ZDF-Zweiteiler über Erlkönig-Jäger Der Mann, der geheimen Autos auflauert

Sie spüren einer besonders scheuen Spezies nach: Erlkönig-Fotografen versuchen, geheime Prototypen neuer Autos abzulichten. Filmemacher Frank Gensthaler war bei der Jagd dabei.

Ein Interview von


  • privat
    Frank Gensthaler, geboren 1975, ist seit 2013 als freier Journalist und Filmemacher tätig. Davor arbeitete der studierte Historiker als Redakteur für SPIEGEL-TV und das Wissensmagazin Galileo. Als freier Autor setzte er gemeinsam mit Stefan Aust die Dokumentation "Bedingt abwehrbereit - Die Geschichte hinter der SPIEGEL-Affäre" um.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gensthaler, Sie haben für das ZDF einen Zweiteiler über einen Erlkönig-Jäger gedreht. Was finden Sie an Fotografen so spannend, die bis zur Unkenntlichkeit verklebte Prototypen der Autoindustrie mit der Kamera abschießen?

Frank Gensthaler: Die Jagd nach Prototypen der Autoindustrie ist vielleicht eines der letzten großen Abenteuer, von ihr geht eine fast kindliche Faszination aus: Autoindustrie und Fotografen spielen Räuber und Gendarm. Dazu noch in Gegenden wie Lappland oder der Sierra Nevada, wo kaum ein Mensch sonst hinkommt. Da guckt doch jeder gerne hinter die Fassade.

SPIEGEL ONLINE: Mehr als sechs Monate lang haben Sie den Erlkönig-Fotografen Andreas Conradt aus dem Wendland für Ihre Dokumentation bei der Arbeit begleitet. Was haben Sie gelernt?

Gensthaler: Dass ein Leben als Erlkönig-Fotograf zwar viele Freiheiten bietet, aber auch reichlich Konfliktstoff. Oft kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen dem Fotografen und den Wachdiensten der Autohersteller. Manchmal wird dadurch ein ganzer Arbeitstag zunichte gemacht. In England pirschten wir uns durch ein Kornfeld zu einer geheimen Teststrecke an. Als wir endlich eine gute Sicht hatten und unsere Ausrüstung aufbauen wollten, kam der Bauer. Wir schlichen uns schnell wieder zurück. Aber auch das half nichts. Denn eine Anwohnerin alarmierte den Werkschutz.

SPIEGEL ONLINE: Wiegt das Abenteuer diese nervigen Auseinandersetzungen auf?

Gensthaler: Das Schlimmste an dem Job ist das lange Warten. Stundenlang, oft tagelang, bis einem das gewünschte Objekt vor die Linse kommt - in Schweden nicht selten bei minus 30 Grad. Fährt dann aber ein Erlkönig vorbei und man nimmt die Verfolgung mit dem Auto oder der Kamera auf, entschädigt das für das nervige Geduldsspiel.

SPIEGEL ONLINE: Es klingt fast so als könnten Sie sich nach ihrem halbjährigen Dreh auch vorstellen, Erlkönig-Jäger zu werden....

Gensthaler: Ja, durchaus.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es auf Dauer nicht anstrengend, von den Autoherstellern wie ein herrenloser Hund verscheucht zu werden?

Gensthaler: Erlkönig-Jäger werden nicht geliebt, aber sie machen nichts Böses. Es ist ein komisches Spiel zwischen Fotografen und Autoindustrie; trotz der vielen Interessenskonflikte entsteht eine Art Symbiose. Zwar sagen die Hersteller, dass durch die Veröffentlichung der Erlkönig-Bilder die Verkaufszahlen beim Vorgängermodell zurück gehen. Aber die Argumentation erschließt sich mir nicht. Denn sie reagieren auch empfindlich, wenn es gar kein Vorgängermodell gibt. Letztlich sind doch Fotos von einem neuen Modell vor allem Werbung.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel für diese symbiotische Beziehung? Gab es eine Begegnung, bei der Sie das Gefühl hatten, dass die Testfahrer den Fotografen entgegenkommen?

Gensthaler: Am Nürburgring lagen wir einen halben Tag lang vor einem Gelände auf der Lauer, das Audi gehört. Dort sollte der neue A5 abgeladen werden. Die Ingenieure und Testfahrer entdeckten uns und führten ein regelrechtes Theaterspiel auf, damit wir bloß nicht filmen. Erst deckten sie den A5 beim Ausladen komplett ab, dann passierte stundenlang nichts. Am Ende sind die Testfahrer im Kriechtempo mit dem A5 herausgefahren, so dass der Erlkönig-Jäger sehr gute Fotos machen konnte. Es wirkte fast so, als hätten sie uns den Wagen vorgeführt.

