Elektro-Umrüstung von Oldies Klassiker unter Strom

Elektroautos sehen meist futuristisch aus - das muss nicht sein: Zwei Tüftler aus dem Ruhrgebiet beweisen, dass auch die Vergangenheit eine Zukunft hat und rüsten Autoklassiker in E-Mobile um. In der Oldtimer-Szene ist das flüsternde Altmetall umstritten.

Tom Grünweg

Wenn Uwe Koenzen mit seinem Dienstwagen vorfährt, wundern sich aufmerksame Passanten. Eigentlich müsste der Porsche 912 des Geologen ordentlich Krawall machen, denn im Heck des mehr als 30 Jahre alten Klassikers steckt ein luftgekühlter Boxermotor, der das Auto ankündigt, lange bevor es zu sehen ist. Eigentlich. Koenzens Sportwagen-Oldie aber schnurrt schweigend um die Ecke. Denn statt des Boxermotors sitzt im Heck eine Elektromaschine mit nahezu identischen Fahrleistungen. "Und das schon seit mehr als zehn Jahren, gut 35.000 Kilometern und völlig ohne Probleme", sagt der Besitzer.

Im Hauptberuf erstellt Koenzen Umweltgutachten und berät Politiker. Und seit einer verspäteten Hochzeitsreise in die USA ist er nebenberuflich auch noch Automobilhersteller. Damals, 1996, in der Hochphase des kalifornischen Zero-Emission-Acts, kam er erstmals mit Elektroautos wie dem EV-1 von General Motors in Kontakt. Der Wagen beeindruckte ihn technisch. "Zugleich aber habe ich mich gefragt, ob Elektroautos tatsächlich langsam, langweilig und hässlich sein müssen", sagt Koenzen. Kaum zurück, begann er gemeinsam mit dem Maschinenbauer Jens Broedersdorff nach einer Alternative zu suchen - und wurde bei einem alten Porsche 912 fündig.

"Das Auto hatte ohnehin einen Motorschaden und kam deshalb wie gerufen." Koenzen und Broedersdorff entkernten den maladen Porsche in einer Duisburger Oldtimerwerkstatt komplett und rüsteten den Wagen binnen acht Monaten zum Elektroauto um. Im Innenraum gibt es außer dem roten Notschalter im Fußraum keinen Hinweis auf den neuen Antrieb. Selbst die Tankuhr blieb - und zeigt nun eben den Ladestand der Akkus an. Unter der vorderen Haube aber verbergen sich ein Dutzend Blei-Akkus, und unter der hinteren Haube steckt, zwischen weiteren Akkus, ein Elektromotor. "Der hat 88 PS und schafft 150 km/h. Damit liegt er ziemlich nah am Original", sagt Koenzen stolz. Allerdings misst die Rechweite nur 100 Kilometer, danach muss der Klassiker für acht Stunden an die Steckdose.

Die Geschäftsidee: Defekte Oldtimer durch E-Motoren wieder fit machen

Broedersdorff und Koenzen wollten allerdings mehr als ein elektrifiziertes Einzelstück bauen. "Es gibt so viele Oldtimer mit defekter Antriebstechnik, dass uns eine Elektro-Umrüstung schon lange vor dem gegenwärtigen E-Hype als interessanter Markt erschien", sagt Koenzen. Ein daraufhin entwickeltes, so genanntes Elektropaket, wurde bislang rund zwei Dutzend mal verkauft.

Für Preise zwischen 6500 und 10.000 Euro plus weiteren 4000 Euro für die Batterien erhielten die Eigner eines alten Karmann Ghia, eines VW T1 oder VW T4 einen Elektroantrieb, der in wenigen Wochen installiert war. Inzwischen gelten Elektroautos als Zukunftsmarkt und Koenzen und Broedersdorff mögen sich allein mit Umbausätzen nicht mehr begnügen.

Erstmals bieten sie nun auch Komplettfahrzeuge an. Aktuell offerieren sie die Porsche-550-Replika der Firma Chamonix oder den Rudolph Spyder, der am Rand der Eifel gebaut wird. Bald allerdings sollen nicht nur Nachbauten, sondern weitere Oldie-Originale elektrifiziert werden.

Kleinserien von drei elektrifizierten Auto-Klassikern sind nun geplant

"Los geht es noch in diesem Jahr mit dem klassischen Fiat 500", sagt Koenzen. Danach sollen Citroën DS und VW T1 folgen. Geplant ist sowohl für die Motoren als auch für die Lithium-Ionen-Batterien eine Stufenlösung. "Wir bieten E-Maschinen mit 30, 60, 90 und 120 kW und Akkus für 50, 100, 150, 200 und 300 Kilometer an", sagt Broedersdorff. Entsprechend schwanken die Umrüstpreise für die auch mechanisch und optisch aufgemöbelten Komplettfahrzeuge zwischen 17.500 und 45.000 Euro - exklusive Basisfahrzeug, versteht sich.

