Elektro-Lkw Brummi brummt nicht mehr

Geringere Wartungskosten, kein Ärger mit Fahrverboten, weniger Lärm - die Lkw-Branche entdeckt die Vorzüge der Elektromobilität. Volvo präsentierte nun in Göteborg den ersten strombetriebenen Großserien-Truck.

Volvo Trucks

Von Christian Frahm


Möwengeschrei, sonst nichts. Als der mintfarbene Müllwagen die Kungsportsavenyen - den zentralen Boulevard im schwedischen Göteborg - hinauffährt, hört man nur die Vögel krächzen. Wenige Meter weiter, auf dem Götaplatsen, hält der Truck dann an. Es steigen aus: Göteborgs Oberbürgermeisterin Ann-Sofie Hermansson sowie Volvo-Lkw-Chef Claes Nilsson. Denn bei dem Müllwagen handelt es sich nicht um irgendein Fahrzeug, sondern um den ersten Großserien-Lkw mit Elektroantrieb von Volvo, den FL Electric.

Volvo stößt damit in ein Segment vor, das bislang kaum Beachtung fand. "Bisher haben die Lkw-Hersteller weiterhin auf den Diesel gesetzt", sagt Peter Fintl, Automobilexperte vom Technologie-Beratungsunternehmen Altran. "Neue Konkurrenten wie Streetscooter und die diskutierten Dieselfahrverbote haben jedoch einen Sinneswandel herbeigeführt."

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Elektro-Lkw: Unter Strom

Der FL Electric ist mit 16 Tonnen Gesamtgewicht für den städtischen Lieferverkehr, die Abfallwirtschaft oder andere kommunale Aufgaben ausgelegt. Angetrieben wird der Truck von einem Elektromotor mit einer Maximalleistung von 185 Kilowatt (250 PS) und über ein Zweiganggetriebe. Je nach Einsatzbereich verfügt der E-Lastwagen über zwei bis sechs Lithium-Ionen-Batteriepakete mit einer Kapazität von jeweils 50 Kilowattstunden und einem Gewicht von rund 520 Kilogramm. Das ergibt Reichweiten zwischen 100 und 300 Kilometer.

Elektro-Lkw bringt viele Vorteile

Das Aufladen der Akkus bei einer maximalen Kapazität von 300 kWh dauert bei einer Wechselstromaufladung mit 22 kW gut 13 Stunden. Für Lkw, die nachts meist auf dem Betriebshof parken, ist das kein Problem. Bei einer Schnellladung von bis zu 150 kW verkürzt sich die Ladezeit auf ein bis zwei Stunden. Die Technik kommt zu großen Teilen aus den Volvo-Elektrobussen, die seit 2015 im Liniendienst in Göteborg unterwegs sind. Der Elektro-Lkw war da der nächste logische Schritt.

"Wir sind überzeugt, dass es an der Zeit ist, Elektro-Lkw in Städten nun in großem Maßstab einzusetzen", sagt Claes Nilsson, der Präsident von Volvo Trucks. Der E-Truck böte große Vorteile für Stadtbewohner und deren Umwelt: "weniger Emissionen, weniger Lärm, mehr Lebensqualität." Tatsächlich bringt der geräusch- und auf der Straße emissionsfreie Lkw-Verkehr neue Möglichkeiten mit sich.

Denn elektrisch angetriebene Lastwagen, die keine Abgase ausstoßen, eignen sich auch für den Einsatz in großen Lagerhallen oder Terminals und können zudem in Umweltzonen einfahren, ohne Fahrverbote fürchten zu müssen. In Schweden wären sie zudem von der Maut befreit (ähnliche Pläne gibt es auch in Deutschland). Ein weiterer Vorteil liegt im niedrigen Geräuschpegel. Dadurch könnten Lieferdienste und Spediteure den Lkw auch bei Nacht in Innenstädten einsetzen und auf diese Weise das Verkehrsaufkommen am Tag reduzieren. Und die Lieferfahrten selbst gingen auch schneller vonstatten: Laut Volvo haben Versuche in Stockholm ergeben, dass Lkw in der Nacht aufgrund des geringen Verkehrsaufkommens nur ein Drittel der benötigten Zeit für ihre Zustellfahrten brauchen.

Andere Hersteller ziehen nach

Die ersten beiden Fahrzeuge des Typs Volvo FL Electric werden in Göteborg vom Abfallentsorgungsunternehmen Remova und der Spedition TGM demnächst in Betrieb genommen. Ab 2019 beginnt bei Volvo dann die Großserienproduktion und der Verkauf des Elektro-Lasters in Europa.

Elektro-Lkw von Renault
Renault Trucks

Elektro-Lkw von Renault

Andere Hersteller stehen ebenfalls unter Spannung. 2019 etwa plant auch Renault den Start eines elektrifizierten Lkw. Bereits seit 2009 testet der französische Hersteller vollelektrische Versuchsfahrzeuge im Bereich von 12 bis 16 Tonnen. Dass Volvo und Renault nahezu zeitgleich mit einem E-Truck auf den Markt kommen, ist kein Zufall: Renault Trucks gehört seit 2001 zur Volvo-Gruppe und profitiert damit von der Forschung und Entwicklung der Schweden.

