Elektroauto e-Go Günther gegen Goliath

Ein Professor nimmt es mit den großen Pkw-Herstellern auf und baut ein Elektroauto, das deutlich günstiger ist als die bisherigen E-Modelle. Eine erste Probefahrt zeigt: Der e-Go hat das Zeug zum Bestseller.

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Von Christian Frahm


"Es braucht jetzt uns alle. Ich brauche die Mutigen, die jetzt schon verstanden haben, worum es in der Zukunft gehen wird", sagt Günther Schuh und läuft mit geballter Faust die Bühne auf und ab. Mit zwei Metern Größe ist der Mann eine imposante Erscheinung. Seine Stimme überschlägt sich fast vor Begeisterung als er den 2500 Zuhörern seinen Traum von der Elektromobilität erklärt.

"Mein Ziel war es, ein Elektroauto zu bauen, das sich jeder leisten kann. Und das sich die Leute freiwillig kaufen - einfach aus Begeisterung." Die Menge applaudiert, "richtig so", skandiert sogar ein Zuschauer. Und wenn man den Professor an diesem Nachmittag hört und sieht, könnte man meinen, dass ihm sein Vorhaben gelingen wird.

Schuh ist Inhaber des Lehrstuhls für Produktionssystematik an der Technischen Hochschule in Aachen (RWTH) und Geschäftsführer des 2015 von ihm gegründeten Elektroautoherstellers e-Go Mobile. Mit seiner Firma will er nicht weniger als die Autoindustrie revolutionieren - und mit dem e-Go das erste bezahlbare Elektroauto bauen. Ein Vorhaben, das bisher weder den zahlreichen Start-ups wie Tesla noch den großen, mächtigen Autokonzerne gelungen ist. Fragt man bei VW, BMW oder Mercedes nach, wird man für die ersten massentauglichen Elektroautos auf die Jahre ab 2020 oder später vertröstet. Elektro-Pionier Schuh will nicht so lange warten.

An diesem Nachmittag hat der Professor das erste e-Go-Produktionswerk in Aachen eröffnet. Auf 16.000 Quadratmetern soll hier ab Herbst die Serienproduktion des kleinen Elektroautos anlaufen. Rund 17 Stunden dauere die Montage eines Fahrzeugs, das an 28 einzelnen Stationen zusammengebaut wird. Die ersten der jährlich 10.000 produzierten Fahrzeuge sollen noch Ende 2018 an die rund 3000 Vorbesteller ausgeliefert werden. In Zeiten, in denen die Autobranche die selbst verschuldete Dieselkrise noch nicht aufgearbeitet hat, Emissionsgrenzen schärfer werden und immer mehr Fahrverbote verhängt werden, ist allein die Eröffnung eines neuen Autowerks eine kleine Sensation.

Schuh hatte schon einmal Erfolg

Dass Schuh dieser Coup gelungen ist, kommt nicht völlig überraschend. Schließlich hat er mit seinen Studenten bereits erfolgreich den E-Kleinlaster Streetscooter für die Deutsche Post konzipiert und damit gegen Hersteller wie VW oder Mercedes aufbegehrt, die nicht willens waren, der Post ein solches Auto zu bauen, weil das Projekt aus Konzernsicht zu wenig Gewinn abgeworfen hätte. Inzwischen ärgern sich die Verantwortlichen angesichts der Tatsache, dass die Post den Streetscooter gekauft hat und damit zum Elektroautohersteller aufgestiegen ist. 20.000 E-Transporter jährlich baut das Unternehmen künftig und verkauft es an externe Kunden. Dass Schuh diesen Erfolg auch mit dem e-Go haben wird, scheint zumindest nicht unmöglich zu sein.

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Elektroauto e-Go: Der Elektro-Zwerg

Ein großer Faktor für das Wunder aus Aachen ist sicher Schuh selbst. In seiner Mission und seinem konsequenten Vorgehen erinnert der Professor ein wenig an Elon Musk, den Chef des Elektroautobauers Tesla, der ähnlich wie Schuh ein bezahlbares Elektroauto schaffen will. Schuh selbst scheut diesen Vergleich - und natürlich trennt die beiden mehr, als ihre Idee von E-Mobilität verbindet: Musk ist Multimilliardär und Geschäftsmann, Schuh ein Wissenschaftler.

