Elektroautos in Kleinserie Zum Knutschen

Große Hersteller stehen sich bei der Entwicklung von E-Mobilen oft selbst im Weg: Weil ihre Autos allen Ansprüchen genügen müssen, sind sie überladen und teuer. In Genf zeigen kleine Start-ups, dass es auch anders funktioniert.

Jürgen Pander

Aus Genf berichtet Jürgen Pander


Wim Ouboter steht an seinem kleinen Messestand auf dem Genfer Autosalon. "Hören Sie das?", fragt der Schweizer, und meint damit die Präsentation des neuen Ferrari GTC 4 Lusso schräg gegenüber. Über die Lautsprecher dröhnt der 6,2-Liter-Zwölfzylindermotor von Ferrari. "Wer findet denn so was noch cool?", sagt Ouboter. Er zuckt mit den Schultern, zeigt auf das Wägelchen vor sich und erklärt: "Das hier ist der neue Womanizer."

Der Microlino ist eine Isetta mit E-Motor
Jürgen Pander

Der Microlino ist eine Isetta mit E-Motor

Microlino steht in Schreibschrift auf den Flanken des 2,40 Meter kurzen Mobils, das auch bei voller Fahrt leiser ist als ein Ferrari im Leerlauf: Ouboters Ausstellungsstück ist der Prototyp eines Elektrofahrzeugs im Look der Isetta. In den Fünfzigerjahren trug sie den Spitznamen Knutschkugel. Der Microlino ist so ziemlich das originellste Modell auf dem Genfer Salon.

Wer nach Elektroautos Ausschau hält auf dieser glitzernden Autoshow, wird natürlich auch auf den Bühnen der großen Hersteller fündig. Doch erstens stehen die E-Mobile dort nicht im Mittelpunkt, und zweitens sehen sie aus wie normale Autos: gleiche Größe, gleiche Machart, gleiche Ausstrahlung. Auf keinen Fall soll Elektromobilität bei den etablierten Autobauern mit Verzicht assoziiert werden. Ein Elektro-Mercedes oder ein E-VW, so scheint es, muss zuerst ein Mercedes oder VW sein, der Batterieantrieb ist lediglich der Beweis, dass man auch diese Technik hinkriegt.

Solches Denken ist Unternehmern wie Wim Ouboter fremd. Der Ex-Banker machte mit seiner Firma Micro Mobility Systems vor fast 20 Jahren den Tretroller zum Lifestyle-Produkt. "Erst wurde ich ausgelacht, inzwischen hat sich unser Kickboard mehr als zehn Millionen Mal verkauft", sagt Ouboter. Er hofft, dass sich diese Geschichte mit dem Microlino wiederholt.

"Das war wohl unter ihrer Würde"

Das Leichtfahrzeug wiegt ohne Akku nicht mal 400 Kilogramm, bietet Platz für zwei Personen mit ein bisschen Gepäck, es soll maximal 100 km/h schnell sein und mit einer Batterieladung rund 120 Kilometer weit kommen.

Das klingt nach nichts Besonderem, doch der Clou des Microlino ist sein Aussehen: Das Ding gleicht dem Motocoupé BMW Isetta bis ins Detail. Selbstverständlich wurde auch die große Fronttür beibehalten - der Überraschungseffekt beim Ein- und Aussteigen ist quasi unbezahlbar.

"Die Leute winken und lächeln", beschreibt Ouboter den Effekt des Microlinos. "Besonders Frauen sind hingerissen, was man nicht unterschätzen sollte." Natürlich habe er mit BMW gesprochen, ob sie sich vielleicht an dem Projekt beteiligen wollen. "Wollten sie nicht, das war wohl unter ihrer Würde", sagt Ouboter.

Jetzt hat er ein Joint Venture mit der italienischen Firma Tazzari gegründet, die bereits Elektro-Kleinstfahrzeuge fertigt. In deren Werk in Imola sollen demnächst die ersten zehn Prototypen gebaut werden. Dann folgt die Prozedur für die Straßenzulassung. 2017 - so lautet der Plan - soll der Microlino startklar sein.

"Wir wollen erst einmal 300 Autos bauen, das können wir aus eigener Tasche finanzieren. Dann werden wir sehen, wie die Idee ankommt", sagt Ouboter. Das Bestellformular auf der Webseite wurde am 29. Februar freigeschaltet, bis zum Abend waren bereits zehn Microlino geordert.

Bastelkurs für Elektroautokäufer

Über solche Zahlen lächeln Vertriebsverantwortliche eines großen Autoherstellers. Für kleine Firmen mit einer frischen Idee jedoch bedeuten sie viel. Das bestätigt Daniel Wenger vom Schweizer Unternehmen Kyburz, das ebenfalls auf dem Salon in Genf einen minimalistischen Elektroroadster vorstellt, von dem bereits sechs Exemplare verkauft wurden. Bislang baute das Unternehmen E-Dreiräder für die Schweizer Post. Beim neuen Projekt kommen ein viertes Rad und erheblich mehr Fahrspaß dazu.

Wer mit dem straßenzugelassenen E-Flitzer um die Ecke fegen möchte, hat drei Optionen: Es gibt das Fahrzeug als Bausatz für zu Hause; man kann aber auch bei Kyburz einen einwöchigen Kurs buchen, in dessen Verlauf dann das eigene Auto entsteht. Oder aber man bestellt das Ding gleich fahrfertig - was mit umgerechnet rund 34.000 Euro die teuerste Variante ist.

