Von Christoph Stockburger
Die Verkündung des großen Wurfs beginnt mit einem kleinlauten Eingeständnis: Bisherige Bemühungen, alternative Antriebstechnologien voranzubringen, schreibt die EU-Kommission in einem Strategiepapier, seien "unkoordiniert und unzureichend" gewesen. Aber das werde sich nun ändern - dafür soll das sogenannte Vorschlagspaket für saubere Energie für den Verkehr sorgen.
Diese Maßnahmen sind darin vorgesehen:
Einen "Teufelskreis" will die EU-Kommission damit sprengen, heißt es in dem Papier. Denn bisher wurden nicht genug Tankstellen mit alternativen Kraftstoffen gebaut, weil zu wenige Autos mit entsprechendem Antrieb fahren. Und von diesen sind so wenige unterwegs, weil die geringen Stückzahlen sie teuer machen - und es zu wenige Tankstellen gibt.
Das klingt zunächst nach großem Aufbruch. Ob der ehrgeizige Plan aufgeht, ist allerdings zweifelhaft. Denn sowohl bei der Umsetzung als auch bei der Durchschlagskraft des Vorhabens sind viele Fragen offen.
Wer soll das bezahlen?
"Für Elektroautos wird der Ausbau der Infrastruktur keinen Durchbruch bringen", sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Denn nicht die Zahl der Zapfstellen sei hier das zentrale Thema, sondern die Kosten der Fahrzeuge. Ohne preiswerte E-Mobile bleiben die Ladesäulen verwaist.
Die EU verlässt sich außerdem darauf, dass die teuren Investitionen - allein für den Ausbau der Stromtankstellen werden die Kosten auf acht Milliarden Euro geschätzt - von privaten Unternehmen getragen werden. Zuschüsse aus öffentlicher Hand hält EU-Verkehrskommissar Siim Kallas nicht für nötig. Brüssel will nur gesetzlichen Druck beisteuern: Die Behörden könnten zum Beispiel bei der Vergabe von Bauaufträgen verlangen, dass Parkhäuser oder Raststätten Elektrotankstellen oder ähnliche Anlagen enthalten.
Ein rentables Geschäftsmodell für solche Anlagen fehlt aber bislang. Autoexperte Bratzel glaubt, dass sich in absehbarer Zeit daran nichts ändert. "Elektroautos machen nur in Städten Sinn, also müssen die Ladestationen auch dort gebaut werden", sagt er. Aber gerade in Ballungszentren sei der Platz knapp und die Grundstückspreise hoch. "Wegen der Ladezeiten wären die Stationen außerdem von einer geringen Zahl von Autos viel zu lange belegt."
Kein Wort zu grünem Strom
Das gleiche Problem wie bei den rein elektrisch betriebenen Autos sieht Bratzel bei Fahrzeugen mit Brennstoffzelle. Viele Hersteller setzen zwar große Stücke auf diese Technologie, unter anderem, weil sie bessere Reichweiten als die Akku-Speicher verspricht - "aber auch hier haben die Hersteller die Produktionskosten noch nicht im Griff", sagt Bratzel. Über die Infrastruktur von Wasserstofftankstellen müsse man sich da noch gar keine Gedanken machen.
Das meiste Potential sieht der Wirtschaftswissenschaftler bei dem Plan der EU, das Netz von Erdgastankstellen auszubauen. Bereits jetzt gibt es laut dem Branchenverband erdgas mobil rund 900 solcher Anlagen in Deutschland. Trotzdem wird dieser Kraftstoff nach Ansicht von Bratzel immer noch unterschätzt. Dabei biete er gerade im Hinblick auf die Umweltbilanz eine sinnvolle Alternative: "Überschüssige Windenergie kann in Wasserstoff und schließlich in Methan umgewandelt werden", erklärt er.
Im Strategiepapier der EU ist darüber aber nichts zu lesen.
Es ist paradox: Die Kommission schmiedet einen großen Plan für mehr saubere Energie und verliert dann kaum ein Wort über Nachhaltigkeit. Denn es bleibt auch offen, wo der Strom für die vielen Elektroladestationen herkommen soll. Stammt er nicht aus regenerativen Quellen, bieten E-Mobile im Vergleich zu den herkömmlichen angetriebenen Autos keinen großen Vorteil bei der CO2-Emission.
Wer den Geldbeutel für ein Elektroauto strapaziert, möchte in der Regel aber auch die Gewissheit, die Ressourcen zu schonen. Letztlich bleiben die Bemühungen der EU damit so "unkoordiniert und unzureichend" wie zuvor.
Mit Material von dpa
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