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Elektromobile in Kleinserie: Der Jubel rollt

Von Heimo Fischer

Kleinserien-Elektromobile: Achtung, Flitzer! Fotos
Scrooser

Auf dem deutschen Markt für E-Roller findet sich nicht nur Massenware aus Fernost. Es gibt auch Gründer, die an ihren Werkbänken ziemlich verrückte Fahrzeuge zusammensetzen - und Erfolge feiern.

Der Gashebel dreht sich, und der Roller schießt los. Dabei summt der Motor leise vor sich hin. Linksbogen, Rechtsbogen, geradeaus, dann greifen die Scheibenbremsen. Als das Fahrzeug steht, schaut Daniel Tykesson zufrieden. Er wolle beweisen, dass Elektromobilität Spaß macht, sagt der 29-Jährige.

Gemeinsam mit seinen beiden Brüdern hat er ein Zweirad mit Namen Kumpan entwickelt, das aussieht wie ein Motorroller aus den Fünfzigerjahren. Doch statt eines stinkenden Zweitakters wird es von einem E-Motor angetrieben. Den Strom liefern zwei herausnehmbare Akkus in der Sitzbank. Reichweite: gut 50 Kilometer. Aufladen lassen sie sich an jeder Steckdose.

Im Gewerbegebiet Remagen bei Bonn schrauben Mechaniker die eigenwilligen E-Roller zusammen. Mehr als tausend Stück pro Jahr setzt die Firma ab - obwohl der Preis von 3000 Euro wesentlich höher liegt als der von Importmodellen aus China. Dennoch habe das Unternehmen vor zwei Jahren erstmals die Gewinnschwelle erreicht, sagt Tykesson.

Vorsprung vor den Großen

Das Start-up mit 25 Beschäftigten hat Erfolg mit einem Produkt, an das sich in Westeuropa nur wenige große Autobauer herantrauen. Bislang haben nur Peugeot und BMW einen E-Roller im Sortiment, Daimler will irgendwann mit einem Scooter der Marke Smart nachziehen.

Daniel Tykesson und seine Brüder Patrik und Philipp haben bereits vier Jahre Vorsprung vor den Konzernen. Die drei kommen aus einer Unternehmerfamilie, haben Wirtschaft studiert, Patrik ist zudem Ingenieur. Er hatte die Idee, einen elektrischen Roller zu bauen, der an die Zeit von Petticoat, Nierentisch und Tütenlampe erinnert. Die Brüder schlossen sich zusammen. Mittlerweile gehört auch Art-Director Tim Knoppik mit zum Führungsteam.

Von einer Kreissparkasse bekamen die Brüder den Startkredit. Weil der nur knapp reichte, zogen sie wieder bei den Eltern ein. Das auf diese Weise gesparte Geld floss in den Betrieb. "Wir sehen uns als Familienunternehmen", sagt Tykesson. Mittlerweile beziehen die drei Gründer aber ein Gehalt aus der Firma.

Die E-Schwalbe hob nicht ab

Die Komponenten des Kumpan kommen von Zulieferern aus aller Welt nach Remagen. Die Montage ist Handarbeit. Drei halbfertige E-Roller stehen vor einer Werkbank. Die Sitzbänke sind hochgeklappt, Mechaniker bereiten Anschlüsse für die Akkus vor. Rundherum Regale, Kartons, Werkzeug und aufgeschichtete Bauteile.

So ungefähr müssen sich auch die Initiatoren des Motorrollers E-Schwalbe ihre Zukunft vorgestellt haben, als sie beschlossen, die alte DDR-Motorradmarke als Elektroversion im ostdeutschen Retro-Look wieder auferstehen zu lassen. Doch anders als bei Kumpan rollte nie ein Serienfahrzeug aus dem Werk im thüringischen Suhl. Von technischen Problemen war die Rede und hohem Investitionsbedarf. Geldgeber zogen sich zurück.

Vielleicht war die E-Schwalbe sowieso keine gute Idee. Denn das Design sollte DDR-Nostalgiker ansprechen. "Diese Zielgruppe ist begrenzt", sagt Jens Thieme aus Dresden. Der ehemalige Unternehmensberater arbeitet selbst an einem elektrisch betriebenen Zweirad, das einen viel größeren Kundenkreis ansprechen soll.

