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Erkenntnisse über den Stillstand: Staunen über den Stau

Von Markus Bruhn

Stauberater, Staumelder, Stauforscher - weil der Stillstand auf den Straßen ein weit verbreitetes Phänomen ist, rückt die massenhafte Immobilität von Menschen zunehmend in den Blick von Forschern unterschiedlicher Fakultäten. Hier sind einige der skurrilsten Ergebnisse.

Staunen über den Stau: Wenn Stillstand herrscht Fotos
DPA

So endlos die Autoschlange in einem Stau zu sein scheint, so unübersehbar sind inzwischen auch die Vorschläge, wie man dem Stillstand entgehen kann. Andererseits hört man auch von Menschen, die bewusst in einen Stau hineinfahren, ja die geradezu nach einem Stau suchen, um dort zu stehen, zu warten und vielleicht ja die Bekanntschaft ihres Lebens zu machen.

Dass das Verursachen von Staus ein offenbar zutiefst menschliches Verhalten ist, bewies ein Forscherteam der japanischen Universität Nagoya. Die Wissenschaftler baten für ein Experiment 22 Probanden, mit jeweils einem Auto auf einem 230 Meter langen Rundkurs ohne jegliche Hindernisse im Kreis zu fahren und dabei ein Tempo von etwa 30 km/h einzuhalten. Obwohl die Versuchs-Fahrer ohne großen Fehler die gleichförmige Strecke bewältigten, entstand schon bald ein Stau. Das Experiment zeigt: Es reichen bereits einige kurze Bremsvorgänge, die sich nach hinten hin addieren, um einen Stau auszulösen.

Ein Phänomen, das man den "Stau aus dem Nichts" nennt. Der entsteht immer dann, so ergaben Berechnungen der Stauforscher Michael Schreckenberg und Kai Nagel von der Universität Duisburg-Essen, wenn beispielsweise auf der Autobahn von einem Fahrer stark gebremst wird. Weil die Intensität nach hinten meistens zunimmt, kommt irgendwann das erste Auto zum Stehen. Dieser Stauung setzt sich dann mit etwa 15 km/h wellenartig entgegengesetzt zur Fahrtrichtung fort. Löst sich der Stau wieder auf, ist von den verursachenden Fahrzeugen längst nichts mehr zu erahnen.

Der Stau gehört dazu

Grundsätzlich vermeiden lassen sich Staus nicht, sagt Schreckenberg. Ihm geht es darum, sie zu reduzieren. Denn nach seinen Angaben stehen die Deutschen binnen eines Jahres zusammengerechnet rund 535.000 Jahre im Stau. Das klingt fast schon unglaublich, doch die Betroffenen nehmen den Stillstand offenbar höchst unterschiedlich wahr. Wer von einem Stau weiß, in den er bald hineingerät, der empfindet ihn meist gar nicht nervenaufreibend.

Ganz anders ist die Situation, wenn die Mobilitässtarre plötzlich und unvorhersehbar eintritt. Experimente zeigen, dass sich in solchen Fällen Autofahrer teilweise ähnlichen psychischen Belastungen ausgesetzt sehen, wie Polizisten, die sich einer Gruppe Hooligans entgegenstellen. Im Stau beispielsweise verdreifacht sich das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Dies liegt unter anderem daran, dass das menschliche Gehirn die Blockade mitunter als Bedrohungssituation interpretiert, und Kampf- oder Fluchtverhalten aktiviert, wie der "Automobilclub von Deutschland" (AvD) mitteilt.

Erhöhten Stress für Autofahrer bedeutet meist auch der sogenannte zähfließende Verkehr. Meist liegt das an jenen Zeitgenossen, die sich stets auf der langsamer dahinrollenden Spur wähnen und daher versuchen, durch abruptes Spurwechseln schneller voranzukommen als die anderen in der Stop-and-go-Karawane. Eine krasse Fehleinschätzung. Außerdem sorgen solche Fahrer meist für noch mehr Gedränge auf der Fahrbahn, weil sie andere Autofahrer zu Bremsmanövern zwingen, die die nächste Kettenreaktion nach hinten auslösen.

