Hersteller von Elektroautos Mal wieder nicht geliefert

Pompöse Präsentationen, vollmundige Vorstandsreden - Elektroautos, so der Eindruck, sind das große Ding der Autoindustrie. Wenn jedoch ein Kunde ein E-Mobil kaufen will, kann es schwierig werden.

DPA

Von Jürgen Pander und Matthias Kriegel


Irgendwas ist immer. Als der Elektro-Hype losbrach, gab es den Tesla Roadster - und sonst nur verblüfftes Erstaunen bei der Konkurrenz. Danach kamen ein paar Autos (mit mickrigen Reichweiten) auf den Markt, aber es mangelte an Lademöglichkeiten. Inzwischen gibt es sehr viel mehr Ladesäulen und mehr als ein Dutzend Elektromodelle mit passablen Reichweiten pro Akkuladung. Und jetzt? Hakt es am Nachschub. Die Lieferzeiten für manche Elektroautos betragen fast ein Jahr.

Das betrifft nicht nur den Tesla 3, die E-Mittelklasse zum Preis von rund 32.000 Euro, deren Produktion auch nach mehr als einem halben Jahr noch immer lahmt. Erste Exemplare werden erst in knapp einem Jahr in Deutschland erwartet. Zwölf Monate Wartezeit müssen auch Käufer eines Hyundai Ioniq Elektro einkalkulieren; allein der Transport der Autos auf dem Seeweg aus Südkorea nach Europa dauert mehrere Wochen, heißt es beim Hersteller.

Bei deutschen Herstellern - ganz ohne Seeweg - ist die Liefersituation ähnlich desolat. Zum Beispiel bei Smart für das Modell Fortwo ED. Wer heute einen Kaufvertrag für das Stadtmobil mit Elektroantrieb unterschreibt, erlebt mit Glück an Weihnachten dann die automobile Bescherung. "Ende 2018, Anfang 2019", heißt es vage auf Nachfrage bei Smart, wenn man nach den Lieferzeiten für die elektrischen Zwei- und Viersitzer fragt.

"Überraschend hohe Nachfrage"

Als Grund nennen die Smart-Leute die "sehr hohe Nachfrage, die die anvisierten Planungen weit übertroffen" habe. Ähnlich klingt es bei VW, wenn man sich nach dem Golf E erkundigt, also der Elektrovariante des Kompaktwagens. Dessen Lieferzeit beträgt aktuell mindestens zehn Monate. "Vor allem durch die Umwelt- und Zukunftsprämie seit August 2017 ist die Nachfrage erheblich gestiegen", heißt es in Wolfsburg. In der "Gläsernen Manufaktur", wo der Golf E gebaut wird, soll ab März eine zweite Schicht die Produktionskapazität von 30 auf 70 Autos pro Tag steigern. Zudem wird der Golf E auch in einer kleinen Halle in Wolfsburg gefertigt.

In diesem Fall sind also nicht die Kunden, die nicht wollen, sondern die Hersteller, die nicht können, der Grund dafür, dass eine neue Technologie nur allmählich Verbreitung findet. Dabei sind seit Bekanntwerden des Diesel-Betrugs bereits zweieinhalb Jahre vergangen - eigentlich genug Zeit, um sich um Alternativen zu kümmern.

Doch so einfach ist es nicht. "Die aktuellen Elektrofahrzeuge werden nicht in Großserie produziert, sondern derzeit noch auf gesonderten Produktionslinien mit einer anderen Taktung. Ähnlich gilt das auch für die speziellen Komponenten für die Elektroautos", sagt Wolfgang Bernhart, Automobilexperte und Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger. "Nachfrageschwankungen lassen sich deshalb viel weniger ausgleichen als bei normalen Großserienmodellen."

Interesse an E-Autos falsch eingeschätzt

Offenkundig haben einige Hersteller das Interesse an Elektroautos viel zu niedrig eingeschätzt. Ökonomisch lässt sich das durchaus begründen, denn die Gewinnmarge bei einem E-Auto - wenn es sie denn überhaupt gibt - ist deutlich niedriger als bei einem herkömmlichen Modell. Andererseits wirkt es wenig glaubwürdig, wenn man im Scheinwerferlicht auf Messen von der schönen neuen Elektroautowelt schwadroniert, dann aber nicht reagieren kann, wenn sich die Leute schon für die tatsächlich vorhandenen E-Modelle interessieren.