Schuhs Idee von einem emissionsfreien, bezahlbaren E-Auto für den urbanen Individualverkehr surrt bei der Eröffnung des neuen Werks bereits im Sekundentakt auf der Teststrecke um die Produktionshalle. Besucher dürfen erstmals eine Probefahrt im seriennahen e-Go-Modell machen. Tritt man auf das Gaspedal spurtet das Auto in der für Elektroautos typischen antrittsstarken Beschleunigung nach vorne. Das geht in der leistungsstärksten Variante mit einer Leistung von 60 Kilowatt sehr flott: in 3,4 Sekunden von null auf 50 km/h, ein Wert, der in dieser Fahrzeugklasse seinesgleichen sucht. Der tiefe Schwerpunkt durch die im Boden verbaute Batterie sorgt zudem für ein unterhaltsames Gokart-Feeling. Der kurze Radstand von 2,20 Metern macht das Auto zudem sehr wendig, und mit 3,34 Metern Länge passt man auch noch in kleinere Parklücken. Nach ein paar Runden im e-Go festigt sich das Gefühl, dass Schuhs Plan aufgehen könnte.

Der e-Go ist einfach und sicher

Das Auto ist in drei Leistungsstufen erhältlich. Die Basisvariante hat einen Hochvolt-Elektromotor mit 20 Kilowatt Leistung, einen Akku mit einer Kapazität von 14,9 Kilowattstunden und eine reale Reichweite von 104 Kilometern zu einem Preis ab 15.900 Euro. Hinzu kommt die Variante mit 40 Kilowatt (124 Kilometer Reichweite, ab 17.400 Euro) und mit 60 Kilowatt (158 Kilometer Reichweite, ab 19.900 Euro). Der e-Go ist dank der rund 130 Kilo schweren Karosserie aus hochfestem Kunststoff sehr leicht. Je nach Version wiegt der Stromer zwischen 880 und 950 Kilogramm. Trotz der Kunststoffkarosserie sei das Fahrzeug so sicher wie vergleichbare Kompaktwagen, sagt Schuh. Das Auto ist etwas länger, als es eigentlich sein müsste, um eine Crashzone von 47 Zentimetern zu bieten - genauso lang wie die einer modernen Mercedes S-Klasse.

Hinterm Steuer findet man im e-Go alles, was man braucht. Das Interieur ist schlicht gehalten und auf das Nötigste reduziert. Ein zentrales Infotainment-Display zeigt Daten über den Ladezustand und fungiert gleichzeitig als Radionavigationsgerät. Vier Sitze, ein Lenkrad, und das war es dann auch schon. Genau diese Einfachheit ist es aber, die dem e-Go und damit der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen soll.

Cockpit des E-Go-Prototypen
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Cockpit des E-Go-Prototypen

"Das Auto ist keine eierlegende Wollmilchsau", sagt Schuh. "Wenn ich morgens überlege, dass ich von Aachen nach Stuttgart fahren will, dann bitte nicht mit dem Ding. Dann fahren Sie doch bitte - das wäre mir am liebsten - mit dem Zug", sagt Schuh in seiner direkten Art. Auf technische Raffinessen müssen e-Go-Fahrer künftig dennoch nicht verzichten.

Updates aus der Cloud

Ab kommendem Jahr soll das E-Auto bereits autonom parken können - sofern es die dafür nötige Infrastruktur hergibt. Denn durch eine sogenannte "Car-to-Cloud-Box", die von Bosch zugeliefert wird, kann das Fahrzeug regelmäßig mit Updates oder Upgrades versorgt werden. So sollen neben der für das autonome Einparken notwendigen Lenkung viele weitere Extras freigeschaltet werden können. "Damit möchten wir den Zu-früh-bestellt-Effekt vermeiden und Kunden auch nach dem Autokauf noch die Möglichkeit bieten, neue Fahrzeugfunktionen freizuschalten. Das ist auch eine Frage der Nachhaltigkeit", so Schuh während des Rundgangs durch die Hallen. Auch Tesla setzt auf diese Technik.

Inzwischen steht er vor dem Fahrgestell aus Aluminium, das die Karosserie des e-Go trägt. Schuh schwärmt von dem robusten Konstrukt, das über hundert Jahre alt werden könne, ohne auch nur ein wenig Rost anzusetzen. "Das Auto können sie später einmal vererben", scherzt der Professor. Gerade, als er mit großen Schritten die nächste Station ansteuert, ruft ihn jemand quer durch die Produktionshalle. Ein Vorbesteller, der unbedingt einmal die Hand des Professors schütteln will. Schuh vergisst alles um sich herum und vertieft sich in ein Gespräch mit seinem Fan. Künftig wird man das Auto unter anderem über die wenigen e-Go-Stores in Deutschland bestellen können, oder aber online.

Schuh muss nun wirklich weiter, denn es gibt noch viel zu tun. Nebenan wird bereits das zweite Werk gebaut, in dem künftig die Karosserie des Stromers hergestellt werden soll. In Halle Nummer drei soll nächstes Jahr dann ein elektrischer Kleinbus für 15 Insassen folgen. Schuhs Mission ist noch lange nicht beendet.



