Erlkönige C-Klasse unterm Polarstern

Im schwedischen Arjeplog gibt sich zu dieser Jahreszeit die internationale Auto-Elite ein Stelldichein, um neue Fahrzeuge zu testen. Während die meisten Prototypen nur verhüllt nach draußen dürfen, fährt die neue C-Klasse von Mercedes bereits relativ ungetarnt übers Eis.


Nur den Stern abzumontieren, reicht als Tarnung nicht aus: Die neue C-Klasse ist an den runden Doppelscheinwerfern zu erkennen
GMS

Nur den Stern abzumontieren, reicht als Tarnung nicht aus: Die neue C-Klasse ist an den runden Doppelscheinwerfern zu erkennen

Der hohe Norden Europas hat es der Autoindustrie offenbar angetan: Hier trifft sich bei Dunkelheit und Kälte alles, was Rang und Namen hat - BMW, Audi und VW gehören ebenso dazu wie Ford, Opel, Fiat, Peugeot und Mercedes. Schauplatz der Wintertests sind die zugefrorenen Seen rund um Arjeplog knapp unterhalb des Polarkreises im schwedischen Lappland.

Keine 4000 Einwohner zählt die Gemeinde im Sommer, aber im Winter sind es erheblich mehr: Alleine Mercedes, seit den sechziger Jahren hier aktiv, versammelt bis zu 120 Techniker und Ingenieure in den Wäldern unterm Nordlicht. Dabei reisen insgesamt knapp 30 Firmen vom Autohersteller über Reifenfirmen bis zum Zulieferer zu Testzwecken an. Konstante Bedingungen mit langen Kälteperioden bei Temperaturen bis minus 30 Grad, die weiträumigen Eisflächen und die Abgeschiedenheit als Schutz vor neugierigen Blicken locken sie an.

Verstreut über das Eis der Seen liegen die Testgelände mit Kreisbahnen, Freiflächen, Handlingkursen. Der DaimlerChrysler- Konzern schickt vom Smart bis zum Lastwagen bis zu 70 Fahrzeuge hier her. Erprobt werden vornehmlich Fahrdynamik-Systeme, dazu gehören unter anderem ABS-Bremsen, ASR-Antriebsschlupfregelung und das elektronische Stabilitätsprogramm ESP.

LetzteTestfahrten auf dem Eis: Im März soll der C-Klasse-Nachfolger der Öffentlichkeit vorgestellt werden
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LetzteTestfahrten auf dem Eis: Im März soll der C-Klasse-Nachfolger der Öffentlichkeit vorgestellt werden

Derzeit erhält die neue C-Klasse fast ungetarnt letzten Schliff vor der für Ende März vorgesehenen Publikumspremiere. In einer etwa 900 Quadratmeter großen Halle parken aber auch Fahrzeuge, die erst in zwei, drei Jahren Serienreife erlangen und deswegen bei Besuch sorgfältig verhüllt werden. Draußen, auf den Straßen rund um Arjeplog, begegnet man allenthalben getarnten Prototypen.

Im Gegensatz zu früher geht man heute von Beginn der Entwicklung an aufs Eis. "Bei Projektzeiten von nur drei bis dreieinhalb Jahren müssen Konstruktion und Versuch frühzeitig parallel laufen, um möglichst ganzheitlich entwickeln zu können", erklärt Helmut Struck, bereits seit über 30 Jahren bei Mercedes und verantwortlich für die aktive Sicherheit. Aus diesem Grund wurde in Arjeplog ein mit Stuttgart vernetztes Rechenzentrum eingerichtet, um die Erfahrungen aus der Praxis direkt in die Entwicklung einfließen zu lassen.

Wilfried Achenbach, Leiter der Sparte Regelsysteme, schätzt, dass auf schwedischem Eis mittlerweile ein Drittel der fahrdynamischen Entwicklungsarbeit für neue Fahrzeuge geleistet wird. 3,8 Millionen Mark hat der Konzern hier und im weiter nördlich gelegenen Kiruna investiert, wo die Motorenentwickler eine eigene Werkstatt unterhalten. Der Testbetrieb verschlingt jeden Winter etwa zwei Millionen Mark.

Das schwedische Recht garantiert zwar freien Zugang der Natur für jedermann, dennoch respektieren die Autobauer die angestammten Areale auf dem Eis. Und man arrangiert sich: Das Bosch-Gelände mit Steigungshügeln und Reibwertebahn steht auch anderen Herstellern offen.

Für die Gemeinde Arjeplog sind die Gäste ein Segen: Bis auf ein paar Holz verarbeitende Betriebe und eine von der Stilllegung bedrohte Bleimine ist hier wirtschaftlich nicht viel los. Die Autotester sorgen für Einnahmen und Jobs: Die Hotels sind im Winter belegt, Appartements und Ferienhäuser ausgebucht, es gibt eine englischsprachige Wochenzeitung und an den Tankstellen wird derart heftig gezapft, dass Arjeplog zur Gemeinde mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Sprit in Schweden avancierte.

Sogar eine neue Berufssparte hat sich aufgetan, nämlich die der so genannten Icemakers. Mittlerweile widmen sich fünf Unternehmen der Kunst des Eis-Präparierens. Von Mitte November bis Ende April dauert die Saison. Vom ersten Überfrieren an muss das Eis vom Wärmepolster bildenden Neuschnee frei gehalten und zusätzlich gewässert werden - schließlich sollte der Panzer eine Stärke von 65 bis 70 Zentimeter erreichen, damit auch schwere Fräsen und Räumfahrzeuge darauf fahren können.

David Sundström, 77 Jahre alt und vor drei Jahrzehnten der erste Icemaker vor Ort, sorgt schon aus ganz persönlichen Gründen dafür, dass bei den Tests kein Auto durchs Eis bricht: Er will im Sommer wieder ungestört fischen.

Matthias Huthmacher



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