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Energiemanagement mit Elektroautos: Die Rechnung geht aufs Haus

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Energieeffizienzhaus mit Elektromobil: "Mein Haus, meine Tankstelle" Fotos
BMVBS

Kostenlos tanken - davon träumen Millionen Autofahrer. In Berlin steht ein Haus, das genau das ermöglicht: Es produziert so viel überschüssigen Strom, dass man damit Elektroautos aufladen kann.

Vergessen Sie den Ärger über Benzinpreise und Stromrechnungen. Freuen Sie sich stattdessen auf Morgen: Die Energie, die Sie zum Kochen, Duschen und zum Laden Ihres Elektroautos brauchen, ist gratis. Sie produzieren Sie selbst. In - und vor allem: mit - Ihren eigenen vier Wänden.

Hört sich utopisch an? Mag sein, aber diese Utopie hat bereits eine Hausnummer: Fasanenstraße 87a, 10623 Berlin.

Dort, in der Mitte der Hauptstadt, steht das Energieeffizienzhaus Plus. Ein Gebäude, das mehr Energie produziert, als es verbraucht - und den Überschuss in die Akkus von Elektrofahrzeugen fließen lässt. Die Energie kommt dabei zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen. Entwickelt und gebaut hat es die Universität Stuttgart zusammen mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS). Motto des Projekts: "Mein Haus, meine Tankstelle."

Probewohnen in der Zukunft

Das Effizienzhaus ist eine 130 Quadratmeter große Mischung aus Designerbude und Minikraftwerk für regenerative Energie. Hausfront und -rücken sind verglast. Strom wird durch Fotovoltaikpanneele an der Südwestfassade und auf dem Dach produziert.

Für warmes Wasser und Heizluft sorgt eine Wärmepumpe. Die Technik funktioniert wie ein Kühlschrank, nur mit umgekehrtem Prinzip: sie entzieht der Außenluft Wärme und gibt sie an das Heizsystem und den Warmwasserkreislauf weiter. Laut den Entwicklern decken Sonnenkraft und Sauerstoff das ganze Jahr über den Energiebedarf einer vierköpfigen Familie - und ihrer Elektrofahrzeuge.

Der Überschuss wird nämlich nicht nur ins öffentliche Netz eingespeist, er fließt auch in eine Art privaten Stromkreislauf. Automobiltechnik kommt dabei gleich doppelt zum Einsatz: Zum einen wird die Energie in einer 40 kWh starken Lithium-Ionen-Akkubatterie im Haus gespeichert. Ein Second-Hand-System - der Akku ist aus ausrangierten Fahrzeugbatterien zusammengebaut. Zum anderen fließt der Strom direkt in Elektroautos, die vor dem Gebäude parken. Das Haus wird zur Tankstelle.


Haus und Auto im Dialog

Und der Hausherr zum Tankwart? So würde sich Jörg Welke nicht bezeichnen. Der 42-Jährige wohnt zusammen mit seiner gleichaltrigen Frau Simone Wiechers, den Kindern Freya (elf Jahre) und Lenz (acht Jahre) und Katze Susi (16 Jahre) im Effizienzhaus. Zur Zwischenmiete sozusagen - von März 2012 bis Juli 2013. In dieser Zeit bringt die Familie Leben in die Bude und testet sie auf ihre Alltagstauglichkeit.

Bislang sind sie begeistert, ungewohnt ist nur der exklusive Fuhrpark vor der Türe. "Wir haben kein eigenes Auto. Wegen der Umweltverschmutzung und weil wir in der Stadt auch keins brauchen", sagt Welke. Nun bekommt die Familie aber alle drei Monate ein neues Elektroauto von deutschen Autoherstellern zur Verfügung gestellt. Zur Zeit hängt in der Fasanenstraße ein VW Golf Blue-e-motion am Ladekabel.

Vorher parkte eine A-Klasse E-CELL von Mercedes-Benz unter dem Vordach. Der kleine Daimler musste zum Stromtanken nicht mal eingestöpselt werden: In den Holzplanken vor dem Haus ist eine Magnetspule installiert - darüber abgestellt, lud sich die A-Klasse induktiv auf. "Hat hervorragend geklappt", konstatiert Welke.

