Elektromobilität Alles sauber oder was?

Elektromobilität gilt als Rettung fürs Klima - schließlich entsteht während der Fahrt kein Kohlendioxid. Doch sind Elektroautos auch noch so umweltfreundlich, wenn man keinen Ökostrom tankt? Und was kostet das automobile grüne Gewissen? Ein Faktencheck.

Opel

Wenn es um Elektromobilität geht, klingen die Versprechen der Autohersteller zu schön: Fahrspaß, Dynamik - und das Ganze noch ökologisch verträglich! Zumindest wird das suggeriert, denn ein Elektroauto stößt während der Fahrt kein CO2 aus. Aber sind Stromfahrten deswegen wirklich sauber? Und was ist mit den Kosten? Wir haben nachgerechnet.

In unserem Test waren wir mit einem Opel Ampera unterwegs, der je nach Witterung und Fahrstil 40 bis 80 Kilometer nur mit dem Strom aus der Batterie fahren kann. Ist der Akku leer, springt ein Verbrennungsmotor - der sogenannte Range Extender - an und produziert Strom. Weil bei unseren Berechnung nur die Fahrten im E-Modus berücksichtigt wurden, ist das Ergebnis aber vergleichbar mit reinen Stromern.

Bei unserer ersten Testfahrt mit dem Ampera sind wir fast 40 Kilometer weit gekommen, bevor der Verbrenner den Strom generieren und der Akku an der Steckdose zu Hause aufgeladen werden musste. Um zu ermitteln, wie viel Energie genau über Nacht in den Speicher geflossen ist, haben wir zwischen Auto und Steckdose einen Stromverbrauchszähler installiert.

Wer nicht aufpasst, verfeuert unnötig Energie

Der Akku im Opel Ampera hat nach Herstellerangaben eine Kapazität von 16 kWh. Weil ein komplettes Entladen wegen chemischer Vorgänge in der Batterie die Lebensdauer erheblich reduziert, nutzt das Auto aber nur 10 kWh, um den Elektromotor anzutreiben, der Rest verbleibt immer im Speicher.

Die erste Überraschung gab es am Morgen beim Blick auf den Stromverbrauchszähler. In der Erwartung, dass der Verbrauch bei rund zehn kWh läge, stellten wir fest, dass sich der Opel Ampera 13,2 kWh einverleibt hatte. Wie kommt die nicht unwesentliche Differenz zustande?

Bei Opel nachgefragt, erhielten wir folgende Antwort: Der Strombedarf einer kompletten Akkufüllung liegt bei rund 12,7 kWh - davon gehen circa 2,7 kWh für die Systemsteuerung und -überwachung des Akkus drauf. Dieser Verlust hätte sich allerdings minimieren lassen, wenn wir den Ladevorgang zeitlich genau abgepasst hätten - wenn man beim Ampera seine angepeilte Startzeit für die Fahrt eingibt, wird der Ladevorgang entsprechend automatisch gestartet und optimiert.

Und der Rest? Das sind nach Angaben der Rüsselsheimer Ladeverluste, die bei jedem Elektrowagen auftreten können. Zum Beispiel hat die Länge des Kabels einen Einfluss auf den Energiebedarf. Ist die Stromleitung besonders lang - wie in unserem Fall - kann sich der Stromverbrauch um bis zu 0,4 kWh erhöhen. Auch die Außentemperatur hat einen großen Einfluss. Zeigt das Thermometer null Grad oder weniger, fließen bis zu 0,3 kWh zusätzlich durch die Leitung.

Eventuell Ernüchternde CO2-Bilanz

Die nächste Überraschung gab es bei der Kostenkalkulation. Bei einem Preis von 24,19 Cent pro kWh kommen wir bei der genutzten Energie auf ein Preis von rund 3,20 Euro für die Akuladung des Ampera. Mit dieser Ladung sind wir 38,9 Kilometer weit gekommen. Daraus resultieren Stromkosten in Höhe von 8,20 Euro auf 100 Kilometer. Zum Vergleich: Der Opel Insignia Ecoflex hatte im SPIEGEL-ONLINE-Test rund sechs Liter Diesel verbraucht. Daraus errechnen sich Kraftstoffkosten in Höhe von 9,06 Euro. Der Preisvorteil des Ampera gegenüber eines Selbstzünders ist also recht gering.

