"Eine Pizza muss warm, knusprig und schmackhaft sein, wenn sie zum Kunden kommt", verrät Karsten Freigang sein Verkaufsgeheimnis. Freigang ist Geschäftsführer bei Joey's Pizza Deutschland, und wenn alles gut läuft, kann er den drei Attributen seiner Pizzen demnächst noch ein weiteres hinzufügen: "Wir wollen unsere Pizzen in Zukunft weitgehend CO2 - und klimaneutral ausliefern", sagt er.
Seit Anfang April 2012 läuft ein Feldversuch mit verschiedenen Elektrofahrzeugen, an dem Joey's, eine Filiale in Hamburgs Innenstadt am Valentinskamp und Eon als Strom- und Logistiklieferant beteiligt sind. "Seitdem haben wir einen Citroën Zero-E, einen Fiat 500E, seit kurzem einen Twizy von Renault und hauptsächlich sechs E-Roller gefahren", zählt Kerami Özcelik auf, der in Hamburg neben dem Valentinskamp noch fünf andere Standorte betreibt.
In den Valentinskamp wird von E.on Starkstrom geliefert, der "zu 100 Prozent" aus Wasserkraftwerken des Konzerns in Bayern stammt. Karsten Freigang zieht nach vier Monaten Testphase eine erste, vorsichtige Zwischenbilanz: "Bisher nur positiv. Wir weiten den Test jetzt aus. Es kommen andere Standorte, zum Beispiel in einer gebirgigen Gegend, und weitere Fahrzeuge hinzu."
Für Joey's Pizza und seine Franchise-Unternehmer wäre die zukünftige Elektrifizierung des Fuhrparks nicht nur eine kluge Marketingmaßnahme, sondern vor allem ein kühles Rechenexempel: Von den bundesweit 190 Joey's-Standorten liegen die meisten in städtischem Gebiet. Die Lieferwege sind relativ kurz; Automobile kommen meist nur bei Massenbestellungen und im Umland zum Einsatz.
Downtown sind - von den ökologisch unschlagbaren Vorzügen des Fahrrads abgesehen - Scooter die idealen Transportmittel. Ob die getesteten Kleinwagen wie der E-Cinquecento oder der Citroën Zero-E in Zukunft weiter zum E-Fuhrpark zählen, ist eher fraglich. Sie sind in der Anschaffung oder im Leasing schlichtweg noch zu teuer.
30.000 Kilometer für heiße Ware
"Für einen guten Standort fahren mindestens zehn Roller", sagt Kerami Özcelik. Er setzt darauf, dass ihn der Einsatz eines E-Scooters nach spätestens 20 Monaten billiger kommt als das Fahren mit einem konventionellen Benziner: Die Initialkosten - also die Anschaffung eines E-Rollers - sind mit 4000 Euro rund 2500 Euro teurer als bei einem Verbrenner. Danach produziert der E-Roller bei einer realistischen Laufleistung von etwa 30.000 Kilometer pro Jahr, bei einem Verbrauch von 5 Kilowattstunden auf 100 Kilometern und einem Strompreis von 0,21 Euro pro Kilowattstunde unterm Strich 0,0105 Euro Kosten pro Kilometer und Jahr - und ist dann pro gefahrenem Kilometer 0,05 Euro günstiger als ein Benziner.
Nach etwa 20 Monaten Laufzeit hat der Stromer die höheren Anschaffungskosten also bereits eingefahren und liegt ab da im Plus. "Da spielen natürlich Variablen wie Werkstatt und Wartung auf beiden Seiten rein. Aber klar ist auch, dass sich der entscheidende Kostenfaktor bei den E-Rollern, der Preis für die Batterien, in den nächsten Jahren massiv nach unten bewegen wird", sagt Özcelik. Er würde nach den ersten 100 Tagen Erfahrung lieber heute als morgen umrüsten: "Wenn die Roller halten."
Auch Fabian Mehlhorn will seinen E-Roller am liebsten nicht mehr hergeben. Pizzabote Mehlhorn macht seit Beginn des Jahres eine Ausbildung zum Systemgastronomen; er ist täglich mit den Scootern unterwegs. "Wir finden die E-Teile super. Der Twizy ist einfach cool, aber die meisten Vorteile für uns Fahrer haben die Roller", berichtet der 19-Jährige. "Stinken nicht mehr, sind schön leise und die Leute auf der Straße gucken nicht so genervt, wenn wir uns beim Liefern noch irgendwo zum Parken hinquetschen." Besonders gut findet er, dass die Fahrten zur Tankstelle und das leidige Abrechnen der Belege entfällt: "Die Roller gehen nachts an die Steckdose und nachmittags, wenn wir bisschen Luft haben, wird nachgeladen."
Bisher hatten Mehlhorn und seine Kollegen mit den drei verschiedenen Testrollern von Govecs, Emco und Akumoto noch keine gravierenden Probleme: "Am Anfang sind wir ein paar Mal liegen geblieben. Das lag aber an uns, weil wir nicht rechtzeitig an die Steckdose ran sind." Den Govecs-Roller ist er gerne gefahren, da hat die Sitzhaltung und die Qualität gestimmt, sagt er. Den hätte er gerne wieder für die kommende Härteprüfung: Herbst und Winter.
Wie sich die E-Roller und die Akkus bei Kälte und Dauernässe machen, fragen sich bange nicht nur Mehlhorn, sondern auch die Chefs bei Joey's. Der kleine Unterschied: Mehlhorn hat Angst vor kalten Fingern und Schnupfen. Freigang und Özcelik fürchten eine teure, fatale Fehlinvestition.
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