E-Mobilität in Norwegen Das verstromte Land

In Norwegen gilt: Elektroautos sind billig, praktisch und umweltfreundlich. Deshalb hat sich das Land am Rand Europas zum größten Elektrofahrzeugmarkt des Kontinents entwickelt. Warum klappt dort, was in Deutschland einfach nicht funktionieren will?

imago

Von Jürgen Pander


Als Autoland war Norwegen stets unbedeutend. Es gab mal einen Hersteller namens Troll, der Mitte der fünfziger Jahre insgesamt sieben Fahrzeuge fertigte, danach war die Firma pleite. Heute jedoch ist Norwegen so etwas wie das Zukunftslabor der Autobranche. Hier gibt es, prozentual gesehen, die meisten Elektroautos in Europa. Gut 11.000 E-Mobile rollen aktuell über Norwegens Straßen, bei insgesamt etwa 2,4 Millionen Pkw. Zum Vergleich: In Deutschland sind es kaum 8000 E-Modelle bei insgesamt mehr als 43 Millionen Pkw.

Im April 2013 stand das Elektroauto Nissan Leaf mit 455 verkauften Modellen an zweiter Stelle der norwegischen Zulassungsstatistik - übertroffen nur vom VW Golf. Dazu muss man wissen, dass in Norwegen beide Autos etwa gleichteuer sind, umgerechnet kosten Leaf und Golf etwa 32.500 Euro.

Die Gründe dafür liegen in einer Neuordnung der Steuerregeln und Zulassungsgebühren aus dem Jahr 2009. Damals setzte die norwegische Regierung fest, dass Elektroautos von der Mehrwertsteuer in Höhe von 25 Prozent befreit sind und zudem die Zulassungs-, Import- und Zollabgaben entfallen.

Anreiz ist alles

Allein das sind enorme Anreize für Autokäufer, sich für ein Elektrofahrzeug zu entscheiden. Es kommt aber noch besser. "Fahrer von Elektroautos müssen keine Mautgebühren zahlen, sie dürfen die Busspuren benutzen, und das öffentliche Parken und das Laden der Akkus an den aktuell etwa 4000 öffentlichen Stationen im ganzen Land ist kostenfrei", sagt Snorre Sletvold, Geschäftsführer des Norwegischen Elektroautoverbands Norsk Elbilforening.

Vor allem im Großraum Oslo, dessen Straßen oft überlastet sind, ist die freie Fahrt auf den Busspuren ein attraktiver Kaufanreiz für ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug. "Es muss einfach sein, ein Elektroauto zu benutzen, und in Norwegen ist es einfach."

Darüber hinaus ist es tatsächlich umweltfreundlich. Während in vielen anderen Ländern Strom zumindest anteilig in Kohlekraftwerken erzeugt wird und damit jede Kilowattstunde Strom auch mit CO2-Ausstoß belastet ist, werden in Norwegen 99 Prozent des Stroms mit Wasserkraft erzeugt. Was dazu führt, dass zum Beispiel der Nissan Leaf pro Kilometer lediglich ein Gramm CO2 ausstößt; würde man die Akkus mit dem in Deutschland akutellen Strommix laden, ergäbe das einen CO2-Ausstoß von 97 Gramm je Kilometer. Das Exempel zeigt, dass Elektroautos allein noch keine positive Auswirkung auf die Umwelt haben.

Irgendwann werden die E-Autos die Busspuren verstopfen

Allerdings hat der Elektroauto-Boom in Norwegen auch eine Schattenseite. Bjart Holtsmark, Analyst im norwegischen Statistikamt, kritisiert, dass viele Norweger sich ein Elektroauto als Zweitwagen anschaffen. Dadurch kämen insgesamt immer mehr Autos auf die Straßen, und parallel dazu werde der öffentliche Nahverkehr immer weniger genutzt. Außerdem werden irgendwann auch die Busspuren von E-Fahrzeugen verstopft sein.

Eine Allzwecklösung ist das Elektroauto sicher nicht. Aber es kann ein Anfang zu einer umweltfreundlicheren Mobilität sein. Vorausgesetzt, der politische Wille dazu ist da. Wenn die Entwicklung in Norwegen eines deutlich macht, dann dies: Es bedarf einer konsequenten politischen Steuerung, um Elektroautos zu etablieren. "Am Anfang stand die Frage, wie sich die oft extrem schlechte Luftqualität in Oslo verbessern lässt", sagt Sletvold. "Außerdem spielten die weltweiten Klimaschäden und auch die Lärmbelastung durch den Straßenverkehr eine Rolle." Und als die Politik den Handlungsbedarf erkannt hatte, handelte sie auch. "Das war noch lange bevor es überhaupt einen Markt für Elektroautos in Norwegen gab." Die Mautbefreiung für E-Modelle in in Norwegen gilt nach heutigem Stand bis 2017, die Steuervorteile bleiben vorerst bis 2018 in Kraft.

