital-, energie- und fertigungsintensiv. Ein Viersitzer dürfte im Wesentlichen aus Kunststoffen gefertigt werden und um die 500-600 Kilogramm wiegen. Und auch bei der eingebaute passiven Sicherheit, die in den letzten Jahrzehnten eher einem Aufrüsten glich, kann reduziert werden. In den Städten entstehen durch viele kleinere Autos wahrscheinlich Parkraumüberschüsse, die Lärmbelästigung verringerte sich immens und die Luftqualität auch.
Andreko, 26.07.2008
2.
Zitat von sysopBei steigenden Ölpreisen und schwindenden Ressourcen erscheinen Elektroautos als vernünftige Alternative. Werden sie in Zukunft benzingetriebene Autos ersetzen?
Schwierig zu sagen. Ich denke das der hohe Ölpreis dazu führt, dass das Angebot an Öl ausgeweitet wird z.B. durch Kohleverflüssigung oder gänzlich neue Technologien wie diese http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,561833,00.html Dann könnte uns der Verbrennungsmotor noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Sehr langfristig gesehen (30 Jahre oder mehr) könnte das E-Auto wirklich eine Alternative werden, aus heutiger Sicht sind die Elektroautos aber noch weitgehend praxisuntauglich und deshalb werden sie sich so schnell nicht durchsetzen.
Norbert Rost 26.07.2008
3. Verkehrskonzepte
Zitat von sysopBei steigenden Ölpreisen und schwindenden Ressourcen erscheinen Elektroautos als vernünftige Alternative. Werden sie in Zukunft benzingetriebene Autos ersetzen?
Sicherlich wird Elektro künftig eine größere Rolle spielen als Öl, Peak Oil ( http://www.peak-oil.com/ ) wird dafür sorgen. Zweifel sind aber angebracht: Wie schnell geht die Entwicklung neuer Motoren, Versorgungsnetze und vor allem Speichern? Wahrscheinlicher ist doch, daß wir unsere Art Verkehr zu betreiben grundlegend überdenken. Es ist hochgradig ineffizient, wenn fast jeder Bürger ein Auto besitzt, da es überwiegend rumsteht und Platz wegnimmt. Das Teilen von Ressourcen könnte künftig ebenso wichtig werden wie eine Einstellungsänderung zu Mobilität und vor allem Reise-Geschwindkeit. Da gabs in der Zeit mal ein sehr schönes Interview mit Prof. Knoflacher (Wien): http://www.zeit.de/2007/38/Interv_-Knoflacher?page=all Dem öffentlichen Verkehr dürfte eine Renaissance bevorstehen. Und das Nachdenken über neue Versorgungsstrukturen wird hoffentlich ebenfalls bald beginnen. -- Zukunftsfähig Wirtschaften? http://www.regionales-wirtschaften.de
alpas 26.07.2008
4. Eine GROSSE Chance allemal – wegen :
Zitat von sysopBei steigenden Ölpreisen und schwindenden Ressourcen erscheinen Elektroautos als vernünftige Alternative. Werden sie in Zukunft benzingetriebene Autos ersetzen?
Grundenergieform-Unabhängig : Die Energiezwischenform Elektrizität wird (bereits) durch alle möglich (und unmöglichen) Grundenergieformen (CO2-behafete, und –unbehaftete) generiert und verteilt – auch wenn der Verteilungswirkungsgrad noch zu wünschen lässt, was jedoch durch vermehrte Supraleitertechnologie noch erhebliches Verbesserungspotential hat (ev. damit sogar noch Speicher-/ Batterietechnologie verbessert wird). Verzögerungskraft gleich wieder zurück in die Batterie (nicht in Umwelterwärmung verpufft) . Die ganze Antriebstechnologie noch mit seinem (kleinen) Bruder Elektronik hervorragend zu optimisieren und automatisieren. Stecker rein – und los geht’s, in einem ungefährlichen Vehikel ! Oder, was denkt der Fachmann….. ?
Benjowi 26.07.2008
5. Der Wert eines Liters Flüssigkraftstoff......
Im Grunde erfährt man jetzt hautnah, wie wertvoll ein Liter Flüssigkraftstoff eigentlich ist, denn die Alternativen wie Elektroantrieb mit Akku oder auch mit Brennstoffzelle sind auch bei den hohen Preisen bei weitem noch nicht konkurrenzfähig. Und das, obwohl der eigentliche Elektroantrieb einem Verbrenner haushoch überlegen ist. Letztlich scheitert es -wie schon von Anfang an- an der Energiespeicherung: Selbst die zur Zeit besten und hochgelobten Li-Ionen Akkus haben noch um den Faktor 50 schlechtere Energieinhalte und auch die höheren Wirkungsgrade des E-Antriebs lassen diesen Nachteil noch bei etwa 1:10 bestehen. Darüberhinaus sind diese Akkus extrem teuer, es ist nicht bewiesen, wie lange sie wirklich standfest sind und darüber hinaus fehlt es auf der Erde schlicht an genügend Lithium, um nennenswerte Stückzahlen von Kfz damit auszustatten. Der Einsatz der Brennstoffzelle scheitert nach wie vor an -wenn auch kleiner werdenden- technischen Problemen, vor allem aber an den Kosten und der fehlenden Infrastruktur für Wasserstoff. Letztere ist extrem teuer und kaum kurzfristig erstellbar. Außerdem gibt es keine klimafreundliche und einsatzfähige Erzeugungsmöglichkeit für Wasserstoff. Somit wird es vermutlich zu Lösungen kommen, bei denen ein kleiner Verbrenner die mittlere benötigte Leistung erzeugt und über einen relativ kleinen Zwischenspeicher einem E-Antrieb zur Verfügung stellt. Dadurch kann man erhebliche Verbrauchsreduzierungen erzielen, die eigentliche Energiespeicherung erfolgt aber im Flüssigtreibstoff. Letzterer würde möglicherweise auch durch Kohleverflüssigung bereitgestellt werden. Aber auch diese Lösung steht und fällt mit einem kostengünstigen und standfesten Zwischenspeicher! Ansonsten aber wird der grösste Teil der Menschheit weiter uneingeschränkt mit Verbrennern fahren und Staaten wie Indien oder China werden sich durch die deutschen Verrenkungen zur Klimarettung garantiert nicht sonderlich beeinflussen lassen - es sei denn das Wasser steht ihnen buchstäblich bis zum Halse!
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