Tretroller für Erwachsene

Sein Scrooser erinnert an einen Tretroller für Kinder, obwohl er für Erwachsene gedacht ist. Er hat zwei dicke Räder und lässt sich sitzend oder stehend fahren. Holt der Fahrer Schwung mit dem Fuß, gibt ihm ein elektrischer Motor zusätzlichen Schub. Ungewohnt schnell flitzt der Roller davon.

Die Technik stammt von Ingenieuren, das Design hat Thieme selbst entwickelt. Und darauf kommt es, wie bei den meisten elektrischen Untersetzern, auch beim Scrooser an. Sehen und gesehen werden, für immerhin 4000 Euro. "Der Roller ist ein Hingucker", sagt der 50-Jährige. Zurzeit fertigt ein Dienstleister die ersten Fahrzeuge. Wenn dieses Jahr der Verkauf richtig losgeht, werde das Unternehmen die Endmontage selbst übernehmen. Etwa 500 Stück will Thieme 2015 verkaufen. Einen Ständer bräuchte sein Roller übrigens nicht. Die Räder sind so breit, dass er von allein steht.

Ebenfalls ungewöhnlich sieht der Roller aus, den Tim Ascheberg (33) und sein Schulfreund Jörn Jacobi (31) nach ihrem Maschinenbaustudium entwickelt haben. Scuddy hat vorne zwei Räder und hinten eins, dazu Trittbrett und Lenker. Bei Bedarf lässt sich das Gefährt mit Sattel ausstatten. Der Elektromotor mit 1,5 Kilowatt bringe theoretisch 90 Kilometer pro Stunde auf den Tacho, sagt Ascheberg. Er regelt aber bei Tempo 35 ab.

Made in Germany

Der Scuddy wiegt 27,5 Kilogramm und ist voll transportfähig. Man kann ihn so falten, dass er wie ein Rollkoffer aussieht. Auf diese Weise lässt er sich eleganter befördern, wenn man gerade nicht draufsteht. Ein paar weitere Handgriffe und der Scuddy hat die Größe einer Getränkekiste, die sich überall hintragen lässt, wo normale Zweiräder nicht rein dürfen - zum Beispiel in überfüllte Busse oder Bahnen.

Der Scuddy kostet 4500 Euro. Dafür gebe es auch hohe Qualität, versprechen Ascheberg und Jacobi. Fast alle Komponenten würden in Deutschland gefertigt. Selbst die Metallteile lassen sie extra gießen. Unbegrenzt belastbar scheint aber auch der Scuddy nicht zu sein: Der Fahrer darf nicht mehr als hundert Kilo wiegen.