Sletvold: "Die schwierigste Frage, mit der wir am Anfang zu kämpfen hatten, war, woher wir die gewünschten Elektroautos bekommen sollten." Kein Wunder, dass beispielsweise für das US-Elektrofahrzeug Tesla Model S bereits 1200 Bestellungen aus Norwegen vorlagen, noch ehe das Auto überhaupt importiert wurde. Tesla kündigte prompt an, die ersten Schnellladestationen, sogenannte Super-Charger, außerhalb der USA würden auf der Route zwischen Oslo und Bergen installiert.

Deutschland als Schlusslicht der Elektromobilität?

Auch Dänemark plant jetzt nach norwegischem Vorbild. Für Elektroautos soll die 25-prozentige Mehrwertsteuer entfallen, zudem die Zulassungssteuer, die bis zu 180 Prozent des Kaufpreises betragen kann. Auch dürfen Elektroautos in der Hauptstadt Kopenhagen kostenfrei parken.

Von solchen Initiativen ist in Deutschland nichts zu hören, obwohl doch bis zum Jahr 2020 nach dem Willen der Bundesregierung insgesamt eine Million Elektro- und Hybridmodelle hierzulande herumfahren sollen. "Steuert die Politik beim Elektroauto nicht um, wird Deutschland internationales Schlusslicht bei der Elektromobilität bleiben", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Uni Duisburg-Essen.

In den USA etwa seien in der ersten Jahreshälfte 35-mal mehr Elektroautos verkauft worden als in Deutschland - bei einem insgesamt nur fünfmal so großen Pkw-Markt. Dudenhöffer: "Enttäuschender kann ein Vergleich nicht ausfallen." Zum Glück hat der Professor Deutschland nicht mit Norwegen verglichen.

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knaake 02.08.2013
1. Heiter bis sonnig ...
Klar macht Norwegen fast alles besser, die können sich das ja auch leisten! Also : gebt uns die norwegischen Ölquellen, dann machen wir auch die norwegischen Regierungsgeschenke..
postmaterialist2011 02.08.2013
2. Wieso nicht in Deutschland ?
Weil hier eine Dame namens Merkel regiert, die noch keinerlei Innovation oder Umweltschutzmassnahmen auf den Weg gebracht hat. Die lieber auf PS-starke Luxuslimousinen setzt, als auf umweltfreundliche Alternativantriebe. Weil in Deutschland abgehalfterte CDU-Politiker ( Wissmann) die Elektromobilität massiv torpedieren. Weil die deutsche Automobilindustrie diesen Trend komplett verschlafen hat. Reicht dies als Begründung ?
rempfi 02.08.2013
3. Wen wundert es?
Solange die Regierung sich von Öl- und Stromkonzernen bestechen lässt, um die Strompreise in unendliche Höhen zu treiben, damit das Geld auch dann, wenn hier überwiegend Stromer über die Strassen fahren, wieder hereinkommt? Wer glaubt den täglichen hohldummen Ankündigungen der Politiker und Autokonzerne samt der Stromlobby eigentlich noch?
spon-facebook-10000216344 02.08.2013
4. Und im Winter
Wie wird das im Winter. Batterien verlieren Leistung bei Kälte, noch dazu wenn Heizung und Gebläse an sind. Wieso wird darüber nie berichtet. Habe es im Winter dort erlebt, das normale PKW nachts über am Strom hängen, der Ölpumpe, Heizung und Motortemperatur hält, damit nichts kaputtfriert ( sog. Skandinavienpaket). Somit sind alle diese Beschreibungen nur in den Sommermonaten wahr. Möchte mal den Norweger sehen, der bei minus 20 grad zwischen Wohnort und Arbeitsstelle zB liegenbleibt. Dass sollten mal alle E-Auto-Befürworter vor ihrer Aussage am eigenen Leib erfahren und dann ordentlichb zu frieren, weil unsere Accus mindestensw 30% Kapazität verlieren, wenn draussen -20 sind.
dissidenz 02.08.2013
5. Vergleicht Herr Pander
hier wirklich ein Land wie Norwegen mit Deutschland. Er kann ja gerne mal den Vorschlag machen das 99% des Energiebedarfs in DEU aus Wasserkraft gewonnen werden soll. In Norwegen sind die ökonomischen Rahmenbedingungen, der Anteil der natürlichen Ressourcen bei einer vergleichsweise geringen Bevölkerungsdichte gänzlich anders. Da fällt es auch nicht schwer entsprechende finanzielle Anreize zu setzen, das Durchschnittsgehalt eines Norwegers liegt auch etwas über den deutschen Schnitt... aber nur etwas. Klar kann sich hier ein Arbeitsnehmer mit 1.200 Netto im Monat locker so ein 36.000 Euro Elektroauto hinstellen. Insb. wgen dem ökologischem Gewissen Warum DEU nicht gleich mit Trinidad und Tobago vergleichen. Die Leute verbrauchen dort weniger Ernergie zum Heizen... hab ich gehört. Ein Artikel hier besch..... als der andere. Das soll Qualitätsjournalismus sein???
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