Erste Hilfe am Unfallort: Nur Händchenhalten reicht nicht

Von Philip Wesselhöft

Für viele Autofahrer gilt: Der letzte Erste-Hilfe-Kurs ist lang, lang her. Die wenigsten wissen daher, wie sie sich am Unfallort verhalten sollen. Dabei ist Soforthilfe nicht schwer - und rettet oft Leben. SPIEGEL ONLINE fragte einen Notarzt, wie man am besten hilft.

Das sind die Momente, in denen sich Minuten zu Stunden dehnen. In denen der Kopf kapituliert und Panik ins Hirn schießt. Wo man nicht mehr weiß, was man tun soll: Momente am Unfallort. Wer schon einmal Zeuge eines Crashs wurde und mit der Situation konfrontiert war, verletzten Menschen in der Not zu helfen, kennt das Gefühl des Ausgeliefertseins. Und alle anderen hoffen, nie in die Verlegenheit zu kommen, sich an längst vergessene Lektionen aus dem Erste-Hilfe-Kurs erinnern zu müssen. Doch es kann jeden erwischen, jederzeit. Allein im vergangenen Jahr wurden rund 446.000 Menschen bei Verkehrsunfällen auf deutschen Straßen verletzt, 80.800 davon schwer. 5842 Menschen starben.

Erste Hilfe: 446.000 Verletzte und 5842 Verkehrstote wurden im vergangenen Jahr in Deutschland registriert
Foto: GMS

Erste Hilfe: 446.000 Verletzte und 5842 Verkehrstote wurden im vergangenen Jahr in Deutschland registriert

Um es deutlich zu machen: Jeden Tag benötigen in Deutschland 1221 Verkehrsunfallopfer dringend medizinische Hilfe - der Notarzt aber ist in Ballungsräumen bestenfalls in sieben, acht Minuten, bei Unfällen in ländlichen Gebieten meist erst nach einer knappen Viertelstunde vor Ort. Bis dahin sind die Menschen am Unfallort auf sich selbst angewiesen: auf die Hilfe von unverletzten Mitreisenden oder zufällig vorbeikommenden Passanten. Und die sind in der Regel hoffnungslos überfordert mit der Situation. "Wir sehen es einfach zu selten, dass die Menschen vor Ort mehr machen als Händchenhalten. Das ist zwar besser als nichts, aber wir würden uns doch deutlich mehr wünschen", sagt Jörg Benecker, Notarzt am Unfallkrankenhaus Berlin. "Wenn wir eintreffen, ist bis dahin wenig passiert. Die Leute stehen hauptsächlich aufgeregt herum."

Dabei ist oft mit wenigen Handgriffen viel geholfen, die meisten Menschen trauen sich nur nicht. Vor Fehlern aber sollte niemand Angst haben. Es ist noch nie jemand in Deutschland verurteilt worden, weil er als medizinischer Laie am Unfallort etwas falsch gemacht hat. Wohl aber wegen unterlassener Hilfeleistung. "Die juristische Seite ist klar: Der Laie hat keine Verpflichtung, eine ihm fachfremde medizinische Maßnahme korrekt auszuführen", sagt Notfall-Experte Beneker. "Er hat aber die Verpflichtung, etwas zu tun."

Der 47-Jährige, der als ärztlicher Leiter des Berliner Intensivhubschraubers täglich mit allen Arten von Unfällen in der Hauptstadt und ihrem Umland konfrontiert wird, appelliert auch aus medizinischer Sicht an alle Unfallzeugen, die Scheu vor falschen Handgriffen abzulegen: "Natürlich besteht die Gefahr, eine vorhandene Verletzung zu verschlimmern. Aber meist nur dann, wenn es darum geht, eine noch größere Gefahr abzuwenden", so Beneker. Er nennt ein Beispiel: "Im Auto eingeklemmte Fahrer haben oft Beinverletzungen, weil sich die Füße unter den Pedalen verfangen haben. Zieht man sie jetzt mit Gewalt aus dem Fahrzeug, können sich die Verletzungen verschlimmern. Wenn aber die Alternative besteht, dass derjenige verbrennt, dann ist ein gebrochener Fuß das geringere Übel. Im Allgemeinen gilt: Die Kraft, die auf die Unfallopfer bereits eingewirkt hat, war weitaus größer als alles, was man als Ersthelfer an Kraft ausüben kann."

Zehn Regeln für Ersthelfer am Unfallort

SPIEGEL ONLINE hat gemeinsam mit Notarzt Jörg Beneker eine kurze Checkliste für Ersthelfer am Unfallort erarbeitet - keinesfalls als Ersatz für den Erste-Hilfe-Kurs gedacht, den jeder in gewissem Abstand wiederholen sollte. Und auch nicht mit dem Anspruch der Vollständigkeit für jede mögliche Facette eines Unfallgeschehens. Wer aber wenige, entscheidende Dinge beherzigt und den gesunden Menschenverstand anwendet, kann viel bewirken:

1. Eigensicherung. Wird oft nicht beachtet und führt schnell zu Folgeunfällen, gerade in der dunklen Jahreszeit mit schlechten Sicht- und Straßenverhältnissen. Das eigene Auto mit ausreichend Abstand vor der Unfallstelle abstellen, Warnblinkanlage einschalten und das Warndreieck aufstellen - auf Autobahnen mindestens 100 Meter entfernt.

2. Überblick verschaffen. Wie viele Menschen sind verletzt? Sind weitere Helfer in der Nähe? Droht ein Auto zum Beispiel an einer Böschung abzustürzen? Rettungsdienst alarmieren.

3. Wärme spenden. Unfallopfer kühlen schnell aus, Körpertemperatur und Überlebenschance aber hängen eng zusammen. Wer auskühlt, blutet mehr, erleidet im weiteren Verlauf schneller Lungen- und Nierenversagen, lässt sich wegen der größeren Gerinnungsstörung des Blutes schlechter operieren. Also: Verletzte nicht ausziehen, sondern mit zusätzlicher Jacke oder einer Wolldecke warm halten.

4. Psychische Betreuung. Händchenhalten und beruhigendes Reden sind wichtig. Unfallopfer müssen das Gefühl haben, nicht allein zu sein. Sonst können sich zum Beispiel eventuelle Schockzustände verschlimmern.

5. Stabile Seitenlage. Ist jemand bewusstlos, aber Atmung und Kreislauf sind eindeutig vorhanden (das heißt: jemand redet zwar nicht, stöhnt aber vielleicht und atmet vernünftig), dann sollte man diesen Menschen in die stabile Seitenlage bringen. Wie das geht, ist zum Beispiel HIER zu sehen.

6. Wiederbelebung. Sind Atmung und Kreislauf nicht vorhanden, müssen Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden. Das ist praktisch nur im Erste-Hilfe-Kurs zu erlernen. Einen ersten Eindruck bekommt man HIER.

7. Rettung aus dem Auto. Zunächst: Das Auto brennt nicht, es läuft kein Benzin aus, das Auto steht sicher (hängt also nicht über die Leitplanke) und die Insassen sind eingeklemmt, aber bei Bewusstsein. Alles so belassen, Wärme spenden, Wunden versorgen. Läuft Benzin aus, brennt das Auto oder muss ein Insasse wiederbelebt werden: Menschen aus dem Fahrzeug transportieren. Die Handgriffe findet man HIER.

Vorsicht vor nicht ausgelösten Airbags: Hängt der Airbag auf einer Seite aus dem Lenkrad oder Armaturenbrett und auf der anderen Seite nicht, kann dieser bei leichten Berührungen nachträglich auslösen. Daher möglichst von der Seite an den verletzten Insassen heran, auf der der Airbag bereits ausgelöst hat. Zur Not Scheibe einschlagen - aber nicht direkt neben dem Gesicht der Insassen. Und: Zündschlüssel herumdrehen und Motor abstellen. Ganz wichtig: Keine Angst vor Explosionen. Autos explodieren im Allgemeinen nicht, die Tanks sind heute gut gedämmt und haben Überdruckventile.

8. Wunden versorgen. Kopfplatzwunden und Schnittwunden sind mit die häufigsten Verletzungen bei Autounfällen. Verbandskasten öffnen, Aidshandschuhe überziehen, Verbandspäckchen aufreißen, komplett auf die Wunde drücken und warten, bis die Profis in wenigen Minuten vor Ort sind. Es macht keinen Sinn, sich mühsam an kunstvolle Kornährenverbände aus dem Erste-Hilfe-Kurs erinnern zu wollen.

9. Motorradhelm abnehmen. Ist ein verunglückter Motorradfahrer wach und klar, wird er sich den Helm selber abnehmen. Ist er bewusstlos und es ist nicht klar festzustellen, ob er noch atmet, dann muss der Helm runter: Mit Helm kann niemand beatmet werden. Und sollte sich das benommene Unfallopfer erbrechen, droht die Gefahr der Erstickung.

10. Schock. Wenn jemand anfängt wegzutreten: Füße hoch. Egal, ob der Kreislauf nur wegen des erlittenen Schrecks oder auf Grund von Blutverlust absackt. So wird eine ausreichende Versorgung der lebenswichtigen Organe - Herz, Hirn - mit Blut sichergestellt. Typische Kennzeichen sind: Angst, Haut blass, kalt und schweißnass, Zittern, später Teilnahmslosigkeit.

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