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Elektroantrieb für Boote: Die Stromschiffe vom Zürichsee

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Sie sehen aus wie Riva-Klassiker, ihr Antrieb aber ist hochmodern: Die Boote des Schweizer Herstellers Boesch werden von Elektromotoren bewegt. Die Stromspeicher dazu stammen aus der Rüstungsindustrie - und der Preis der E-Schiffe erreicht Snobniveau.

Elektroboote: Abgasfrei über den See Fotos

Die Idee des Batterieantriebs elektrisiert das gesamte Transportwesen. Nicht nur die Autohersteller stehen unter Strom, auch in der Luftfahrt wird bereits mit E-Motoren experimentiert - und auf dem Wasser. "Während auf der Straße bislang lediglich Prototypen und Kleinserienmodelle stromern, sind Elektroboote auf gewissen Seen schon heute keine Seltenheit mehr", sagt Markus Boesch. Er muss es wissen. Denn er ist der Junior-Chef der Züricher Boesch-Werft, die bei der Elektrifizierung des Wassersports ganz vorne mitfährt. Der mehr als 90 Jahre alte Familienbetrieb aus Kilchberg am Zürichsee macht inzwischen ein Drittel seines Umsatzes mit elektrisch angetriebenen Booten und lässt pro Jahr zwischen 25 und 30 E-Schiffe zu Wasser.

Zwar sind die Schweizer weder einziger noch größter Hersteller von wassertauglichen Elektrofahrzeugen. Doch beschreibt Boesch das Gros der anderen Batterie-Boote eher als "lahme Kähne", die man in der Analogie zu Landfahrzeugen am besten mit den kleinen Elektromobilen auf Golfplätzen vergleichen könne. Boesch-Modelle wie die Typen 560, 620 oder 710 dagegen fahren in diesem Vergleich eher in einer Liga mit Porsche & Co., und werden unter den Skippern deshalb gerne als "Tesla fürs Wasser" geführt. Der elektrisch angetriebene Roadster des kalifornischen Start-ups Tesla Motors gilt als die Erfolgsstory des E-Auto-Aufbruchs.

"Wir bieten das erste Serienboot an, das mit einem Elektroantrieb die Gleitphase erreicht", sagt Boesch. Die installierten 80 kW (108 PS) starken Elektromotoren schaffen eine Geschwindigkeit von knapp 55 km/h. Im Test läuft sogar schon eine Variante mit 120 kW (162 PS), die mehr als 60 Sachen erreicht. "Schnellere Stromer fürs Wasser baut kein anderer in Serie." Den Vergleich mit Tesla Motors hört der Bootsbauer allerdings nicht so gerne. Denn erstens baut seine Werft ausgesprochen klassisch gezeichnete Holzboote im Stil der berühmten Rivas aus Italien und passt damit besser in die Welt von Bentley oder Jaguar. Und zweitens reklamieren die Schweizer für sich die modernere Technik.

Zunächst wurden einfach Autobatterien in den Bootsrumpf gepackt

"Angefangen mit dem Elektroboote-Bau haben wir auf Initiative einzelner Kunden bereits Ende der neunziger Jahre", berichtet Boesch. Damals entstanden Prototypen, über die der Bootsbauer heute nur noch den Kopf schüttelt. "Wir haben einfach 20 Autobatterien in den Rumpf gelegt. Die waren furchtbar schwer, hatten endlos lange Ladezeiten und kaum Reichweite." Kein Wunder also, dass der Funke da noch nicht so recht übersprang. Aber die Schweizer haben weiter getüftelt, und dank der Mithilfe einiger Spezialisten am Ende den Durchbruch geschafft: Seit 2005 dienen Lithium-Polymer-Akkus eines Militärausrüsters als Stromspeicher. "Die wiegen nur ein Viertel konventioneller Bleibatterien, sind besonders langlebig und wenig empfindlich gegenüber Temperaturschwankungen", sagt Boesch. "So konnten wir die maximale Geschwindigkeit und die Reichweite glatt verdoppeln."

Je nach Dimensionierung liefern die Akkus jetzt so viel Energie wie 15 bis 20 Liter Sprit und reichen für einen vergnüglichen Sommertag. "Einmal über den See zum Eisessen, dann eine Runde Wasserski und abends zurück in die Marina sind kein Problem", sagt Boesch und stellt bis zu einer Stunde flotte Gleitfahrt in Aussicht. Danach allerdings müssen die Boote für sechs Stunden an einen Starkstromanschluss oder für zehn Stunden an eine Haushaltssteckdose.

Mittlerweile bietet Boesch den Elektroantrieb als Option für die gesamte Flotte an. Lediglich das Flaggschiff 970 St. Tropez gibt es ausschließlich mit zwei V8-Motoren mit jeweils 380 PS. Für die Elektrifizierung eines Bootes müssen die Kunden tief in die Tasche greifen. "In der Elektro-Version kann sich der Preis schon mal verdoppeln", räumt Boesch ein. Ein E-Boot aus seiner Werft kostet umgerechnet zwischen 190.000 und 330.000 Euro. "Für Sonderanfertigungen wie etwa eine Doppelmotorisierung können es auch etwas mehr werden."

