Elektroauto-Pläne bei Nissan Mit dem Strom schwimmen

Nissan steht unter Strom: Wie fast alle Autohersteller arbeitet die japanische Firma mit Hochdruck an einem Elektrofahrzeug. Ganz so unkonventionell wie die Studie Pivo wird das Serienauto nicht aussehen, doch dafür soll der kleine Stromer schon 2010 verfügbar sein.


Kein Thema hat die Automobilindustrie in den letzten Monaten derart beschäftigt wie die Wiedergeburt des Elektrofahrzeuges. Lange Jahre totgesagt, gehört die Idee vom sauberen Stromer derzeit zu den Dauerbrennern bei allen Messen und Kongressen. Längst gibt es wohl keinen Hersteller mehr, der nicht mit Hochdruck an Batterien und Motoren forscht, die das Auto der Zukunft ohne Benzin und Diesel fahren lassen. An vollmundigen Ankündigungen fehlt es dabei nicht.

Auch Nissan hat sich zum Elektroauto bekannt und einen überraschend frühen Marktstart angekündigt. "Schon 2010 werden wir die ersten Fahrzeuge in Großserie produzieren", sagt Masahiko Tabe aus der Vorausentwicklung. Dort gibt es bereits seit einigen Jahren die Kleinserie eines "HyperMini", doch war dieses Wägelchen nicht viel mehr als eine Golf-Karre mit geschlossener Karosserie. "Jetzt reden wir über ein richtiges Auto", sagt Tabe und zeigt auf einen Nissan Note: "Vier bis fünf Sitze und ein gewisses Maß an Alltagstauglichkeit müssen schon sein."

Dafür stehen neben dem neuen Karosserieformat auch die Lithium-Ionen-Akkus, die künftig die heute meist gebräuchlichen Blei- oder Nickel-Metall-Hybrid-Batterien ersetzen sollen. Dass Nissan tatsächlich rechtzeitig den modernen Akku am Start hat, von dem alle Entwickler träumen, steht für Tabe außer Frage. Die Zuversicht stützt er auf eine Kooperation mit dem Elektronikriesen NEC, die im letzten Jahr vereinbart wurde und bereits 2009 erste Früchte tragen soll.

Renault hofft auf den Batterie-Durchbruch von Nissan

Darauf hofft auch die Konzernschwester Renault, die auf den Fortschritt aus Japan dringend angewiesen ist. Schließlich haben die Franzosen in Israel vor ein paar Tagen vollmundig ein großes Elektro-Auto-Projekt angekündigt. Zusammen mit dem kalifornischen Unternehmen Project Better Place wollen sie die ersten sein, die der Regierungsforderung nach einem landesweiten Transportsystem auf der Basis von erneuerbaren Energien nachkommen.

Dafür will Renault um die Nissan-Akkus ein Auto entwickeln, das, anders als Hybrid-Fahrzeuge, ausschließlich mit Strom fährt, ebenfalls 2010 fertig ist und 2011 auf den Markt kommt. Und während der israelische Staat großzügige Steuererleichterungen für Kunden in Aussicht stellt, entwickelt und betreibt Project Better Place im ganzen Land ein Netz von Ladestationen. Weil dabei von 500.000 öffentlich Steckdosen für Autos die Rede ist, sollten auch weite Reisen kein Problem mehr sein.

Zudem planen die Partner einen Bordcomputer, der neben Energiereserven und Reichweite auch den Weg zur nächsten Stromquelle zeigt. Auch die Fahrleistungen des Elektroautos sollen durchaus so sein, dass man mit dem Wagen die Stadtgrenzen hinter sich lassen kann, heißt es bei den Franzosen. Sie stellen die Motorleistung und Fahrdynamik eines 1,6 Liter großen Benziners in Aussicht.

Finanzierung in drei Teilen: Auto, Batterie, Strom

Anders als bei bisherigen Öko-Autos planen die Projektpartner für Israel auch ein neues Finanzierungsmodell, das die Kosten für Fahrzeug, Batterie und Energie trennt. Ähnlich wie beim Mobiltelefon kauft man in diesem Konzept das Fahrzeug und unterschreibt für Batterie und Strom einen Vertrag wie für SIM-Karte und Verbindungsminuten. Zusammen mit den Steuererleichterungen, dem Preisvorteil an der Tankstelle und der garantierten Betriebszeit "sollen die Kosten für ein Elektrofahrzeug unterm Strich weitaus geringer ausfallen, als für ein Auto mit herkömmlichem Verbrennungsmotor", verspricht Nissan.

Dass es auch andere Argumente für ein Elektroauto geben kann, zeigen die Japaner nächste Woche auf dem Genfer Salon (6. bis 16. März) mit der Studie Pivo 2, die nun zum ersten Mal in Europa zu sehen ist. Konzipiert als witziger Einkaufswagen für die Großstadtjugend soll die Knutschkugel mit dem freundlichen Grinsen im Gesicht dem Stadtverkehr den Schrecken nehmen. Denn erstens ist der Dreisitzer trotz seines ordentlichen Platzangebots ausgesprochen kompakt, und zweitens wird mit ihm das Rangieren zum Kinderspiel.

48 Batterieelemente im Unterboden des Autos

Beides verdankt er seinem Antriebskonzept: Weil die 48 Batteriepacks vom Format eines Laptops wie Kühlakkus im Gefrierschrank im Wagenboden aufgereiht sind und die vier Elektromotoren in den Radnaben verschwinden, "genießen die Designer innen völlig neue Freiheiten und haben auf kleiner Fläche viel mehr Raum", sagt Vorausentwickler Tabe.

Und weil durch den Verzicht auf Steuerungsmechanik nicht nur die Kabine, sondern auch die Räder nahezu unbegrenzt beweglich sind, wird das Rangieren zum Kinderspiel. Statt zu wenden, dreht man auf Knopfdruck einfach die Karosseriekugel und fährt in die Gegenrichtung. "Und statt beim Parken mühsam in die Lücke zu zirkeln, stellt man die Räder einfach quer und fährt seitwärts auf den Stellplatz", erläutert Tabe das Konzept.

Natürlich weiß auch der Entwickler, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist. Doch während Ingenieure anderer Hersteller an dieser Stelle gerne ins Diffuse abgleiten, ist Tabe überraschend konkret: Wann wir wie im Krebsgang einparken können, weiß er zwar noch nicht. "Doch zumindest mit den Radnabenmotoren werden wir 2015 so weit sein."



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