Erprobungszentrum Arjeplog "Ohne die Tester wär hier tote Hose"

Nach Nordschweden reist kaum jemand freiwillig, und wer hier geboren wird, will eigentlich nur weg. In Arjeplog ist das anders, sagt Bürgermeister Fransson. Seit Autotester die abgelegene Gegend für sich entdeckt haben, ist richtig was los - zumindest im Winter.


Wer Arjeplog auf der Landkarte sucht, muss schon einen sehr genauen Maßstab nehmen. Zwar misst die Fläche der Gemeinde mehr als 13.000 Quadratkilometer, doch sonderlich groß ist das eigentliche Städtchen einige Kilometer südlich des Polarkreises nicht. Dass es zumindest in der Autoindustrie trotzdem jeder kennt, liegt an den fast schon mystischen Erlkönigen und unzähligen, streng geheimen Prototypen, die hier von Oktober bis März auf tief verschneiten Straßen und zugefrorenen Seen ihre Wintertests absolvieren. Die Industrie fährt solche Versuche zwar auch an anderen Orten in Skandinavien, doch nirgends sind die Testfahrer und ihre Autos so präsent wie in Arjeplog.

Darüber freuen sich nicht nur die Fotografen der Fachmagazine, sondern vor allem Bengt-Urban Fransson. Er ist hier geboren, war nur zum Studium weg und ist jetzt seit fünf Jahren Bürgermeister. Fransson weiß, was er der Autoindustrie zu verdanken hat. "Ohne die Tester wäre hier tote Hose", sagt der Lokalpolitiker über das seltsame Winterparadies, in dem während der Erprobungszeit auf 2000 Einwohner ebenso viele Experten aus der Autoindustrie kommen. "Hätten wir nicht so viele Gäste, dann gäbe es auch nicht so viele Geschäfte, Restaurants und Kneipen", argumentiert er. Das Ortszentrum ist für skandinavische Verhältnisse überraschend belebt, man hört oft mehr deutsche, französische englische oder gar koreanische Satzfetzen als schwedische. Denn die Tester kommen mit der eigens eingerichteten Fluglinie "Fly-Car" aus aller Herren Länder.

Sie bringen nicht nur Leben in die Stadt, sondern vor allem Geld und Arbeit. "Jede Saison setzt die Autoindustrie hier rund 450 Millionen Kronen um", sagt der Bürgermeister und schätzt, dass rund 600 der Einwohner direkt oder indirekt für die Testmaschinerie im Einsatz sind. Sie präparieren das Eis auf den acht riesigen Prüfgeländen, sie fahren Langstrecken-Versuche, sie bauen Werkstattkomplexe oder Seminarräume, und sie arbeiten in den vielen Hotels, deren 600 Betten in der Hochsaison noch immer zu wenig sind. Deshalb gibt es auch 170 Bungalows zu mieten. "Außerdem ziehen viele Einheimische über den Winter in ihre Sommer- oder Ferienhäuser, um ihre Wohnung den Testern zu überlassen", sagt das Gemeindeoberhaupt.

Viele Schweden sind auf solche Einnahmen dringend angewiesen. "Seit vor sechs Jahren die letzte Blei-Mine schloss, sieht es hier mit Industrie und Arbeitsplätzen schlecht aus", klagt der Bürgermeister. Er bemüht sich, den Tourismus anzukurbeln. "Doch das ist schwierig. Im Sommer ist hier nicht sonderlich viel los, und im Winter ist die Autoindustrie am liebsten unter sich." Zwar könne man dann wunderbar Langlaufen und sogar ein wenig Abfahrtskifahren. "Doch auf Neugierige reagieren die Tester empfindlich, und die Hotelbetten sind dann ohnehin belegt."

Arjeplog: Mehr Autos im Tarnanzug als normale Pkw

"Dass es die Autoindustrie überhaupt nach Arjeplog verschlagen hat, verdankt die Stadt einem glücklichen Zufall", erzählt Fransson. Denn früher wurde ein paar hundert Kilometer weiter nördlich in Kiruna getestet. Eines der Teams habe auf der Rückfahrt eine blank polierte Flugzeuglandebahn auf einem zugefrorenen See entdeckt und das für eine ideale Lösung zum Wintertest gehalten. "Also haben sie sich 1973 kurzerhand dort eingemietet und fortan den weiten Weg nach Kiruna gespart", so der Bürgermeister. Damit sei der Grundstein gelegt gewesen, plaudert Fransson aus der jüngeren Gemeindechronik.

Seitdem bietet die Stadt den Testern nahezu perfekte Bedingungen: Auf den riesigen Eisflächen im Umland können sich die Entwickler mal hinter meterhohen Zäunen und mal frei einsehbar austoben, und auf den Landstraßen ist so wenig Verkehr, dass dort oft mehr Autos im Tarnanzug als normale Pkw unterwegs sind. Das Auge des Gesetzes nimmt es zwar sehr genau, doch es schaut nicht sonderlich oft hin.

"Wir haben hier im Ort nur drei Polizisten", sagt der Bürgermeister. Die sind mal krank, haben Urlaub und machen Schichtdienst. "Mindestens einen Abend in der Woche und oft auch am Wochenende" sei die Staatsgewalt deshalb besonders friedlich. Davon profitierten allerdings eher die heimischen Promillefahrer als die ausländischen Tester: Obwohl natürlich mehr Verkehr herrsche und schon auch mal etwas schärfer gefahren werde, "sieht unsere Unfallstatistik nicht anders aus als überall sonst in Schweden."

Sexuelle Verwirrung bei frostigen Temperaturen

Dafür jedoch kam es - zumindest früher - zu Zwischenfällen anderer Art. Vor allem in den ersten Jahren, als die Tester oft die ganze Saison im Norden blieben, sorgten die Gäste aus dem Süden für reichlich Unruhe unter der weiblichen und ebenso viel Unmut bei der männlichen Bevölkerung. Fransson: "Damals ist so manche Ehe in die Brüche gegangen." Heute sei das allerdings kein Problem mehr. "Wir haben uns aneinander gewöhnt. Außerdem sind die Tester mittlerweile so kurz hier, dass nur noch selten die Herzen entflammen."

Auch an den vielen ungewöhnlichen Autos haben sich die Bürger von Arjeplog längst satt gesehen. "Nach einem Prototyp dreht sich hier keiner mehr um", sagt der Bürgermeister, vor dessen Rathaus oft die Premierenmodelle der übernächsten Automesse parken. "Nur als vor ein paar Jahren mal sechs oder sieben getarnte Rolls-Royce vor dem Supermarkt standen, haben einige mal wieder genauer hingeschaut." Obwohl die Fachmagazine für Fotos dieser Art gelegentlich viel Geld zahlen, zückt kein Einheimischer die Kamera.

Nur ein paar Schüler konnten sich das im letzten Jahr nicht verkneifen, haben die Bilder auch noch ins Internet eingestellt und sich damit jede Menge Ärger eingefangen. "Denn die Bürger von Arjeplog sind sich der Bedeutung der Autoindustrie für die Gemeinde sehr bewusst", sagt Fransson und appelliert an ihren Gemeinsinn, damit sie die Tester in Ruhe und Diskretion ihre Arbeit machen lassen. "Sonst zieht die Karawane weiter nach Russland oder China", schrieb der den Einwohnern per Zeitungskolumne ins Gewissen. Die Folge mag sich niemand vorstellen: Dann wäre in Arjeplog immer tote Hose.



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