Strombetankung per Smartphone-App

Ist das Fahrzeug ans Hausnetz gehängt, können die Bewohner die Strombetankung per Smartphone-App steuern. Haus und Auto treten dann in einen Dialog: je nachdem, wann und für welche Strecke es genutzt werden soll, gibt das Gebäude den nötigen Saft an das Fahrzeug ab.

Nachts, wenn die Fotovoltaik keinen Strom produziert, zapft es Energie von der Hausbatterie. Und wenn es mal rasch gehen soll, wird es an ein Schnellladesystem mit 22 kW geschlossen. In einer halben Stunde lässt sich so genug Strom für rund 100 Kilometer Reichweite tanken.

Bei Bedarf kann das Auto auch Strom an das Haus abtreten. Dieses Energie-Ping-Pong von Immobilie und E-Mobil nennt sich Smart Grid und beflügelt schon seit längerem den Innovationswillen von Autobauern.

Bislang waren es vor allem asiatische Hersteller wie Nissan, Toyota oder Honda, die dazu Konzepte lieferten. Mit der Kooperation beim Energieeffizienzhaus werden allmählich auch deutsche Hersteller aktiv - Familie Welke-Wiechers erhält nach den Elektroautos von Mercedes und VW auch Modelle von Opel und BMW.

"Technisch ist das machbar"

Ein Audi E-tron wird ebenfalls nach Berlin gebracht werden. Die Ingolstädter schmieden bereits an einer Energiestrategie, die über ein einzelnes Haus hinausgeht. In Niedersachsen will der Autobauer 2013 eine Anlage in Betrieb nehmen, die überschüssigen Ökostrom in Methan umwandelt. Die Idee dahinter: Tankt ein Audi herkömmliches Erdgas, speist die Anlage die gleiche Menge in Form von Methan aus CO2-neutraler Produktion ins Netz ein. Unterm Strich bleibt die Klimabilanz somit neutral.

So lobenswert das Konzept von Audi sein mag, die Idee vom Effizienzhaus - kostenlose Energie aus unerschöpflichen Quellen - hat mehr Charme. In größeren Maßstäben gedacht, bietet sie sogar eine Lösung für ein grundlegendes Problem von regenerativen Energien - nämlich für die Schwankungen, denen das Netz aus Sonnen- und Windkraft unterliegt.

Denn das Energie-Ping-Pong zwischen Stromquelle und E-Mobil ist auch im großen Stil möglich. Geparkte Elektroautos dienen dabei als sogenannte Puffer, als Energiespeicher auf vier Räder, die dem Leitungsnetz in dessen Spitzenzeiten Strom zuführen - das allerdings, da sind sich die Experten einig, liegt in einer ferneren Zukunft.

In der Bauart und den dabei verwendeten Materialien ist auch das Energieeffizienzhaus von Berlin noch ein Prototyp. Ist Familie Welke-Wiechers ausgezogen, wird es zu dem, was es vorher war - ein Schaufenster zur Zukunft, frei zugänglich für Besucher. Das Konzept lässt sich aber bereits bauen. "Technisch ist das machbar", sagt eine Sprecherin des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.

In Norderstedt bei Hamburg feiert die Utopie sogar bald Richtfest. Dort wird eine Siedlung gebaut, deren Häuser Strom über Fotovoltaikanlagen beziehen. In der Hausfinanzierung mitinbegriffen: ein Elektroauto des Herstellers Karabag, das überschüssige Energie speichert.

