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Elektroauto Mindset: Der Anti-Ferrari

Aus Sankt Niklausen berichtet

Zu lahm, zu spartanisch, zu teuer: Die meisten Elektroautos taugen noch nicht für den Alltag. Mit dem Mindset will der ehemalige VW-Designchef Murat Günak das ändern. Ein Prototyp rollt bereits durch die Schweiz - SPIEGEL ONLINE hat ihn ausprobiert.

Es ist ein fast schon unheimliches Gefühl, das den Reiz von Elektroautos ausmacht. Man hört keinen Laut - trotzdem reicht ein sanfter Druck aufs Fahrpedal, um davonzujagen. Bislang ist dieses beeindruckende Erlebnis nur ganz wenigen vorbehalten. Denn Autos mit Elektroantrieb sind rar - und sehr teuer.

Der Tesla Roadster etwa, Prototyp des Stromflitzers, kostet mehr als 100.000 Euro. "Elektromodelle, die bezahlbar sind, erinnern eher an eine aufgerüstete Golfkarre als an ein Auto", klagt der Schweizer Investor Lorenzo Schmid, der in der Vergangenheit erfolglos versuchte, ein derartiges Verzichtsfahrzeug auf die Straße zu bringen.

Zwischen den beiden Elektroauto-Extremen klafft laut Schmid eine riesige Lücke. Die will er gemeinsam mit dem ehemaligen VW-Chefdesigner Murat Günak und dem Designprofessor Paolo Tummineli füllen - mit dem Mindset. Entworfen wurde dieses Auto am Vierwaldstätter See in der Zentralschweiz.

Die Details sind noch unklar, aber angeblich gibt es bereits einen noch geheimgehaltenen Produktionspartner - und im nächsten Jahr sollen die ersten Autos auf die Straße kommen. Die Ankündigungen klingen äußerst ambitioniert. Immerhin gibt es nun, außer einem zusammengeschusterten Technologieträger, zumindest einen fahrfähigen Prototypen. Er wurde vom französischen Zulieferer Heuliez gebaut. SPIEGEL ONLINE war vor Ort in St. Niklausen, um das Elektromobil-Projekt in Augenschein zu nehmen.

Der Entwurf Günaks wirkt unkonventionell. Doch ist das 4,20 Meter lange Coupé mit dem eigenwilligen Heck und den großen, schmalen Rädern so gefällig, dass es eher einladend als polarisierend wirkt. Dazu passt auch der schlichte, feine Innenraum, der mit Leder in warmen Brauntönen ausgeschlagen ist. Wo bei anderen Autos ein klobiges Cockpit sitzt, hat der Mindset einen großen Bildschirm. Und wo in anderen Sparmodellen dünne, unbequeme Sitze montiert wurden, empfängt der Mindset die Passagiere mit einer durchgehenden Lederbank. "In diesem Auto soll man gelassen sitzen und genießen. Hier machen auch 60 km/h Spaß", sagt Günak.

Der Elektromotor hat durchaus das Zeug für mehr: 95 PS und 220 Nm reichen bei 900 Kilogramm Gewicht für einen Sprintwert von weniger als sieben Sekunden. Das Tempo ist auf 140 km/h begrenzt, in der Schweiz gilt ohnehin ein Limit von 120 km/h. Versorgt aus Lithium-Ionen-Akkus, die binnen zwei Stunden voll geladen sind, hat der Mindset eine Reichweite von 100 Kilometern. Danach springt, ähnlich wie beim Chevrolet Volt von General Motors, eine Art Notstromaggregat an, das aus 30 Litern Sprit elektrische Energie für weitere 700 Kilometer erzeugt.

Warum Ferrari und Co. nur noch peinlich sind

Natürlich geht es den drei Entwicklern auch um die Umwelt, und gern bestätigen sie, etwas Gutes für den Globus tun zu möchten. Doch es ist kein ökologischer Eifer, die sie treibt. Was dann? Schwer zu sagen, aber auf der gemeinsamen Testfahrt wirken die Herren ein bisschen wie Lebemänner, die in der Midlifecrisis von der schwindenden Wirkung ihres Ferrari überrascht wurden. "So ein Auto ist heute einfach nur noch peinlich", sagt Schmid zum Thema Supersportwagen, "darin wirst du nicht an-, sondern ausgelacht." Das soll beim Mindset anders sein. Er soll, so wünschen es sich die Designer, zu einem klassenlosen Statussymbol, zu einem Kultobjekt werden.

Die potenzielle Kundschaft sieht Schmidt nicht in der Müsliecke, sondern eher unter den aufgeklärten Besserverdienern. Es folgt die übliche Aufzählung von Berufsgruppen wie Architekten, Werbetreibenden und Selbständigen. Die sollen das Auto kaufen. Deshalb darf der Mindset auch ein bisschen mehr kosten. Zum Preis sagt Schmidt: "Ein gut ausgestatteter Nobelkombi in der Mittelklasse, das wäre für uns ein vernünftiges Vorbild."

"Revolution kann nur von außen kommen"

Fragt man die Mindset-Macher, warum so ein Auto nicht aus Detroit, Wolfsburg oder Tokio kommen kann, kramen sie zwei Luftaufnahmen hervor. Die eine zeigt das Entwicklungszentrum von General Motors in Warren, Michigan, das auf den Satellitenfotos von Google Earth den Charme einer Wal-Mart-Filiale ausstrahlt. Das zweite Foto zeigt eine Idylle, in der ein schönes kleines Haus auf einer schönen grünen Wiese an einem schönen blauen See vor schönen hohen Bergen steht. Wo, so die unausgesprochene Frage des Bilderrätsels, werden wohl die aufregenderen Autos gemacht?

"Revolution kann nur von außen kommen", sagt Günak, der sich seit seinem Abschied aus Wolfsburg wie von Fesseln befreit fühlt. "Autohersteller sind gefangen in ihrer eigenen Welt, schauen immer durch die gleiche Brille in die gleiche Richtung", glaubt er.

Evolution könne die Industrie gut. Doch Fortschritt sei mehr als immer kleinere Spaltmaße, höhere Wertigkeit und die immer neue Interpretation stets bekannter Formen. "Etwas wirklich Neues wagt in dem geschlossenen PS-Zirkel keiner", klagt Günak, "dafür ist die Routine zu groß, und auch die Angst vor einem Fehler." Deshalb müssten die Impulse von außen kommen – zum Beispiel aus der Schweiz.

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