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Streit über Kältemittel: EU pocht auf Antwort aus Deutschland

Probleme bei Mercedes: Bei Tests entzündet sich das Kältemittel R1234yf Zur Großansicht
Daimler

Probleme bei Mercedes: Bei Tests entzündet sich das Kältemittel R1234yf

Die EU will Klarheit im sogenannten Kältemittelstreit. Es geht um den Vorwurf, dass Mercedes ein verbotenes Kühlmittel benutzt und die Bundesregierung das entsprechende Gesetz gegen den Autobauer nicht durchsetzt. Jetzt hat der EU-Industriekommissar Deutschland eine Frist gesetzt.

Brüssel - Zehn Wochen gibt Antonio Tajani der Bundesregierung Zeit. Dann will der EU-Industriekommissar eine Antwort auf die Frage haben, ob Deutschland Sanktionen gegen Hersteller Mercedes einleitet. Dieser will nämlich weiterhin ein Kältemittel in die Klimaanlagen seiner Autos füllen, das eigentlich per EU-Gesetz verboten ist.

"Wenn Deutschland das Gesetz nicht respektiert, sind wir gezwungen, formal das Vertragsverletzungsverfahren einzuleiten", sagte Industriekommissar Antonio Tajani am Donnerstag in Brüssel - und wiederholte damit eine Drohung, die er bereits vor einigen Monaten ausgestoßen hatte.

Jetzt erhöht er aber den Druck: Nach Angaben aus Tajanis Umfeld hat der Kommissar am 10. Juni einen Brief mit einer Antwortfrist von zehn Wochen nach Berlin geschickt. "Wir haben die Prozedur damit in Gang gesetzt", sagte Tajani. Das Schreiben diene dem Dialog mit den deutschen Behörden.

Warten auf den entscheidenden Test

Hintergrund des Streits ist die Weigerung von Mercedes, für Klimaanlagen das Kältemittel R1234yf zu verwenden. Bei Crashtests hatte sich die Substanz entflammt. Mercedes kündigte daher an, weiter das Mittel R134a zu verwenden - das seit Anfang des Jahres von der EU verboten ist. Seit die Bundesregierung die Bedenken von Mercedes teilt, liegt Brüssel auch im Clinch mit der Regierung. Es sei nicht sinnvoll, ließ Verkehrsminister Peter Ramsauer EU-Kommissar Antonio Tajani wissen, "vor Ausräumung der Risiken die Automobilhersteller dazu zu zwingen, in neu typgenehmigten Fahrzeugen das Kältemittel R1234yf einzufüllen".

Die Kommission hat demgegenüber unter anderem geltend gemacht, dass sie gar nicht vorschreibe, dass ausgerechnet R1234yf eingesetzt werde, sondern nur, dass das alte Mittel verboten ist. "Wenn Mercedes sich nicht an diese Verpflichtung hält, werden seine neuen Modelle nicht zugelassen werden können. Die Kommission muss eine Verletzung des europäischen Gesetzes bestrafen", hieß es aus Tajanis Umfeld.

Wie gefährlich R1234yf tatsächlich ist, soll in den kommenden Wochen das Kraftfahrtbundesamt (KBA) in Crashtests mit verschiedenen Automodellen herausfinden. Sowohl Regierung als auch Autohersteller haben in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass sie die Ergebnisse dieser Untersuchung abwarten wollen, bevor sie über die weitere Verwendung von R1234yf entscheiden.

cst/AFP

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Kältemittel ist R134a
savys 13.06.2013
...man verwendet weiterhin das Kältemittel R134a ( Chlorfrei) nicht wie im Bericht geschrieben R123a
2.
Zorpheus 13.06.2013
Bürokraten ... Natürlich schreibt man nicht R1234f vor, es gibt aber noch nichts anderes, was erlaubt ist.
3. Mercedes hat recht
kenterziege 13.06.2013
Zitat von sysopDaimlerDie EU will Klarheit im sogenannten Kältemittelstreit. Es geht um den Vorwurf, dass Mercedes ein verbotenes Kühlmittel benutzt und die Bundesregierung das entsprechende Gesetz gegen den Autobauer nicht durchsetzt. Jetzt hat der EU-Industriekommissar Deutschland eine Frist gesetzt. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/eu-setzt-deutschland-antwortfrist-im-streit-um-kaeltemittel-r1234yf-a-905571.html
Das neue Kältemittel ist im Crash-Fall eine übelst ätzende Brandbombe! Niemals würde ich ein Auto mit so einem Cocktail kaufen. Die einzigen beiden oligopolistischen Hersteller sitzen in den USA. Gerade dort machen sie sich ja doch bei jeder Gefahr in die Hose. Und so eine Brandbombe wollen die haben? Also, was ist denn so ein Kommissar? Hart bleiben und CO2 als Kältemittel durchsetzen. Das hilft der Natur und dem Portemonnai!
4. Schnelles Handeln gefrgt
BettyB. 13.06.2013
Da sollte Frau Merkel doch maln Eckart Peter Hans von Klaeden dransetzen. Dann kommt bei Mercedes bestimmt Freude auf...
5.
Oberleerer 13.06.2013
Zitat von ZorpheusBürokraten ... Natürlich schreibt man nicht R1234f vor, es gibt aber noch nichts anderes, was erlaubt ist.
Ich weiß nicht, wie es mit CO2 aussieht. Das arbeitet dann zwar mit 70bar und bedingt teurere, stabilere Anlagen. Ein Nebeneffekt wäre dann wohl, dass die nicht jeden Frühsommer leer sind und wenn doch, dann mit einfachen Sprudler-Kartuschen befüllt werden können. Mercedes hat wohl mal Geld in die Forschung gesteckt, aber wenn man einen Preisnachteil ggü. der Konkurrenz hat, ist das natürlich nicht sinnvoll. Es sei denn, Mercedes gelingt es dieses Thema an die Öffentlichkeit zu bringen. Wer möchte schon beim Unfall mit säurebildenden Gasen abgefackelt werden?
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Chronik eines Kältemittels

Vorgeschichte: Seit 1991 in Deutschland ein FCKW-Verbot in Kraft trat, kam in Autoklimaanlagen die Fluor-Kohlen-Wasserstoff-Verbindung R134a zum Einsatz. Die Substanz ist ein extrem schädliches Treibhausgas mit einem "Global Warming Potential" (GWP) von 1430; diese Ziffer besagt, dass R134a rund 1400-mal klimaschädlicher ist als CO2, dessen GWP 1 beträgt.

EU-Regelung: Um den Klimaschutz voranzutreiben, erließ die EU 2006 eine Richtlinie mit dem Ziel, R134a aus dem Verkehr zu ziehen. Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mussten danach mit einem Kältemittel ausgestattet sein, dessen GWP-Wert 150 nicht übersteigt. Ab 2017 müssen alle Neuwagen mit einem solchen Kältemittel ausgestattet sein.

Reaktion der Industrie: In der Folge stritt die Autoindustrie jahrelang über eine geeignete Klimatechnik. Zeitweise galt CO2 als Kältemittel der Zukunft, doch schließich einigten sich alle Hersteller auf R1234yf, eine Substanz, die von den US-Chemieriesen Honywell und DuPont hergestellt wird.
Von Anfang an stand fest, dass das Tetrafluorpropen R1234yf entflammbar ist und in Verbindung mit Feuer oder sehr heißen Oberflächen Fluorwasserstoff freisetzt, der mit Feuchtigkeit zu stark ätzender, hochgiftiger Flusssäure reagiert. Entsprechende Warnungen entkräftete die Autoindustrie stets mit dem Argument, durch konstruktive Maßnahmen dieses Risiko praktisch ausschließen zu können.

Daimler-Rückzieher: Daimler befüllte als erster deutscher Hersteller seit Frühjahr 2012 Modelle des Sportwagens Mercedes SL mit dem neuen Kältemittel. Ende September jedoch gab der Konzern bekannt, R1234yf nicht mehr länger einsetzen zu wollen, weil sich bei weiteren internen Crashsimulationen das Kältemittel mehrfach entzündet hatte. Die Branche wurde davon kalt erwischt, es herrscht seit dem Ungewissheit darüber, wie mit dem umstrittenen Kältemittel umzugehen sei.

Gibt es Alternativen? Die in Frage kommenden Alternativen zum Einsatz von R1234yf wären Klimaanlagen auf CO2-Basis oder eine komplett kältemittelfreie Systeme, wie sie das Hamburger Unternehmen Thermodyna entwickelt. Beide möglichen Lösungen jedoch wären frühestens in zwei bis drei Jahren serienreif.


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