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Seite 1
vubra 22.07.2018
1. Hört sich ja alles Stromig an
ein Verkaufsargument bei allen E-Autos ist immer deren Spritzigkeit, so wie hier in 3,4 auf 50Kmh. Dafür ist die Reichweite mehr so etwas für Kurzstrecken. Also rein theoretisch sieht es so aus das diese Autos wenn sie dann zu Tausenden verkauft werden die Innenstätte verstopfen werden. Denn für mehr als den Nahverkehr reicht die Reichweite nicht aus, Also könnte und sollte man den Bus nehmen, das dürfte Sinnvoller sein. Die E Mobilität ist er dann Mobilität wenn ein Akku Minimum 600 Km hält und dann nur 5 Minuten zum Aufladen braucht. Alles andere ist wie schon gesagt Nahverkehr. Hinzu kommen die noch immer kaum vorhanden Auflade Stationen, ok wenn man ein Haus hat baut man sich in der Garage eine Steckdose, schwerer wird es für Stadtbewohner aus den Mietkasernen, wenn da jeder ein Kabel vom Balkon hängen lässt wird vermutlich die Infrastruktur der Leitungen zusammenbrechen. E Autos sind immer noch Kinderkram. Wenn sie das nicht mehr sein werden dann werden die Stromkosten unbezahlbar werden, denn eines ist sicher diese Autos wurden erdacht um sich vom Öl zu lösen und sich aus Politischer Sicht weit höher bereichern zu können, was aber bereits jetzt als Milchmädchen Rechnung zu erkennen ist. Bedenkt man die Schlagzeilen der letzten Tage, da bricht dass Stromnetzt in Großstätten zusammen weil bei der Hitze zu viele Klimaanlagen laufen, jetzt stelle man sich mal vor wie das aussieht wenn dazu noch E Autos tanken. Nichts gegen die Idee des Herrn Schuh, er setzt die Politische Vorgabe um und macht es so gut es eben derzeit machbar ist. Ich wünsche ihm viel Erfolg denn irgendwann in ferner Zukunft wird dann vielleicht auch das Problem mit der Reichweite und den Dicken Leitungen zum Auftanken geregelt sein. Dicke Stromleitungen werden Wäre erzeugen wir werden also anfangen uns selbst zu grillen. Ja die Zukunft bringt neue Herausforderungen, und so wie ich das sehe werden wir diese aus Profitgier nicht lösen sondern munter verdienend in ein Chaos stürzen.
heidelbeere0815 22.07.2018
2. stolzer Preis!
Ein Familienauto für 5 Personen, einen Hund und Urlaubsgepäck mit einer Reichweite, die mehr als "Reserve" ist und bei dessen Anblick man keinen Augenkrebs bekommt, das wär mal was!
equigen 22.07.2018
3. Konkurrenzfähig?
„20 Kilowatt Leistung, einen Akku 14,9 Kilowattstunden Kapazität und eine reale Reichweite von 104 Kilometern zu einem Preis ab 15.900“. Zu diesem Preis habe ich einen Clio mit Platz für 5 Personen, als Kombi, mit abnehmbarer Anhängerkupplung, Reichweite 600km, ... vor einem Jahr gekauft. Das tolle beschriebene Auto ist in allen beschriebenen Kategorien um LÄNGEN schlechter. Und es ist auch nicht emissionsfrei, es seid denn man glaubt, dass der Strom den man tankt zu hundert Prozent aus dem Nichts stammt. Erstes kommt immer noch 70% von normalen Kraftwerken und dann sage mir keiner, dass Maismonokulturen, Windräder im Naturschutzgebiet usw. keine Umweltschäden hervorrufen. Nebenbei: Ein echtes Auto wie der Renault Zoe kostet auch nicht so viel mehr als im Artikel beschrieben. Und das kommt immerhin auf 300km Reichweite und sieht im Innenraum nicht aus wie aus dem Bastelshop von nebenan.
kahlmann22 22.07.2018
4. Prima
Unabhängig davon, ob das Fahrzeug ein Erfolg wird: es braucht Männer wie Prof. Schuh, die Visionen auch einfach mal umsetzen. Da er mit dem Fahrzeug zu einem gewissen Grad seine wissenschaftliche Reputation aufs Spiel setzt, kann man davon ausgehen, dass das Fahrzeug auch wirklich durchdacht ist. Ich hätte mir noch Informationen zur Nachhaltigkeit der verwendeten Werkstoffe gewünscht, bin aber überzeugt, dass auch daran gedacht wurde.
tobi1991 22.07.2018
5. Bezahlbar aber zu teuer
Der Wagen ist günstiger als die E Konkurrenz aber die Frage ist doch will ich 19.000 oder 17.000 Euro ausgeben für so ein dermaßen kleines Auto? Die Antwort ist eher nein. Es ist schon klar das 17 bis 19000 Euro für viele Menschen eher machbar sind aber was bekomme ich dafür bzw was würde ich alternativ bekommen...
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