Der Elektroroadster von Kyburz
Jürgen Pander

Der Elektroroadster von Kyburz

Auf dem Genfer Autosalon gibt es weitere kleine Unternehmen, die wie Kyburz und Micro Mobility Systems in die elektrische Mobilitätsnische vorstoßen. Aus Südkorea beispielsweise kommt Power Plaza mit dem Zweisitzer Yebbujana R2, der auf eine Reichweite von 765 Kilometer kommen soll.

Die französische Firma EP-Tender wiederum hat einen Anhänger entwickelt, in dem ein 625-Kubik-Zweizylindermotor von Tata Strom erzeugt, um Elektroautos fit für längere Touren zu machen. Der Umbau des E-Autos, damit der Strom von Anhänger in den Antrieb fließen kann, kostet 600 Euro, die Tagesmiete ab 17 Euro.

Das Geschäftsmodell sieht vor, dass Elektroauto-Besitzer den EP-Tender bei Bedarf leihen, um damit die Reichweite ihres Wagens einfach und rasch zu erhöhen. Die ersten fünf Leihstationen in Frankreich sollen in diesem Sommer eröffnen. Irgendwann, so die Vision von EP-Tender, soll sich ein flächendeckendes Netz über ganz Europa erstrecken.

Nicht ganz so gewaltig, aber doch mit 400 verkauften Fahrzeugen pro Jahr, kalkuliert die Firma Bee Bee, die ein Sommerfahrzeug entwickelt hat, das vor allem für Autovermieter an der Côte d'Azur, auf Korsika oder in der Karibik gedacht ist. Wer privat so ein Vehikel mit einer elektrischen Reichweite von etwa hundert Kilometern bewegen möchte, muss mit 27.480 Euro Kaufpreis rechnen.

Citroën E-Mehari
Jürgen Pander

Citroën E-Mehari

Ein großer Hersteller hatte im Prinzip die gleiche Idee: Citroën zeigt auf der Messe in Genf erstmals den poppigen E-Mehari. Ein Spaßmobil mit Elektroantrieb für Schönwettertage, von dem in Kooperation mit dem Kleinserienhersteller Bolloré rund tausend Exemplare gefertigt werden.

Ob einige davon auch nach Deutschland kommen, steht noch nicht fest. Ein Unternehmenssprecher sagt, hier sei es problematisch, ein Auto mit leichten Planen statt mit einem festen Dach und mit witziger, aber karger Ausstattung zu verkaufen. Genau so aber müssen Elektroautos sein, um Gewicht und Kosten zu sparen.

"Es ist doch absurd, dass allein in den Sitzen einer modernen Limousine schon 15 Elektromotoren stecken", sagt Microlino-Macher Ouboter. Einfachheit sei der Schlüssel zur Elektromobilität. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass die etablierten Autobauer noch sehr lange auf einen Erfolg ihrer E-Fahrzeuge warten müssen. Denn die sind nahezu ausnahmslos groß, schwer, luxuriös und viel zu teuer. Da fragt man sich schon: Können die nicht anders, oder wollen sie nicht?



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
vonTruhendingen 04.03.2016
1. Toll.
Die "interessanteste Neuentwicklung" ist mit dem Microlino ja wohl ein 100 % BMW Isettaclon, in den man (tolle Neuentwicklung) einen E-Motor gepfriemelt hat. Dieses "Auto" stand Ende der 50er jahrelang vor unserer Haustür, genannt "Michels Adventsauto" ("Macht hoch die Tür"). Neu? Hhmm.
hermann_huber 04.03.2016
2.
schön mal wieder eine BMW Isetta zu sehen.
culinarius 04.03.2016
3. Schönes Ding . . .
Ich denke, wenn BMW den damals eingebauten Motorradmotor nach den heutigen Möglichkeiten weiterentwickeln würde, wäre das Ding auch so gut wie abgasfrei. Vorausgesetzt, man verfällt nicht dem allgemeinen PS-Wahn, und belässt es einfach mal bei der damaligen Leistung . . .
jackoconnor 04.03.2016
4. E-Tender?
Geht es noch schwachsinniger? Erst ein Emobil kaufen, und dann einen Verbrennungsmotor hinten dran hängen? Wo ist da die Logik? Und die restlichen schicken Fahrzeuge sind weit entfernt von jeglicher Alltagstauglichkeit...
derpif 04.03.2016
5.
"Können die nicht anders, oder wollen sie nicht?" Also ich weiss nicht, eine Reichweite von 100-120Km erscheint den Großen vielleicht vollkommen sinnfrei? Es würde mich nicht wundern. Wenn ich etwas mit einer Reichweite von 120Km kaufen wollte dann wäre das wahrscheinlich eher ein E-Bike. Die Preise für die Winzlinge im Bericht sind jedenfalls jenseits von gut und böse für das was geboten wird. So gesehen finde ich die Preise der Großen sogar ersteaunlich günstig. €34 000 , gehts noch? Dafür kaufe ich mir einen gebrauchten A8 und habe ein Wohnzimmer auf Rädern.
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