Bereits seit Mitte letzten Jahres produziert die japanische Daimler-Tochter Fuso in Kleinserie den Elektrolaster eCanter mit einer Reichweite von 100 Kilometern. Der elektrische Antriebsstrang des Fahrzeugs besteht aus einem Permanent-Magnet-Motor mit 129 Kilowatt (180 PS), einem Eingang-Getriebe an der Hinterachse und sechs Hochvolt-Lithium-Ionen-Batterien mit je 420 V und 13,8 kWh. Und Daimler geht noch eine Stufe weiter. Noch in diesem Jahr soll das Modell eActros auf den Markt kommen, ein schwerer Verteiler-Lkw in Versionen mit 18 und 25 Tonnen Gesamtgewicht sowie einer Reichweite von bis zu 200 Kilometern.

E-Lkw kommen in Schwung

"Inzwischen herrscht reichlich Bewegung auf dem Markt für Elektro-Lkw", sagt Technologieberater Fintl. Seiner Einschätzung nach wird bis 2025 rund die Hälfte aller leichten Transportfahrzeuge bis 3,5 Tonnen elektrifiziert sein. "Außerdem wird die Nutzfahrzeugsparte zunehmend von der Entwicklung der Elektroautos profitieren", so Fintl.

Volvo legt unterdessen weiter nach. Wie man aus Unternehmenskreisen hört, steht die nächste Premiere schon fest. Anfang Mai soll der nächst größere E-Lkw mit 26 Tonnen Gesamtgewicht in Hamburg präsentiert werden.

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dirk1962 19.04.2018
1. Das Argument geringer Wartungskosten
ist für den Güterverkehr das Einzige, was zählt. Diese wirtschaftlichen Vorteile hat natürlich auch ein PKW mit EAntrieb. Leider geht das Argument in Schein Argumenten wie Reichweite und Höchstgeschwindigkeit unter. Dabei fährt der durchschnittliche PKW nicht einmal 50 km am Tag.
Das dazu 19.04.2018
2. Nachts?
Alles eine großartige Sache. Doch im Artikel steht, das durch den verringerten Lärmpegel auch nachts dann Müll abgefahren werden könnte. Erstens, wer mal im Süden Europas war, kennt das. Der Lärm kommt nicht nur vom Motor des LKW, sondern zum großen Teil auch von der Hebehydraulik und vor allem von den Mülltonnen selbst. Das schieben, rollen und entleeren ist eben auch laut, besonders nachts. Zweitens, wird im Artikel bei den Ladezeiten ja darauf hin gewiesen, das die Fahrzeuge ja nachts auf dem Gelände des Fuhrparks stehen würden. Hmm, ja eben gerade nicht mehr, wenn man jetzt vermehrt die Nacht nutzen will, um den Verkehr zu entlasten. Also das Argument mit Nachts scheint mir nicht so durchdacht zu sein. Wird wohl nur die Realität zeigen, wie gut das funktionieren wird.
ayumu 19.04.2018
3.
Leise sind E-LKW übrigens nur bei niedrigen Geschwindigkeiten, zum Beispiel in der Stadt. Auf der Autobahn sind die LKW durch die Abrollgeräusche der Reifen genau so laut wie alle anderen Autos. Das wäre vielleicht noch interessant gewesen zu erwähnen, wenn man schon davon schwärmt wie leise die doch sind. Ansonsten finde ich es aber eine sehr gute Idee beim Lieferverkehr anzufangen, da ist zumindest die Ladesituation wenigstens realistisch. Private E-Autos funktionieren nur mit privatem Parkplatz mit Steckdose. Bei uns gibt es eine Ladesäule in der Nähe und die steht auf nem Baumarkt-Parkplatz bei dem Nachts die Schranke runter gelassen wird und man in der Zeit nicht an sein Auto kommt.. Und sonst kenne ich hier keine. Und die Parksituation ist hier ohnehin prekär. Frage mich auch immer wie die Infrastruktur für private Elektroautos geschaffen werden will, wo hier nicht mal Geld da ist um die Straßen überhaupt im Stand zu halten. Es gibt hier so viele Schlaglöcher, dass die verbleibende Straße schon fast zu Hügeln wird...
Bernhard Reiter 19.04.2018
4. Klasse Idee
Funktioniert nur leider nicht. Das Problem sind nicht die Akkus, sondern das Stromnetz. Es ist dafür nicht ausgelegt. D. h. es müsste komplett, also bis in den letzten Winkel einer Stadt, umgebaut werden. Illusorisch. Und dann der Nonsense mit den Stadt-LKW. Da müsste man vor der Stadt umladen. Wo soll das sein? Wer bezahlt das? Mich erstaunt, wie bei diesem Thema die Redakteure quasi die Werbematerialien abschreiben.
fatherted98 19.04.2018
5. lachnummer....
...so was ist vielleicht als Prestige-Objekt nutzbar...aber für den wirtschaftlichen Einsatz untauglich. Besser wäre es wenn man die Diesel LKW von der Straße holen und durch Gas LKW ersetzten würde. In Thailand fährt die Hälfte der LKW Flotte (meist neuere LKWs) mit Gas.....warum das in Europa bzw. Deutschland nicht möglich ist, ist mir ein Rätsel.
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