Noch ist der Markt für Elektroroller klein, die Stückzahlen sind niedrig. "Die Industrie ist jedoch darauf angewiesen, Kapazität aufs Band zu bringen", sagt Siegfried Neuberger vom Zweirad-Industrieverband (ZIV). Das ist die Chance für kleine Hersteller. Mit ausgefallenen Produkten zu hohen Preisen locken sie exklusive Kunden. Und alle hoffen auf den Durchbruch, bevor die großen Autokonzerne irgendwann auf dem Markt für Elektroroller angreifen.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Artikels hieß es, dass der Verkauf des Scrooser im kommenden Jahr starte und Jens Thieme 500 Stück im ersten Jahr verkaufen wolle. Das stimmt so nicht. Der Verkaufsstart und die Stückzahlen beziehen sich auf das Jahr 2015. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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1. Leider nur unzureichen recherchiert
pommbaer84 20.01.2015
Die Firma EMCO (sonst bekannt für Bürobedarf) fertigt seit Jahren Serienmäßig verschiedene E-Roller in unterschiedlichen Designs und Leistungsstufen. Die Optik ist ähnlich der vorhandener Roller mit Benzinmotor, und auch ein "Retro-Modell" ist darunter. Die Preise sind sehr erschwinglich und man sieht diese Roller mittlerweile häufig durch die STädte fahren. Warum der Redakteur sich hier nur auf Autohersteller als potentielle Anbieter beschränkt hat ist mir nicht klar. Auf jeden Fall ist das, was die Jungs da machen interessant, aber kein Markt der nicht bereits von größeren Firmen bedient wird. http://www.emco-elektroroller.de/
2. Zu teuer
thomas.d. 20.01.2015
......leider viel zu teuer..
3.
mitgefühlundweisheit 20.01.2015
Ihr habt den Egret one vergessen: ca 1000€, deutsche Topqualität und nur 15 kg. Nutze ihn wg Körper-Behinderung für die Hundespaziergänge seit mittlerweile fast 1000 km. Läuft übrigens so schnell wie mein Hund: 35 km/h
4. Tolle Alternative
docmar 20.01.2015
Wenn sie etwas günstiger wären, würde ich mir sofort einen zulegen. Perfekt für die Stadt und dazu kein abartiges Geknattere. Mit dem Antrieb und der Beschleunigung macht es sicher viel Spaß. Imho ein großer Markt für die Zukunft!
5. Fahre Scooter...
2cv 20.01.2015
...seit Jahrzehnten und bin glücklich mit der sehr flexiblen Nutzbarkeit - habe nunmehr Winterreifen aufgezogen und bin jetzt im auch im tieftemperaturigen Alltag in der Innenstadt unterwegs. Ganz klar muss man sagen, daß E-Roller nicht für den Winter taugen, sofern die Batterie nicht ausgebaut sprich im Warmen gelagert werden kann, oder über Nacht ein externes Ladekabel (idealerweise samt kleiner Heizung für den Akku) angeschlossen werden kann. Die Kapazität der Akkus läßt deutlich nach, und mehr als 2 Winter kann solch ein Akku nicht überleben, ohne dramatisch an Reichweite zu verlieren. Zweitens ist neben Lifestyle auch Transportfähigkeit wichtig - die flache Platte zwischen den Beinen (insbesondere nicht der durch den Rohrrahmen bedingte Sattel!) und der ausrangierte äusserst stabile Haribo-Karton aus dem Gummibärchenregal des Supermarkts sind x-fach bewährt und getestet für den kleinen Transport von A nach B. Ich habe mit diversen Modellen sowohl als reiner Benziner (von VeloSoleX über Piaggios, Hercules und Kreidler bis hin zur Schwalbe), Diesel (okok, Spassmobil, Fahrrad mit Lohmann Hilfsmotor ;-) ), e-bikes (e-Solex und Peugeot E-Roller) bis hin zur Nutzung von Hybridzweirädern (man möge mal bei bavariabike.de das Hybridmodell suchen: vorn Solex-Benzinmotörchen, hinten Elektroantrieb, wahlweise nutzbar, Motor vorn abbaubar) und natürlich e-bikes langjährige Erfahrung. Netto: Sommerbetrieb: e-Nutzung OK, aber Prestigeprojekt, genzjähriger Betrieb: Benzinmotor (leider dank og. Akkuprobleme) nicht zu schlagen.
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Förderung umweltfreundlicher
Autos in Europa
Hintergrund und Berechnungsgrundlage
Weltweit subventionieren etliche Länder saubere Autos. In China winken umgerechnet 6500 Euro, in den USA zwischen 1800 und 5300 Euro und in Japan sogar bis zu 11.500 Euro. In Deutschland gibt es bislang keine Förderung. Wie und wo in Europa Autos mit besonders geringem CO2-Ausstoß bezuschusst werden, zeigt die Zusammenstellung von SPIEGEL ONLINE. Als Referenzmodell bei Steuervergleichen diente ein Mercedes B 180 mit einem CO2-Ausstoß von 152 g/km.

