Essen Motor Show: Bitte die Spoiler ausfahren

Von Jürgen Pander

Weil zahlreiche Autohersteller das Tuning ihrer Fahrzeuge inzwischen ab Werk anbieten, muss sich die Tuningbranche neue Nischen suchen. Der Zwang geht einher mit dem Wunsch vieler Kunden zur "Auto-Aggression": Die Wagen werden wieder wilder, der Spoiler kehrt zurück.

Trend zu auffälligeren "Aerodynamik-Kits": Golf-Auspuff von Kamei
Jürgen Pander

Trend zu auffälligeren "Aerodynamik-Kits": Golf-Auspuff von Kamei

AMG peppt die Serienmodelle von Mercedes auf, OPC jene von Opel und Quattro die von Audi. Tuning ab Werk heißt der Trend, dem immer mehr Hersteller folgen. Und die wachsende Nachfrage nach sportlichen Modellen vom Fließband gibt ihnen Recht. Für die Tuningbranche bedeutet dies, dass mit dezenten Zutaten zum Serienfahrzeug immer weniger Geld zu verdienen ist. Da trifft es sich ganz gut, dass der Trend wieder zum sichtbar aufgemotzten Autos geht.

Auf der Essen Motor Show, der weltweit größten Fachmesse der Auto-Veredler (bis 7. Dezember), feiern deshalb wuchtige Frontspoiler und auffällige Heckflügel ein überraschendes Comeback. "Spoileritis ist wieder in", bestätigt Uwe Meier-Andrae, geschäftsführender Gesellschafter der Kamei GmbH in Wiesbaden die Beobachtung des Messebesuchers. "Unsere Kunden wollen zwar nichts Schwülstiges, aber es darf schon etwas muskulöser sein als das übliche Tuning ab Werk."

Kamei, spezialisiert auf das Aufmöbeln von VW- und Audi-Modellen folgt dem Trend zu auffälligeren "Aerodynamik-Kits" und stellt darüber hinaus in Essen sein neues Kompletttuning-Programm vor. Meier-Andrae ist zuversichtlich, dass die Angebotsausweitung funktionieren wird. "Tuning", sagt er, sei nach wie vor "ein gutes Geschäft". Wenn auch die großen Firmen längst vom Exportgeschäft abhängig sind. Jedoch: "In Saudi-Arabien sowie in Fernost ist Tuning ein ganz großes Thema bei Autobesitzern."

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Hier zu Lande stürzt sich das Gros der Auto-Aufpäppler auf den neuen Golf. Das an sich brave Auto ist ein Segen für die Anbau-Branche, die Dutzende der neuen Modelle in voller Spoiler-Montur zu sehen. "Der Kunde ist stärker bereit, in auffälligere Formen zu investieren", sagt Harald Schmidtke vom Zender in Mülheim-Kärlich. Willkommen zurück in den achtziger Jahren, als bestimmte Automodelle ohne ordentliche Spoiler-Schwellungen einfach unfertig wirkten. Die Lippen, Balken und Flügel am Fahrzeuganfang und -ende sind zurück. Und wir sprechen nicht von schmalen Leisten, sondern durchaus stattlichen Anbauteilen.

Selbst der Mercedes-Tuner Brabus aus Bottrop, eine Veredelungsfirma, die das optische Understatement ihrer PS-strotzenden Fahrzeuge gepflegt hat wie kaum ein Konkurrent, wagt nun etwas mehr optische Opulenz. "Die Kunden wollen, dass der Wagen sportlich und bullig dasteht", sagt Firmensprecherin Angela Müther. Zugleich aber solle nicht auf den ersten Blick erkennbar sein, dass die üppigen Proportionen von einem Tuner stammen.

22 Zoll ist Obergrenze für praxistaugliche Radgröße

Das besten Geschäft für die Tuningbranche sind noch immer die so genannten Rad-Reifen-Kombinationen, mit denen die Unternehmen knapp ein Drittel ihres Umsatzes bestreiten. Auch für die Räder gilt: Je größer und auffälliger, desto besser. "Alles unter 18 Zoll ist langweilig", stellt Philip Blau von Oettinger in Friedrichsdorf die Verhältnisse klar. Und Susanne Müllejans von AC Schnitzer in Aachen sagt: "Die erste Schnitzer-Felge, die wir 1987 vorgestellt haben, war 14 Zoll groß." Heute kommt diese Raddimension allenfalls für Klein- und Kompaktwagen noch in Betracht. Inzwischen hat Schnitzer "Räder bis 22 Zoll im Programm, etwa für den Geländewagen BMW X5", berichtet Frau Müllejans. Für Limousinen gilt momentan 20 Zoll als das Gardemaß.

Allerdings scheint bei den Radgrößen allmählich die Grenze des Wachstums erreicht zu sein. Denn erstens wird es langsam eng in den Radhäusern der Autos, und zweitens leidet der Fahrkomfort mit jedem Zoll, das der Felgendurchmesser wächst. Michael Lauer vom Verband Deutscher Automobil Tuner (VDAT) in Düsseldorf hält 22 Zoll für die praxistaugliche Obergrenze.

Obwohl: Der koreanische Hersteller Kumho zeigt in Essen einen SUV-Reifen der Größe 23 Zoll. "Bislang wird der nur in den USA angeboten", sagt Firmensprecherin Judith Jürgens. Möglicherweise finden aber einige Messebesucher Gefallen an dem ultra-hochrädrigen Geländewagen am Messestand. Dann muss eben wieder eine Tuning-Obergrenze verschoben werden.

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