Eine Kleinserie von je zehn E-Varianten der drei Oldie-Modelle peilen die Elektro-Umrüster an. "Aber nach oben sind wir natürlich offen", sagt Koenzen. In der Klassiker-Szene wird der Vorstoß geteilt aufgenommen. Als wir damit anfingen, haben uns 98 von 100 Oldtimer-Fans einen Vogel gezeigt, erinnert sich Koenzen. "Heute sagt schon jeder zweite, dass er die Idee gut finde, die Zustimmung steigt."

Mit einem elektrischen Klassiker müsse man sich allerdings etwas umgewöhnen, räumen die Entwickler ein. Ölflecken auf dem Garagenboden seien zwar passé, und auch bei Tempo 100 könne man sich im elektrifizierten Altauto noch in aller Ruhe unterhalten. Doch natürlich fehle das charakteristische Rasseln etwa eines Käfer-Boxermotors. Während die Tüftler akustisch noch nach einem adäquaten Ersatz suchen, haben sie zumindest das Problem mit den vom Flüsteroldie überraschten Fußgängern gelöst: mit einer Glocke unter der Motorhaube, die klingt wie bei einer Straßenbahn und auf Knopfruck funktioniert - natürlich elektrisch.



insgesamt 13 Beiträge
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prenzberger 06.04.2010
1. Vw
T1/T4 oder Typ1/Typ4 ???
Rainer Girbig 06.04.2010
2. Gute Idee
Keine schlechte Idee. Durch die etwas andere Bausweise der Altfahrzeuge bieten diese eine ideale Plattform: Nicht so schwer, relativ schmale Reifen mit weniger Rollwiderstand und die attraktive Karosserie gibt es dazu. Mit einer Reichweite von 300 km könnte man zufrieden sein; allein mir fehlt der Glaube, dass diese Aussage mehr ist als ein uneingelöstes Versprechen. Der bzw. die Preise offenbaren allerdings wieder einmal, es sind Spielzeuge für Reiche mit Hang zum Klimawandel. Wie der Tesla. Für den Normalfahrer wird es wohl ein Traum bleiben. Meine persönlichen Favoriten wäre der Mercedes W 111 (sog. Heckflosse). Zum immer noch fliegendeuntertassenmäßigen Aussehen des Citroen DS würde der E-Antrieb am besten passen.
dale_gribble 06.04.2010
3. Hiilfe!
Ich hoffe doch, das das ganze Elektrogedoens wieder ausbaubar ist. Warum baut man denn keine GFK-Replikas von den armen alten Kisten?
george-mountain 06.04.2010
4. Das geht ja mal garnicht
wer denkt sich so einen Quark aus? OK, es gibt anscheinend für alles einen Markt. Oldtimer und Elektroantrieb, da hat einer garnichts verstanden. ein Oldtimer ist ein historisches Kulturgut, dazu gehört unwiederbringliches Styling, fast ausgestorbene Handwerkskunst und eine faszinierende Technik OHNE Elektronik, die es für die Nachwelt zu erhalten gilt. Oldie und Akkuantrieb - dass ist wie Rolex Prince mit nachträglich eingebautem Quartzwerk oder die attraktive Holde aus den 60igern mit aufgepimpten Silikonturboladern - braucht kein Mensch mit Stil und Geschmack.
Teile1977 06.04.2010
5. Warum nicht?
ein Oldtimer ist ein historisches Kulturgut, dazu gehört unwiederbringliches Styling, fast ausgestorbene Handwerkskunst und eine faszinierende Technik OHNE Elektronik, die es für die Nachwelt zu erhalten gilt. Genau! Und einen Oldtimer den ich auch in 10 Jahren noch auf der Straße sehen kann, und nicht in der Garage eines Sammlers ist für mich ein optischer Gewinn. Abgesehen davon dürften Porsche 912,Käfer und co auch in Zukunft nicht vom Aussterben bedroht sein. Ich finde es faszinierender, wenn ein begnadeter Bastler einen Oldtimer mit modernen Metoden zurück auf die Straße bringt, als wenn mann für ein vermögen etwas von der Stange präsentiert. Wer 15 000 Euro Umrüstkosten als nur für Reiche finanzierbar hinstellt sollte mal nachsehen was ein neuer Kleinwagen heutzutage schon kosten kann. Von einem neuem Elektroauto ganz zu schweigen! Ein Oldtimer hat zudem fast keinen Wertverlust mehr! Ich bite dies alles zu beachten, vor allem das ein jeder mit seinem Privateigentum machen darf was er will.
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