SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

31. Mai 2012, 15:22 Uhr

Erdgas als Treibstoff

Das verkannte Genie

Von

Riesige Vorräte, künstlich herstellbar, sauber in der Verbrennung - als Treibstoff für Autos hat Erdgas viele Talente. Trotzdem haben Verbraucher, Autohersteller und Gasanbieter anscheinend wenig Interesse an einer größeren Verbreitung - warum eigentlich?

Wenn es um seinen Fuhrpark geht, entscheidet Reiner Bernhagen frei von Sentimentalitäten. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen eigentlich nur eine Marke in Frage kam und lediglich die Farbe der Innenausstattung und vielleicht noch die Motorisierung zur Debatte stand. Für den Berliner Taxiunternehmer steht inzwischen nur noch ein Kriterium im Vordergrund: Die Kosten. "Ich habe eine Familie zu ernähren, deshalb zählt für mich jeder Cent pro Kilometer."

Mit Hilfe des Rechenschiebers kam Bernhagen auch vor vier Jahren zu seinem aktuellen Dienstfahrzeug, einem Opel Zafira. "Wenn ich alle Kosten für Ankauf, Reparaturen und Wartung zusammenrechne, komme ich auf einen konkurrenzlos günstigen Preis."

Der wurde allerdings nur möglich, weil sich der Droschkenbesitzer auf ein Experiment einließ. Sein Zafira fährt mit Erdgasantrieb. "Berlin hatte damals die Initiative TUT ausgerufen" erinnert er sich. Zuschüsse von der Stadt, eine Tankprämie vom regionalen Energieversorger Gasag und großzügige Rabatte von Opel gaben am Ende den Ausschlag.

Der Senat von Berlin hatte TUT - Tausend Umwelttaxis für Berlin - 2000 aus der Taufe gehoben und mit insgesamt 22,5 Millionen Euro gefördert. Doch erst jetzt zeigt sich nach Einschätzung von Gasag-Manager Markus Buggisch der Erfolg der Initiative.

"Obwohl schon seit 2006 keine Zuschüsse mehr bezahlt werden, steigt die Zahl der Erdgas-Taxen immer noch leicht an, wenn auch mit gebremstem Tempo", erklärt er. Von den rund 7000 in der Hauptstadt zugelassenen Droschken würden knapp 1100 mit Erdgas angetrieben. Auch Gewerbetreibende würden sich in zunehmender Zahl von den Vorteilen des Antriebs überzeugen lassen.

Anteil unter "ferner liefen"

Damit nehmen die Hauptstädter eine Vorreiterstellung ein. Der Anteil der sogenannten CNG-Fahrzeuge - die Abkürzung kennzeichnet Compressed Natural Gas - ist in Berlin überproportional hoch. Deutschlandweit rangieren Erdgasautos eher unter "ferner liefen". Von knapp 42,9 Millionen zugelassenen Pkw nutzen gerade einmal knapp 75.000 den flüchtigen Treibstoff. Dabei kann dieser mit handfesten Vorteilen punkten

Autohersteller bieten nur wenige Modelle an

Allein das wäre eigentlich Grund genug für die Autoindustrie, das Thema mit Macht voranzutreiben - schließlich wären nur minimale Änderungen am herkömmlichen Verbrennungsmotor nötig, und das in rund 125 Jahren mühsam erworbene Know-how bei Entwicklung, Produktion und Fertigungsprozessen könnte weiterhin genutzt werden. Umso erstaunlicher ist es, mit welchem Langmut die Entwickler die Zurückhaltung der Käufer hinnehmen.

Volkswagen, Mercedes, Opel, Audi und Fiat haben zwar durchaus attraktive Modelle im Angebot, doch selbst eine E-Klasse oder ein Passat gelten plötzlich als Ausdruck der Entsagung, wenn ihr Besitzer sich als CNG-Fahrer offenbart. Einen richtig coolen Wagen - nach Art des elektrischen Tesla Roadster etwa - jedenfalls hat kein Hersteller im Programm. Es lohne sich nicht, die Nachfrage sei zu gering, um die hohen Entwicklungskosten zu amortisieren, heißt es unisono bei den Autokonzernen.

Das klingt allerdings eher nach einer Ausrede, denn einen Teil der Zusatzkosten würden die CNG-Fahrzeuge schon durch ihre günstige Schadstoffbilanz wieder hereinspielen. Schließlich drohen speziell den deutschen Premiumherstellern ab 2012 Strafzahlungen in Millionenhöhe, wenn ihre Flotten das festgeschriebene CO2-Limit überschreiten.

Lückenhaftes Tankstellennetz

Ein anderes Argument klingt indes schon wesentlich plausibler: Das lückenhafte Tankstellennetz wecke Zweifel, ob ein GNG-Gefährt für die lange Etappe tauge. Tatsächlich sind derzeit lediglich 900 Zapfsäulen im Bundesgebiet verteilt, viele davon nur eingeschränkt zugänglich, weil sie auf Betriebshöfen von Stadtwerken stehen.

Noch mühsamer wird die Sache im Ausland. Wer nach Italien reisen will, kann zumindest im Norden mit einem leidlich dichten Tankstellennetz rechnen. Von den rund 780 Stationen sind die meisten rund um die Großstädte angesiedelt. Im Süden dagegen wird die Suche schnell zur Glückssache. In Frankreich muss man sie sogar mit der Lupe suchen. 35 Tankstellen sind vorwiegend im Elsass verteilt, ganze drei im Großraum Paris.

Dänemark ignoriert den Treibstoff noch konsequenter. Dort gibt es nach Informationen der Webseite gibgas.de nicht eine einzige Erdgas-Tankstelle. Längere Touren sind also nur mit großen Einschränkungen möglich. Sie setzen überdies ein Maß an strategischer Planung voraus, das nur die wenigsten Autofahrer in Kauf nehmen wollen.

Ärgerlicher noch: Wer nach einigen anderen Tankkunden an die Zapfsäule kommt, muss sich darauf einstellen, dass kaum noch genug Druck in der Leitung ist, um den Tank vollständig zu füllen. Immerhin wird der Brennstoff mit 200 Bar in die röhrenförmigen Behälter gepresst. Wenn aber erst der Kompressor der Tankstelle anspringen muss um nachzuladen, ist locker Zeit für eine Tasse Kaffee.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH