EU-Initiative Vision Zero Weiter Weg zur Nullnummer

Das EU-Projekt heißt Vision Zero - und hat ein ehrgeiziges Ziel: Europa versucht, die Zahl der Verkehrstoten auf null zu reduzieren. Erste Etappe auf dem Weg zu diesem Fernziel sollte eine Halbierung binnen zehn Jahren sein. Das gelang nicht.

AFP

Von Tanja Rieckmann


Europa hat es nicht geschafft. Die Zielvorgabe des 3. Europäischen Aktionsprogramms für Straßenverkehrssicherheit lautete, zwischen 2001 und 2010 die Zahl der Unfalltoten im Straßenverkehr von 54.000 auf 27.000 zu halbieren. Statt der angestrebten Reduzierung der Verkehrstoten um 50 Prozent wurden lediglich 36 Prozent erreicht.

Deutschland schnitt im Vergleich etwas besser ab: Die tödlichen Unfälle im Straßenverkehr gingen während der vergangenen zehn Jahre um 40 Prozent zurück. Lebensgefährlich ist es auf den hiesigen Straßen aber noch immer. Im ersten Halbjahr 2010 starben 1675 Menschen im Straßenverkehr.

Die Europäische Kommission reagierte enttäuscht auf das Scheitern des Aktionsprogramms. Nun soll erneut der Versuch gestartet werden, die Zahl der Unfalltoten zu halbieren, und zwar bis zum Jahr 2020.

In einem Land Europas jedoch ist Sicherheit im Straßenverkehr praktisch Staatsdoktrin: In Schweden. 1997 wurde das Projekt "Vision Zero" vom schwedischen Reichstag als Grundlage der Verkehrssicherheitsarbeit beschlossen.

Das System soll Fehler des Einzelnen korrigieren

Als Urheber dieses Null-Tote-im-Straßenverkehr-Ansatzes gilt der Verkehrssicherheitsforscher Claes Tingvall. Sein simples Dogma: Der Straßenverkehr soll so organisiert sein, dass niemand schwer verletzt oder getötet wird. Die Verantwortung dafür liegt bei der öffentlichen Hand, der Einzelne kann nur die Regeln einhalten; tut er es nicht, weil der Mensch eben zu Fehlern neigt oder Regeln missachtet, müsse das System dieses Fehlverhalten auffangen.

Schweden scheint mit der Vision-Zero-Strategie auf einem guten Weg. Das Land liegt dabei in der europäischen Spitzengruppe, wenn man die Zahl Verkehrstoten je 100.000 Einwohner zugrunde legt. 2009 waren das laut einer Studie des International Transport Forums der OECD in Schweden 3,9 Verkehrstote; genauso wie in den Niederlanden. Besser schnitt nur Großbritannien mit 3,8 Toten ab. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 5,1 Verkehrstote je 100.000 Einwohner, in Griechenland, dem Schlusslicht, 13,8.

Große Anstrengungen, aber offiziell keine Vision Zero

Offiziell gilt hierzulande die Vision Zero nicht, es fehlt dazu an politischem Rückhalt. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) sieht jedoch die Verkehrssicherheitsarbeit als eine "herausragende gesamtgesellschaftliche Aufgabe", in der jeder Beteiligte Verantwortung übernehmen, Regeln befolgen und Rücksicht üben soll. Ministeriums-Sprecher Ingo Strate verweist auf die "seit vielen Jahren geleistete erfolgreiche Arbeit in Sachen Verkehrssicherheit" und nennt Zahlen, die das belegen sollen: 1970 wurden 21.300 Menschen im Straßenverkehr getötet, 2009 waren es 4152. Für das Jahr 2011 peilt Deutschland das Erreichen der europäischen 50-Prozent-Reduktions-Grenze an. Gearbeitet wird derzeit an einem neuen "Nationalen Verkehrssicherheitsprogramm" (VSP), das den "Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmer, die sichere Mobilität von Senioren sowie die weite Verbesserung der Landstraßensicherheit" vorsieht.

Trotz der Erfolge in Sachen Verkehrssicherheit in Deutschland gibt es Stimmen, die mehr Engagement fordern. Der ökologisch orientierte Verkehrsclub VCD hat bereits 2004 den Masterplan "Vision Zero null Verkehrstote" vorgestellt und kämpft für eine Umsetzung des Konzepts auf Bundesebene. Der Deutsche Verkehrsicherheitsrat (DVR) hat sich 2007 unter dem Motto "Keiner kommt um, alle kommen an" für "Vision Zero" ausgesprochen und wünscht sich mehr Engagement der Bundesregierung. "Wir brauchen ein klares Ja aus Berlin zur Vision Zero", fordert DRV-Präsident Dr. Walter Eichendorf.

Viele Einzelmaßnahmen für mehr Verkehrssicherheit

Für Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, ist "Vision Zero" weniger ein Ziel, als vielmehr eine Verhaltensanweisung. Zu den konkreten Maßnahmen, das Unfallrisiko zu senken, gehörten beispielsweise der Führerschein ab 17. Zudem müsse für mehr Sicherheit auf Landstraßen gesorgt werden, denn jeder dritte tödliche Unfall findet auf einer Landstraße statt. In Schweden wird diesem Umstand Rechnung getragen, indem vor allem Mittel- und Seitenleitplanken verstärkt zur Unfallprävention aufgestellt wurden.

Die deutschen Automobilhersteller übrigens verfolgen ihre eigene "Vision vom unfallfreien Fahren". Unter dieser Überschrift sollen neue Sicherheitssysteme entwickelt werden. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) jedoch steht einer Null-Verkehrstote-Zielsetzung eher skeptisch gegenüber. Alexander von Gersdorff vom VDA sagt, der Faktor Mensch bleibe im komplexen Regelkreis Fahrer-Fahrzeug-Straße unwägbar und setzte daher einer "Vision Zero" Grenzen.



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Regimekritiker 15.09.2010
1. Eine 'Vision Zero' für faule, dumme und bestechliche Politiker ...
Zitat von sysopVision Zero - unter diesem Titel versucht Europa, die Zahl der Verkehrstoten auf null zu reduzieren. Erster Etappe auf dem Weg zu diesem Fernziel sollte eine Halbierung der Zahl der Verkehrstoten binnen zehn Jahren sein. Das gelang nicht. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,717372,00.html
... wäre vielleicht auch mal ganz angemessen. Als erste Etappe schlage ich die Reduzierung des Bundestages um 50% vor - volkswirtschaftlich dürfte dies erheblich mehr Nutzen bringen, als die paar hundert Normalbürger zu retten, die normalerweise jährlich im Straßenverkehr sterben.
Peter E. Funck, 15.09.2010
2. Total überzogen
Zitat von sysopVision Zero - unter diesem Titel versucht Europa, die Zahl der Verkehrstoten auf null zu reduzieren. Erster Etappe auf dem Weg zu diesem Fernziel sollte eine Halbierung der Zahl der Verkehrstoten binnen zehn Jahren sein. Das gelang nicht. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,717372,00.html
Vielleicht haben die Straßen in Schweden weniger Verkehrsdichte. Vielleicht dies, vielleicht jenes. Immer wenn Menschen irgendetwas machen, kann es zu Toten kommen. Zero ist als Ziel überzogen und kann nur in die Hose gehen. Ich finde, wir sind auf einem ganz guten Weg. Wenn wir allerdings bessere Bahnen hätten, wären vielleicht weniger Leute auf der Straße.
denkpanzer 15.09.2010
3. Jeder Verkehrtote ist einer zuviel
Zitat von sysopVision Zero - unter diesem Titel versucht Europa, die Zahl der Verkehrstoten auf null zu reduzieren. Erster Etappe auf dem Weg zu diesem Fernziel sollte eine Halbierung der Zahl der Verkehrstoten binnen zehn Jahren sein. Das gelang nicht. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,717372,00.html
Es gelang nicht, aber eine Senkung von 36% ist auch schon was. Aber jeder kann auch heute schon selber beitragen: Vorrausschauendes Fahren, der Situation angepasstes Tempo und Abstand zum Vordermann und natürlich kein Handy am Ohr.
Sebb_81 15.09.2010
4. Einfach mal die Regeln einhalten!
Wir hätten schon deutlich weniger Tote, wenn sich einfach jeder an seine eigene Nase fassen und einfach die bestehenden Regeln einhalten würde. Also 100km/h auf Landstraßen, bei Geschwindigkleitsbegrenzungen diese Einhalten, im Überholverbot nicht überholen, durchgezogene Linien und Sperrflächen beachten, auch mal Rücksicht nehmen und auch mal die Ruhe haben, 30 Sekunden zu warten bis jemand eingeparkt hat statt über die Gegenfahrbahn drumrum zu fahren. Um nur einige beispiele zu nennen... Die bishereige Reduktion liegt doch nur an der massiv aufgerüsteten passiven Sicherheit durch verbesserte Konstruktion, ultra-hochfesten Materialien und besserer Airbagkonzepte. Würde man in diese Autos keine über 200PS Motoren mehr einbauen würde das schon was bringen. An die Vernunft der Fahrer glaube ich nicht mehr...
Daniel Tschernatsch, 16.09.2010
5. Die Autoindustrie lebt scheinbar von den Unfällen
Zitat von Sebb_81Wir hätten schon deutlich weniger Tote, wenn sich einfach jeder an seine eigene Nase fassen und einfach die bestehenden Regeln einhalten würde. Also 100km/h auf Landstraßen, bei Geschwindigkleitsbegrenzungen diese Einhalten, im Überholverbot nicht überholen, durchgezogene Linien und Sperrflächen beachten, auch mal Rücksicht nehmen und auch mal die Ruhe haben, 30 Sekunden zu warten bis jemand eingeparkt hat statt über die Gegenfahrbahn drumrum zu fahren. Um nur einige beispiele zu nennen... Die bishereige Reduktion liegt doch nur an der massiv aufgerüsteten passiven Sicherheit durch verbesserte Konstruktion, ultra-hochfesten Materialien und besserer Airbagkonzepte. Würde man in diese Autos keine über 200PS Motoren mehr einbauen würde das schon was bringen. An die Vernunft der Fahrer glaube ich nicht mehr...
Genau. Warum werden Abstandstempomaten nicht verpflichtend für jedes Auto nachgerüstet plus Alkotest im Zündschloss und weiter zum nächsten Thema. Einfach Schritt für Schritt die gefahrenquellen ausschalten. Dann noch Leitplanken vorne hinten rechts und links und gut.
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