Die Schweizer E-Boote werden fast ausschließlich exportiert

Trotz des satten Aufschlags machen die elektrischen Wellenreiter bereits ein Drittel des Umsatzes aus. "Allerdings gehen sie fast vollständig in den Export", sagt Boesch. Während es im Ausland viele Seen gäbe, auf denen man mit Verbrennern gar nicht mehr oder nur eingeschränkt fahren dürfe und in Deutschland oder Österreich längst auch eine Lade-Infrastruktur geschaffen sei, hinke die Schweiz noch hinterher, räumt der Bootsbauer ein.

Vielleicht will auch deshalb das ambitionierteste Projekt der Bootsbauer vom Zürichsee nicht so recht vorankommen: die autarke Stromversorgung der Elektroboote. Denn in den Schubladen der Boesch-Werft liegt ein bewilligter Bauplan für eine große Solaranlage auf dem Fabrikgelände. "Die würde so viel Energie produzieren, dass bis zu 15 Elektroboote mit Solarstrom geladen werden könnten", sagt der Juniorchef. "Dann wären sie nicht nur schnell, leise und lokal schadstofffrei, sondern wirklich sauber."

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insgesamt 38 Beiträge
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1. addas
_stordyr_ 25.10.2011
Tja, die Massenproduktion führt nicht nur zu Innovation in diesem Bereich, sie wird auch die Qualität und Leistung verbessern, sowie über kurz oder lang den Preis drücken. Das war immer so und wird immer so sein. Wenn solche Innovationen nicht über Jahrzehnte konsequent unterdrückt oder zumindest nicht gefördert worden wären, könnten wir schon viel weiter sein, was die Nutzung alternativer Energieerzeugungen, Antriebe und dergleichen mehr angeht.
2. Häh?
Byrne 25.10.2011
Zitat von sysopSie sehen aus wie Riva-Klassiker, ihr Antrieb aber ist hoch modern: Die Boote des Schweizer Herstellers Boesch werden von Elektromotoren bewegt. Die Stromspeicher dazu stammen aus der Rüstungsindustrie - und der Preis der E-Schiffe erreicht Snobniveau. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,785101,00.html
Unter Vollast fahren die Boote eine Stunde, und dann ist Ende. Dass läuft dann eher auf kürzere Zeit hinaus, denn mit dem Ruder lassen sich solche Boote nur schlecht bewegen. Wo da der Durchbruch sein soll, ist mir komplett schleierhaft. Einfach nur eine neue technische Luxuxspielerei für Leute mit zu viel Geld.
3. Warom Strom...
jj2005 25.10.2011
... wenn man auch Segeln könnte ;-)
4. Ungeregelter Markt
hadroncollider 25.10.2011
Zitat von _stordyr_Tja, die Massenproduktion führt nicht nur zu Innovation in diesem Bereich, sie wird auch die Qualität und Leistung verbessern, sowie über kurz oder lang den Preis drücken. Das war immer so und wird immer so sein. Wenn solche Innovationen nicht über Jahrzehnte konsequent unterdrückt oder zumindest nicht gefördert worden wären, könnten wir schon viel weiter sein, was die Nutzung alternativer Energieerzeugungen, Antriebe und dergleichen mehr angeht.
Richtig. Solchen Unternehmen ist es zu verdanken, wenn in 10 oder 20 Jahren Autos 1000 Kilometer (oder von mir aus Boote 10 Stunden) mit einer Stromladung fahren können. Wir Deutschen hatten weltweit die besten Ausgangschancen, diesen gewaltigen Zukunftsmarkt aufzurollen: Wir hatten schon vor 30 Jahren die nachhaltigste Antiatomkraft-Einstellung in der Bevölkerung und könnten heute ein Stromparadies aus kleinen, dezentralen, hocheffektiven und daher sauberen Kraftwerken haben, die sich exportieren ließen wie geschnitten Brot - wenn wir nicht dem Lobbyismus den Vorzug gegeben hätten -, wir könnten längst serientaugliche Elektroautos en masse haben - wenn wir nicht dem Lobbyismus den Vorzug gegeben hätten. Es geht nichts über den freien und weitestgehend ungeregelten Markt sowie das pfiffige Unternehmertum von Menschen, die man neidlos Erfolg-Reich sein lässt.
5. Jaja
Byrne 25.10.2011
Zitat von _stordyr_Tja, die Massenproduktion führt nicht nur zu Innovation in diesem Bereich, sie wird auch die Qualität und Leistung verbessern, sowie über kurz oder lang den Preis drücken. Das war immer so und wird immer so sein. Wenn solche Innovationen nicht über Jahrzehnte konsequent unterdrückt oder zumindest nicht gefördert worden wären, könnten wir schon viel weiter sein, was die Nutzung alternativer Energieerzeugungen, Antriebe und dergleichen mehr angeht.
Na klar, und wenn wir nur früh genug angefangen hätten, dass Beamen zu fördern, könnten wir jetzt schon auf die ganzen Transportmittel verzichten und würden uns alle nur noch per Transponder bewegen.
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Förderung umweltfreundlicher
Autos in Europa
Hintergrund und Berechnungsgrundlage
Weltweit subventionieren etliche Länder saubere Autos. In China winken umgerechnet 6500 Euro, in den USA zwischen 1800 und 5300 Euro und in Japan sogar bis zu 11.500 Euro. In Deutschland gibt es bislang keine Förderung. Wie und wo in Europa Autos mit besonders geringem CO2-Ausstoß bezuschusst werden, zeigt die Zusammenstellung von SPIEGEL ONLINE. Als Referenzmodell bei Steuervergleichen diente ein Mercedes B 180 mit einem CO2-Ausstoß von 152 g/km.