München ist Deutschlands Stau-Hauptstadt

Staus gehören jedoch nicht nur zum automobilen Alltag in der Urlaubszeit, sondern treten praktisch ganzjährig auch in vielen Städten während des Berufsverkehrs auf. Große Kreuzungen, Engstellen, Unterführungen oder Einmündungen können neuralgische Punkte sein, an denen ab einer gewissen Auslastung auf der Straße kaum noch etwas voran geht. Der Navigationsgeräte-Hersteller Tomtom hat im vergangenen Jahr eine Liste der stauträchtigsten Städte Deutschland erstellt. Den Titel als deutsche Stau-Hauptstadt räumte München ab, gefolgt von Hamburg und Bonn.

Im europäischen Vergleich jedoch kommt die Autofahrernation Deutschland noch einigermaßen flüssig voran. München liegt im Europaranking der Stau-Städte nämlich lediglich auf Platz 15. Die stärksten Nerven brauchen Autofahrer in Brüssel, Europas Stau-Stadt Nummer eins.

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1. Es gibt leider
Alzheimer, 09.08.2011
genügend Zeitgenossen, die mit Karacho auf das Stauende zufahren, und voll in die Eisen steigen. Angepasste Geschwindigkeit=Fehlanzeige! Da helfen weder mehrspuriger Ausbau noch sonstige Erleichterungen, wenn beratungsresistente (Möchtegern-)Raser meinen, dass sie Sonderrechte hätten.
2. Eine gnadenlose Erkenntnis:
SpieFo, 09.08.2011
In Deutschland funktioniert das Reißverschlußsystem nicht. Es gibt einfach zu viele Deppen, die schon hunderte von Metern vor der eigentlichen Fahrbahnverengung einfädeln und damit diese Spur praktisch zum Stillstand bringen. Habe es erst gestern wieder zwei Mal erlebt. Bedauerlich, daß das von Ihrem Artikel nicht thematisiert wurde, wo dieses Phänomen sicher von Ihren aufmerksamen Redakteuren selbst zu erleben ist. ?? Oder womöglich sind sie selbst bei den "Früheinfädlern" und schämen sich jetzt? Leider tun ADAC und berichtende Medien viel zu wenig, um das korrekte Einfädlen zu propagieren und in die Köpfe der Leute einzubleuen! Dummheit ist leider auf dem Vormarsch.
3.
Motorpsycho 09.08.2011
Meiner Wahrnehmung nach haben viele Fahrer ein echtes Problem, im Stop-and-Go Verkehr gleichmäßig zu fahren. Anstatt konstant 20 km/h, lassen die meisten keine Lücke zum Vordermann und hängen dem mit 50 km/h direkt auf der Stossstange, um danach wieder auf 0 abzubremsen.
4. .
denkpanzer 09.08.2011
"Es reichen bereits einige kurze Bremsvorgänge, die sich nach hinten hin addieren, um einen Stau auszulösen." Dagegen gibt es ein recht wirksames Mittel welches auch Auffahrunfälle wirksam vermeidet: Mehr Abstand zum Vordermann.
5. titel
malte71, 09.08.2011
Zitat von SpieFoIn Deutschland funktioniert das Reißverschlußsystem nicht. Es gibt einfach zu viele Deppen, die schon hunderte von Metern vor der eigentlichen Fahrbahnverengung einfädeln und damit diese Spur praktisch zum Stillstand bringen. Habe es erst gestern wieder zwei Mal erlebt. Bedauerlich, daß das von Ihrem Artikel nicht thematisiert wurde, wo dieses Phänomen sicher von Ihren aufmerksamen Redakteuren selbst zu erleben ist. ?? Oder womöglich sind sie selbst bei den "Früheinfädlern" und schämen sich jetzt? Leider tun ADAC und berichtende Medien viel zu wenig, um das korrekte Einfädlen zu propagieren und in die Köpfe der Leute einzubleuen! Dummheit ist leider auf dem Vormarsch.
Stimmt, und dann unmittelbar vor dem Hindernis niemanden mehr reinlassen, weil sich jene ja vordrängeln wollen.
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