Gipfel zur Elektromobilität: Kartell der Zauderer
Der Durchbruch des Elektroautos scheint weiter entfernt denn je. Ein Gipfeltreffen in Berlin sollte neuen Schwung in den Mobilitätswandel bringen. Es offenbarte vor allem die Konzeptlosigkeit von Autokonzernen und Regierung.
Berlin - Das Zeichen des Fortschritts steht in der Luisenstraße in Berlin Mitte, wenige Meter entfernt von der Marschallbrücke, die über die Spree führt. Es ist eine Ladesäule für Elektromobile, einsatzbereit, um den Boten der automobilen Zukunft zu neuem Schwung zu verhelfen. Doch seit knapp drei Jahren steht die Hightech-Tankstelle ungenutzt herum. Denn seit der Bundestag auf der anderen Straßenseite den Erweiterungsbau des Elisabeth-Marie-Lüders-Hauses hochzieht, ist dort der Halt in Kabelnähe verboten. Alle paar Wochen sieht ein Monteur vorbei, um Klebebildchen und Graffittis von der Ladesäule abzukratzen.
Doch auch wenn der Nutzen der einsamen Säule kaum erkennbar ist - ihr Symbolwert ist umso größer. Sie illustriert nämlich, wie es derzeit um die Elektromobilität in Deutschland bestellt ist: Vor sechs Jahren noch als wichtiger Baustein für den Klimaschutz und die Mobilität der Zukunft gepriesen, führt sie weiterhin nur ein Schattendasein. Im vergangenen Jahr wurden gerade einmal knapp 3000 Fahrzeuge mit Elektroantrieb neu zugelassen - so viel, wie von der todgeweihten italienischen Kultmarke Lancia. Von ihrem einst so forsch formulierten Ziel, bis 2020 rund eine Million E-Mobile auf die Straße zu bringen, ist die Bundesregierung meilenweit entfernt.
Eine neue Offensive soll nun neuen Schwung bringen. Am Montag nahm sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gemeinsam mit gleich drei Ministern ihres Kabinetts die Zeit, auf dem von der Bundesregierung einberufenen Elektromobilitätsgipfel für die gute Sache zu werben. Peter Ramsauer forderte mehr Begeisterung von allen Beteiligten und nahm die Autoindustrie in die Pflicht. "Wenn das Angebot erst da ist, wird sich die Entwicklung auch beschleunigen", sagte der Bundesverkehrsminister.
Offensiver Fingerzeig in Richtung Autoindustrie
Sein Kollege im Wirtschaftsressort, Philipp Rösler erinnerte die Autobosse an ihr Versprechen: "Unsere Ziele werden wir nur erreichen, wenn die Industrie ihre Zusagen einhält", sagte Rösler. Neue Fahrzeugmodelle mit elektrischem Antrieb müssten zügig auf den Markt gebracht werden. "Zugleich hat die Industrie zugesichert, 17 Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung von alternativen Antrieben zu investieren. Dabei muss es bleiben."
Der Fingerzeig in Richtung Industrie ist durchaus berechtigt. Seit Jahren glänzen die deutschen Hersteller lediglich mit aufregenden Studien, wenn es um den Elektroantrieb geht. Dem Trend zum Hybridantrieb, dem der japanische Autoriese Toyota in den USA zum Durchbruch verhalf, folgten die Ingenieure nur mit großem Widerwillen.
Dabei gäbe es Grund genug, um die neue Technologie mit größerem Eifer weiterzuentwickeln, schon allein, um die neuen Grenzwerte der EU erfüllen zu können, die ab 2020 wirksam werden. Neu gebaute Pkw dürfen dann durchschnittlich nur noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Das stellt gerade die deutschen Autobauer, die ihr Geld vor allem mit hochmotorisierten Oberklassemodellen verdienen, vor große Probleme. Nach Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) für Deutschland betrug 2012 der durchschnittliche CO2-Ausstoß aller Pkw 141,8 Gramm pro Kilometer.
Merkel macht sich Forderung der Autolobby zu eigen
Ohne E-Mobile wird es BMW, Mercedes und Co. nicht gelingen, die Auflagen zu erfüllen. Doch statt ihr Engagement in diesem Fahrzeugsegment auszubauen, behelfen sich die Hersteller mit Taschenspielertricks: Sie fordern, Elektroautos als sogenannte Supercredits mehrfach im Flottenverbrauch anrechnen zu können - und werden bei dieser uninnovativen Lösung auch noch von Angela Merkel unterstützt.
Doch es wäre ungerecht, allein den Autoherstellern den Schwarzen Peter zuzuschieben. Denn die Politik hätte wesentlich mehr tun können. "Die Bundesregierung hat vor zwei Jahren mit großem Getöse das Zeitalter des Elektroautos ausgerufen", ärgert sich Andreas Knie, Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ). "Danach ist ordnungspolitisch nichts mehr passiert."
Erwartungen enttäuscht
Große Erwartungen hatte Knie an die vier Schaufensterregionen geknüpft, die Berlin 2012 ins Leben gerufen hatte. 180 Millionen Euro standen an Fördergeld zur Verfügung, um die neue Antriebstechnologie im Alltag zu erforschen und für die Kunden erlebbar zu machen.
Aus Sicht von Ramsauer machen sie ihre Sache großartig, doch Experten sind eher enttäuscht. "Die Bilanz sieht dünn aus", resümiert Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center der der Universität Duisburg-Essen. Die Regierungsprogramme seien viel zu kleinteilig und entfalteten daher keine Wirkung, sagte der Experte.
Praktische Erfahrungen mit Elektroautos sammelten bestenfalls einige Stadtbewohner, die etwa in Berlin mit batteriebetriebenen Carsharing-Fahrzeugen unterwegs seien oder elektrische Dienstwagen aus dem Fuhrpark großer Unternehmen nutzen können. Wenig hält auch Stefan Bratzel von Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach von den Schaufensterregionen. "Ich glaube nicht, dass man schneller vorankommt, wenn man in Städten überall E-Tankstellen aufbaut".
Bevorzugte Fahrspuren? Fehlanzeige
Nahe liegende Maßnahmen, die dazu auch noch kaum Geld kosten würden, bleiben hingegen in den Mühlen der Gesetzgebung stecken. Bevorzugte Fahrspuren und Parkplätze für E-Autos, oder freie Zufahrtsmöglichkeiten für E-Lieferwagen in Innenstädte, wie etwa in Norwegen? Bislang ist dafür keine Änderung der Straßenverkehrsordnung in Sicht. Steuerliche Anreize für Dienstwagen mit Elektroantrieb sind immerhin in Aussicht, doch wann der Gesetzentwurf die Instanzen passiert hat, ist noch nicht abzusehen.
Wie mühsam und verworren es im Streben nach einer besseren Mobilität bisweilen zugeht, beschrieb Wirtschaftsminister Rösler auf der Konferenz am Beispiel einheitlicher technischer Standards eindrücklich. Er richtete mahnende Worte an alle Beteiligten: "Wenn es uns in Europa nicht gelingt, einen einheitlichen Markt für Elektromobilität herzustellen, dann können wir die Verhandlungen mit China oder den USA gleich vergessen."
Wie riskant Alleingänge bei dieser teuren Technologie ist, zeigt das Beispiel des 2008 in Israel gegründeten Unternehmens Better Place. Gemeinsam mit dem französischen Hersteller Renault wollte Better Place ein Netz von Stationen für den Austausch von Batterien aufbauen, um so den Nachteil der mangelnden Reichweite von Elektroautos zu kompensieren. Die Zahl der tatsächlich verkauften Autos blieb allerdings weit hinter den Planungen zurück. Am vergangenen Wochenende musste das Unternehmen Insolvenz anmelden.
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Beispiele: Tesla Roadster, Chevy Volt/Opel Ampera, Think City
Beispiele: Toyota Prius, Honda Civic, Honda Insight
Beispiele: Honda FCX Clarity, Hamburger Nahverkehrsbusse (Mercedes-Benz)
Beispiele: Opel Ampera
Bei Neuzulassungen 2012 in Deutschland (Flotten-Durchschnitt in g/km):
Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt
Nicht nur in Europa, auch für andere Weltregionen wurden CO2-Grenzwerte ab 2020 festgelegt. In den USA etwa 121 g/km (ab 2025 dann 93 g/km), in China 117 g/km und in Japan 105 g/km. Die deutsche Autoindustrie erklärte, der europäische Richtwert sei "sehr ambitioniert" und nur durch "erhebliche Mehrkosten" erreichbar.
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