Es gibt allerdings schon einige Wagen, die vergleichsweise zügig geliefert werden können, wenn man den Angaben der Hersteller vertraut.

  • Ungefähr ein halbes Jahr beträgt die Lieferzeit beim Nissan Leaf sowie beim Renault Kangoo ZE;
  • etwa fünf Monate sind es beim Tesla Model S, Tesla Model X, Renault Zoe oder Renault Twizy.
  • Etwas weniger noch beim BMW i3 und beim Opel Ampera-E. Letzterer war Ende vergangenen Jahres für einige Zeit gar nicht mehr bestellbar, jetzt jedoch kann das Auto wieder geordert werden. Und auf Nachfrage bei Opel sowie bei einem der 42 Händler in Deutschland, die das Elektroauto vertreiben, heißt es unisono, dass die Lieferzeit etwa drei bis vier Monate betrage.

Ein bisschen Geduld ist also erforderlich, wenn man in ein Elektroauto umsteigen möchte. Das übt schon einmal für später, an der Ladesäule.

insgesamt 176 Beiträge
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scl2345 26.02.2018
1. Unnötig
Ich finde der letzten Satz von wegen „Warten an der Ladesäule“ ist ein billiges Effekthaschen der Autoren. Ich fahre seit 6 Jahren Elektroautos und habe noch nie an einer Ladesäule gewartet. Die Autos sind im Moment noch nicht für alle praktikabel, aber wer eine Steckdose hat, an der sie ihr Auto aufladen kann wartet nicht sondern lädt über Nacht.
Schnorschel 26.02.2018
2. Warum immer neu?
Es ist schon erstaunlich, warum es immer um Neuwagen in zahlreichen Artikeln geht. Ich habe ohne Probleme im Mai letzten Jahres einen gebrauchten Elektrowagen in Ellicott City in Maryland, USA für $12.500, rund einem Drittel des Kaufpreises eines Neuelektrowagens, erstanden. Innerhalb von drei Tagen war der Kauf abgewickelt (wegen Finanzierung durch die Hausbank) - dabei wohne ich in Florida. Die selbst durchgeführte Rückführung per Autotrain von Virginia nach Florida war überhaupt kein Problem. 16 Stunden Zugfahrt von 16 bis 9 Uhr des darauffolgenden Tages und noch zwei kurze Halte an Schnellladern, und innerhalb von 24 Stunden stand das Auto bei mir in der Einfahrt (in Brandon, rund 20 Minuten östlich von Tampa), ein Chevrolet Spark EV, Vorgänger des Bolt EV (alias Opel Ampera) und bauverwandt dem Opel Karl, mit offiziell 82 Meilen Reichweite pro Batterieladung (die ich aber problemlos schon auf 120 hochkitzeln konnte). Was will man mehr? Gebrauchte elektrische Smarts der Vorgeneration (sprich: Modell 451) mit gut 30.000 Meilen auf dem Tacho gibt's hierzulande für schlappe $5.000 zu haben. Dem kann kein Benziner das Wasser reichen.
teaki 26.02.2018
3. Sehr umweltfreundlich
wenn man die Autos erst mit einem dreckigen Altölschiffsdiesel von Süd Korea herschippern muss.
der_rookie 26.02.2018
4. Hm
Warum muss jeder Artikel über E-Autos eigentlich mit Tesla beginnen? Nissan verkauft mehr E-Autos als Tesla, hat ein viel dichteres Servicenetz und kürzere Wartezeiten.
seikor 26.02.2018
5. Falsch formuliert
Es waren immer schon die Hersteller, die nicht WOLLTEN. Sie verdienen mit der alten Technik einfach zu viel. Und hab es bei der alten Technik nicht auch bisweilen horrende Lieferfristen?
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