Aber immerhin: Weil wir den Strom des Anbieters Lichtblick genutzt haben, der zu 100 Prozent aus Wasserkraft gewonnen wird, waren wir tatsächlich CO2-frei unterwegs. Doch nicht jeder Kunde in Deutschland setzt auf regenerative Energiequellen. Legt man den vom Umweltbundesamt geschätzten Strommix von 2010 in Deutschland zugrunde, entstehen pro genutzte Kilowattstunde 563 Gramm CO2. Für unser Beispiel - diesmal allerdings unter Berücksichtigung einer optimierten Beladung - ergibt sich ein erstaunlicher Wert. Satte 183,8 Gramm CO2 fallen für die Stromproduktion eines gefahrenen Kilometers an.

Der Vergleich zum vom Bordcomputer ermittelten Verbrauch des Insignia ist ernüchternd: Der sparsame Diesel bläst bei der Verbrennung des Kraftstoffs - also während der Fahrt - nur 157,8 Gramm pro Kilometer in die Luft. Etwas besser fällt die Bilanz zugunsten des Ampera aus, wenn man zusätzlich den Kohlendioxidausstoß bei der Herstellung des Dieselkraftstoffs in der Raffinerie anrechnet. Nach Angaben des Öko-Instituts entstehen bei der Verbrennung und der Dieselproduktion zusammen 183,5 Gramm des Gases pro Kilometer.

Die Öko-Bilanz

Was sagt uns das? Fakt ist: Nur wenn der Strom aus regenerativen Quellen kommt, hält das Versprechen von der sauberen Elektromobilität. Deswegen bietet beispielsweise Opel den Ampera-Kunden in Kooperation mit den Versorgern auch einen günstigen Öko-Strom-Tarif. Technisch hält der Strombetrieb des Ampera und andere E-Autos das Versprechen der Hersteller. Fahrspaß und Dynamik sind durchaus gegeben.

Damit sich die Elektromobilität durchsetzt, reicht es eben nicht, sich einfach hinzustellen und zu fordern, dass bis zum Jahr 2020 eine Million Elektroautos geben muss, wie es Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer getan hat. Wenn die Autohersteller die Kraft zur Veränderung aufbringen, zum Anbieten von alternativen Antriebskonzepten, zur Abkehr vom Vertrauten, darf das nicht bestraft werden. Die Hersteller bauen die Autos, die dafür nötige Infrastruktur und die Anreize müssen, wenn solche Forderungen ernst gemeint sind, von anderer Stelle kommen.

Damit Elektromobilität eine echte Berechtigung und eine wirklich Zukunft hat, müssen Politik und Wirtschaft die Kohlenstoffdioxidemissionen an anderer Stelle kappen: im Kraftwerk. Und diesen Strom dann zu Preisen anzubieten, die deutlich günstiger sind als der Sprit an der Tankstelle.



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insgesamt 263 Beiträge
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Seite 1
aldamann 03.03.2012
1. kleiner fachlicher Fehler
Eine Einheit für Energie ist kWh, also Kilowatt MAL Stunde, nicht kW/h.
gehtsonicht 03.03.2012
2. CO2 Billanz
Was mir in den ganzen Gegenüberstellungen fehlt: Wie sieht es mit den Herstellungskosten eines E-Mobils gegenüber eines normalen Autos aus. Ist die Herstellung des Li-Akkus CO2 neutral ? Muss man den Akku nach Ableben als Sondermüll wieder aufbereiten ? Usw.
derweise 03.03.2012
3. Ökostrom?
Zitat von sysopOpelElektromobilität gilt als Retter fürs Klima - schließlich entsteht während der Fahrt kein Kohlendioxid. Doch sind Elektroautos auch noch so umweltfreundlich, wenn man keinen Ökostrom tankt? Und was kostet das automobile grüne Gewissen? Ein Faktencheck. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,814563,00.html
Ökostrom? Ach, Sie meinen die 3 % Solarstrom des Energieaufkommens, die uns jetzt schon gewaltige Milliarden Euro kosten?!
cmacm 03.03.2012
4.
Es überrascht mich, dass das dennoch so positiv ausfällt. Wenn nun noch die Energie-Mehrkosten durch die Akku-Herstellung reingerechnet werden, wird sich wahrscheinlich zeigen, dass sich ein solches Automobil erst nach vielen Hunderttausend Kilometern energetisch amortisiert. Wenn Die Akkus so lange halten...
fhmemo 03.03.2012
5.
Lächerlich. 9€ zu 8€ pro 100km. Das muss besser werden. Wenn jeder auf Elektro umsteigt kann ich mit meinem Dieselfahrzeug doch noch etwas sparen.:-P
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