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1.
M. Michaelis 19.06.2012
Zitat von sysopHans-Peter KönigKostenlos tanken - davon träumen Millionen Autofahrer. In Berlin steht ein Haus, das genau das ermöglicht: Es produziert so viel überschüssigen Strom, dass man damit Elektroautos aufladen kann. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,837160,00.html
Die Frage ist doch was dieser Strom effektiv kostet.
2. Idee nicht neu, aber endlich mal praktisch umgesetzt
Patanjali 19.06.2012
Dachten einige bisher, dass die überschüssige Energie verloren ist, so läuft jetzt sicherlich vielen Hausbesitzern das Wasser aus dem Mund: kostenlos autofahren. Und viele Fahrten sind ja nur Kurzstreckenfahrten.
3. Das...
vincent1958 19.06.2012
Zitat von M. MichaelisDie Frage ist doch was dieser Strom effektiv kostet.
...war klar!...jetzt kommt noch die Frage,wievielen H4 Beziehern wg.diesem Haus der Strom abgestellt wird.Deutschland ein Volk von Nörglern und Neidern!
4.
u.loose 19.06.2012
Wenn das zu Viele machen, bekommt das Auto eine Messuhr und die Steuer wird dann eben anders umgelegt... Noch zynischer - wenn das Auto voll geladen ist, speist man den "Rest" zu EEG Tarifen eben auf Bürgers Kosten ein...
5. Augenwischerei
Fackus 19.06.2012
Zitat von sysopHans-Peter KönigKostenlos tanken - davon träumen Millionen Autofahrer. In Berlin steht ein Haus, das genau das ermöglicht: Es produziert so viel überschüssigen Strom, dass man damit Elektroautos aufladen kann. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,837160,00.html
Man sollte sich lieber ausdenken, wie man die Hochhausburgen der Städte vernünftig und umweltschonend mit Energie versorgt. Da versagen diese Luxus-Spielchen technikverliebter Illusionisten nämlich in Gänze. Selbst wenn - hoch geschätzt - 1% aller Wohnungen in D so betrieben werden könnten ... das Problem bleiben die anderen 99%. Augenwischerei das Ganze und für den Durchschnittsbürger sowieso nicht finanzierbar.
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Welche Typen von Elektroautos gibt es?
Reiner Elektroantrieb
Diese Fahrzeuge haben keinen klassischen Antriebsstrang mehr, der vom Motor die Bewegungsenergie auf die Räder überträgt. Stattdessen sind in den Radnaben Elektromotoren, die Energie kommt aus einem Akku, der an der Steckdose aufgeladen werden kann. Weil die Speicherkapazität der Batterien noch nicht mit einem klassischen Automobil vergleichbar ist, haben einige Elektromobile einen sogenannten Range Extender an Bord - einen kleinen Generator, der die Elektromotoren mit Energie versorgt, wenn der Akku leer ist.

Beispiele: Tesla Model S, VW E-Up, VW E-Golf, Renault Zoe, BMW i3, Ford Focus Electric, Nissan Leaf, Mercedes B-Klasse E-Drive
Hybridantrieb
Hybridautos haben zusätzlich zum klassischen Verbrennungsmotor einen Akku an Bord. Wenn der leer ist, springt der Benziner an. Eine Variante sind sogenannte Mild-Hybrid-Systeme, bei denen der Stromantrieb nur parallel unterstützend läuft, um den Benzinverbrauch zu reduzieren. Der Akku wird in der Regel durch Bremskraftrückgewinnung und einen Dynamo geladen. Zukünftige Hybridfahrzeuge sollen aber auch an der Steckdose aufladbar sein.

Beispiele: Toyota Prius, Toyota Prius+, VW Golf GTE, Porsche Panamera S E-Hybrid, Porsche 918 Spyder, Volvo V60 PiH, BMW i8
Brennstoffzellenantrieb
Bei diesen Fahrzeugen tankt man statt Benzin flüssigen Wasserstoff. In einer chemischen Reaktion wird das Hydrogen in der Brennstoffzelle in elektrische Energie umgewandelt, die dann das Fahrzeug antreibt. Anders als bei reinen Elektrofahrzeugen ist die Infrastruktur für den Wasserstoff eine ungelöste Frage. Vorteil der Brennstoffzellenfahrzeuge ist ihre größere Reichweite.

Beispiele: Hyundai ix35, Honda FCX Clarity, Hamburger Nahverkehrsbusse (Mercedes-Benz), Toyota Mirai
Range Extender
Im Gegensatz zu den herkömmlichen Elektroautos haben Range Extender einen Verbrennungsmotor an Bord, der anspringt, wenn die Ladung der Batterie zur Neige geht. Vorteil: Die Reichweite steigt auf das Niveau eines Autos mit konventionellem Antrieb. Vorreiter dieser Spezies ist der Opel Ampera, der die Kraft des Verbrenners aber auch nutzt, wenn die volle Leistung zum Beispiel auf der Autobahn abgerufen wird.

Beispiele: Opel Ampera (baugleich mit Chevrolet Volt), BMW i3 (optional mit Benzinmotor)
Fotostrecke
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