Erlkönig-Fotograf Andreas Conradt bei der Jagd
SPIEGEL TV

Erlkönig-Fotograf Andreas Conradt bei der Jagd

SPIEGEL ONLINE: Ist Erlkönig-Jäger ein Job mit Zukunft?

Gensthaler: Nein, die Bezahlung für die Bilder wird immer schlechter. Der Erlkönig-Fotograf Andreas Conradt, den ich begleitet habe, sagte selbst, er werde vermutlich zur letzten Generation an Fotografen gehören, die von dem Job leben kann. Magazine, die bisher gute Kunden der Fotografen waren, verlieren an Auflage und damit an Bedeutung.

SPIEGEL ONLINE: Erlkönig-Jäger erzählen immer wieder davon, dass Mitarbeiter der Autofirmen versuchen, sie mit Wildwest-Methoden von der Straße zu drängen. Haben Sie das selber bei ihren Aufnahmen erlebt?

Gensthaler: Früher gehörte das offenbar zum Alltag. Doch heute gehen beide Seiten respektvoller miteinander um. Sie verbünden sich gemeinsam gegen die Widrigkeiten der Natur, die gerade in Lappland mit ihrer Kälte und der dünnen Besiedelung dem Menschen sehr gefährlich werden kann. Mir wurde erzählt, wie ein Fotograf einem Testfahrer aus dem Straßengraben geholfen hat. Umgekehrt passiert das auch. In diesen Momenten vergisst man die Rivalität und sieht nur den Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt ein Erlkönig-Fotografen, wenn er auf frischer Tat erwischt wird?

Gensthaler: Ich beobachte Vögel!

Die zweiteilige Dokumentation von Frank Gensthaler, "Der Erlkönig-Jäger - Geheime Autos im Visier", wird im Rahmen der ZDF-Reportage ausgestrahlt. Der erste Teil ist am Sonntag, 21. Februar um 18.00 Uhr zu sehen. Der zweite Teil wird am 28. Februar ebenfalls um 18 Uhr gezeigt.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dipl.inge83 21.02.2016
1. Fotografen
Meiner Erfahrung nach riskieren die Fotografen auf der Straße echt Kopf und Kragen um an ihre Bilder bzw. ihr Geld zu kommen, in Schweden schon öfter erlebt. Total irre. Dabei dürfte klar sein, frühe Geheimhaltungsstufen haben nie Strassenfreigabe, auch nicht am AdW oder nur bei Dunkelheit. Die interessanten Geräte bleiben auf geschlossenen Arealen.
itolduso 21.02.2016
2. Der Motorjournalist
Wenn sich die Autoindustrie mit dem Journalismus verbindet, bekommt man von beiden Seiten das Schlechteste: Den Motorjournalisten, der seit Jahrzehnten im Verdacht steht besonders anfällig für Zuwendungen zu sein. Wenn jetzt ein Spartenbereich dieser Berufsgruppe ausstirbt, ist das durchaus eine gute Nachricht.
phthalo 21.02.2016
3. ....
Ich kann diesem Berufsstand der Erlenkönig-Fotografen nichts abgewinnen. Die machen es den Autobauern nur schwieriger ihre Fahrzeuge zu testen und warum? Nur damit einige Leute die nichts Besseres zu tun haben sich die neusten Designs vorher schon anschauen zu müssen? Ich finde nicht, dass das Volk ein Recht darauf hat, das wissen zu müssen. Es nervt nur die Firmen und macht die Entwicklung nur teurer.
zinobln 21.02.2016
4. Langweilig!
"Die Jagd nach Prototypen der Autoindustrie ist vielleicht eines der letzten großen Abenteuer..." SPON macht Werbung für eine langweilige Doku die im ZDF läuft. Wenn Herr Gensthaler diesen Blödsinn als letztes großes Abenteuer dieser Welt bezeichnet, ist er entweder völlig blind oder hat Sinn für Humor. Wie gesagt...LANGWEILIG!
TS_Alien 21.02.2016
5.
Offizielle Fotos kommen rechtzeitig vor Verkaufsbeginn doch von den Herstellern. Wieso sollte man Jahre vorher wissen wollen, wie ein künftiges Auto aussieht? Das hat überhaupt keinen Informationsgehalt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.