Österreich
Österreich: Befreiung von der einmaligen Verbrauchsabgabe (1602 Euro) und der Kfz-Steuer (403 Euro pro Jahr).
Norwegen
Fahrer von Elektroautos dürfen die Bus- und Taxispuren benutzen, und zudem sind alle Parkplätze kostenfrei.
Italien
1500 Euro Zuschuss für ein privat genutztes Elektroauto. Bei gewerblichen Fahrzeugen steigt der Bonus auf 4000 Euro. Stufenweiser Rabatt auf Kfz-Steuer in den ersten fünf Jahren (219 Euro pro Jahr).
Irland
50 Prozent Steuernachlass oder 2500 Euro Zuschuss für Fahrzeuge mit Hybrid- oder Flexfuel-Antrieb.
England
Ab 2011 sollen Käufer von Elektroautos mit einer Summe zwischen umgerechnet 2300 und 5000 Euro unterstützt werden - zunächst ist die Subvention begrenzt bis 2016.
Frankreich
2000 Euro Bonus für Hybrid-, Erd- oder Flüssiggasantrieb mit weniger als 140 g/km CO2-Ausstoß. 5000 Euro für alle Fahrzeuge mit weniger als 60 g/km. Gewerbliche Fahrzeuge werden zudem von der Dienstwagensteuer befreit (1250 Euro pro Jahr).
Welche Typen von Elektroautos gibt es?
Reiner Elektroantrieb
Diese Fahrzeuge haben keinen klassischen Antriebsstrang mehr, der vom Motor die Bewegungsenergie auf die Räder überträgt. Stattdessen sind in den Radnaben Elektromotoren, die Energie kommt aus einem Akku, der an der Steckdose aufgeladen werden kann. Weil die Speicherkapazität der Batterien noch nicht mit einem klassischen Automobil vergleichbar ist, haben einige Elektromobile einen sogenannten Range Extender an Bord - einen kleinen Generator, der die Elektromotoren mit Energie versorgt, wenn der Akku leer ist.

Beispiele: Tesla Model S, VW E-Up, VW E-Golf, Renault Zoe, BMW i3, Ford Focus Electric, Nissan Leaf, Mercedes B-Klasse E-Drive
Hybridantrieb
Hybridautos haben zusätzlich zum klassischen Verbrennungsmotor einen Akku an Bord. Wenn der leer ist, springt der Benziner an. Eine Variante sind sogenannte Mild-Hybrid-Systeme, bei denen der Stromantrieb nur parallel unterstützend läuft, um den Benzinverbrauch zu reduzieren. Der Akku wird in der Regel durch Bremskraftrückgewinnung und einen Dynamo geladen. Zukünftige Hybridfahrzeuge sollen aber auch an der Steckdose aufladbar sein.

Beispiele: Toyota Prius, Toyota Prius+, VW Golf GTE, Porsche Panamera S E-Hybrid, Porsche 918 Spyder, Volvo V60 PiH, BMW i8
Brennstoffzellenantrieb
Bei diesen Fahrzeugen tankt man statt Benzin flüssigen Wasserstoff. In einer chemischen Reaktion wird das Hydrogen in der Brennstoffzelle in elektrische Energie umgewandelt, die dann das Fahrzeug antreibt. Anders als bei reinen Elektrofahrzeugen ist die Infrastruktur für den Wasserstoff eine ungelöste Frage. Vorteil der Brennstoffzellenfahrzeuge ist ihre größere Reichweite.

Beispiele: Hyundai ix35, Honda FCX Clarity, Hamburger Nahverkehrsbusse (Mercedes-Benz), Toyota Mirai
Range Extender
Im Gegensatz zu den herkömmlichen Elektroautos haben Range Extender einen Verbrennungsmotor an Bord, der anspringt, wenn die Ladung der Batterie zur Neige geht. Vorteil: Die Reichweite steigt auf das Niveau eines Autos mit konventionellem Antrieb. Vorreiter dieser Spezies ist der Opel Ampera, der die Kraft des Verbrenners aber auch nutzt, wenn die volle Leistung zum Beispiel auf der Autobahn abgerufen wird.

Beispiele: Opel Ampera (baugleich mit Chevrolet Volt), BMW i3 (optional mit Benzinmotor)

Fotostrecke
Elektroautos im Aufwind O: Modelle und Meilensteine

Im ABC finden Sie Erklärungen zu allen wichtigen Stichworten von Auto- oder Flüssiggas bis Wasserstoff:



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