Österreich
Österreich: Befreiung von der einmaligen Verbrauchsabgabe (1602 Euro) und der Kfz-Steuer (403 Euro pro Jahr).
Norwegen
Fahrer von Elektroautos dürfen die Bus- und Taxispuren benutzen, und zudem sind alle Parkplätze kostenfrei.
Italien
1500 Euro Zuschuss für ein privat genutztes Elektroauto. Bei gewerblichen Fahrzeugen steigt der Bonus auf 4000 Euro. Stufenweiser Rabatt auf Kfz-Steuer in den ersten fünf Jahren (219 Euro pro Jahr).
Irland
50 Prozent Steuernachlass oder 2500 Euro Zuschuss für Fahrzeuge mit Hybrid- oder Flexfuel-Antrieb.
England
Ab 2011 sollen Käufer von Elektroautos mit einer Summe zwischen umgerechnet 2300 und 5000 Euro unterstützt werden - zunächst ist die Subvention begrenzt bis 2016.
Frankreich
2000 Euro Bonus für Hybrid-, Erd- oder Flüssiggasantrieb mit weniger als 140 g/km CO2-Ausstoß. 5000 Euro für alle Fahrzeuge mit weniger als 60 g/km. Gewerbliche Fahrzeuge werden zudem von der Dienstwagensteuer befreit (1250 Euro pro Jahr).
Fotostrecke
Elektroautos im Aufwind O: Modelle und Meilensteine

Welche Typen von Elektroautos gibt es?
Reiner Elektroantrieb
Diese Fahrzeuge haben keinen klassischen Antriebsstrang mehr, der vom Motor die Bewegungsenergie auf die Räder überträgt. Stattdessen sind in den Radnaben Elektromotoren, die Energie kommt aus einem Akku, der an der Steckdose aufgeladen werden kann. Weil die Speicherkapazität der Batterien noch nicht mit einem klassischen Automobil vergleichbar ist, haben einige Elektromobile einen sogenannten Range Extender an Bord - einen kleinen Generator, der die Elektromotoren mit Energie versorgt, wenn der Akku leer ist.

Beispiele: Tesla Model S, VW E-Up, VW E-Golf, Renault Zoe, BMW i3, Ford Focus Electric, Nissan Leaf, Mercedes B-Klasse E-Drive
Hybridantrieb
Hybridautos haben zusätzlich zum klassischen Verbrennungsmotor einen Akku an Bord. Wenn der leer ist, springt der Benziner an. Eine Variante sind sogenannte Mild-Hybrid-Systeme, bei denen der Stromantrieb nur parallel unterstützend läuft, um den Benzinverbrauch zu reduzieren. Der Akku wird in der Regel durch Bremskraftrückgewinnung und einen Dynamo geladen. Zukünftige Hybridfahrzeuge sollen aber auch an der Steckdose aufladbar sein.

Beispiele: Toyota Prius, Toyota Prius+, VW Golf GTE, Porsche Panamera S E-Hybrid, Porsche 918 Spyder, Volvo V60 PiH, BMW i8
Brennstoffzellenantrieb
Bei diesen Fahrzeugen tankt man statt Benzin flüssigen Wasserstoff. In einer chemischen Reaktion wird das Hydrogen in der Brennstoffzelle in elektrische Energie umgewandelt, die dann das Fahrzeug antreibt. Anders als bei reinen Elektrofahrzeugen ist die Infrastruktur für den Wasserstoff eine ungelöste Frage. Vorteil der Brennstoffzellenfahrzeuge ist ihre größere Reichweite.

Beispiele: Hyundai ix35, Honda FCX Clarity, Hamburger Nahverkehrsbusse (Mercedes-Benz), Toyota Mirai
Range Extender
Im Gegensatz zu den herkömmlichen Elektroautos haben Range Extender einen Verbrennungsmotor an Bord, der anspringt, wenn die Ladung der Batterie zur Neige geht. Vorteil: Die Reichweite steigt auf das Niveau eines Autos mit konventionellem Antrieb. Vorreiter dieser Spezies ist der Opel Ampera, der die Kraft des Verbrenners aber auch nutzt, wenn die volle Leistung zum Beispiel auf der Autobahn abgerufen wird.

Beispiele: Opel Ampera (baugleich mit Chevrolet Volt), BMW i3 (optional mit Benzinmotor)

Im ABC finden Sie Erklärungen zu allen wichtigen Stichworten von Auto- oder Flüssiggas bis Wasserstoff:



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