Kältemittelstreit: EU will Crashtests des KBA untersuchen

Brennende Mercedes B-Klasse nach Crashtest: EU will Ergebnisse untersuchen Zur Großansicht
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Brennende Mercedes B-Klasse nach Crashtest: EU will Ergebnisse untersuchen

Im Kältemittelstreit will Brüssel es jetzt genau wissen: Sämtliche Crashtests mit der Substanz R1234yf sollen zusätzlich von EU-Experten geprüft werden. Auch das Kraftfahrtbundesamt wurde zur Herausgabe seiner Untersuchungen aufgefordert. Bei der Behörde zeigt man Verständnis.

Brüssel/Paris - Die EU-Kommission schaut im Kältemittelstreit mit Mercedes ganz genau hin. Industriekommissar Antonio Tajani ließ bekannt geben, dass Brüssel unter anderem die Crashtests des deutschen Kraftfahrtbundesamts (KBA) zur Sicherheitsüberprüfung der umstrittenen Klimaanlagen-Kältemittels R1234yf unter die Lupe nehmen will. Gutachter des EU-Forschungsstelle werden die Testergebnisse untersuchten, sagte ein Sprecher Tajanis.

Das Expertengremium wird demnach auch die Untersuchungen des Ingenieursverbands SAE und die Crashtests mehrerer Autohersteller begutachten, um mehr Klarheit über Kältemittel zu bekommen. Die EU-Mitarbeiter könnten technische und wissenschaftliche Hilfe leisten, sofern über die Ergebnisse der Untersuchungen und die Crash-Versuche Uneinigkeit herrsche. "Die Tests des KBA werden dadurch aber nicht ersetzt", sagte der Kommissions-Sprecher.

Das KBA begrüßte das Vorhaben der EU. Wenn Fachleute weitere Tests für notwendig hielten, ist nichts dagegen einzuwenden, sagte ein Sprecher. Die Behörde hatte Anfang Juni damit begonnen, die von Mercedes im Spätsommer 2012 aufgeworfene Brandgefahr des Kältemittels R1234yf selbst zu untersuchen. Mittlerweile sind die Tests abgeschlossen: "Alles wurde wie geplant durchgeführt", sagte der Sprecher. Derzeit werden die Untersuchungen seinen Angaben zufolge ausgewertet. Die Ergebnisse sollen wie geplant im August bekannt gegeben werden.

Berichte der Nachrichtenagentur Reuters, wonach sich die Veröffentlichung bis Ende September verzögert, dementierte der KBA-Sprecher. Die Erkenntnisse der Untersuchungen werden seinen Angaben zufolge "zu gegebener Zeit" an das Bundesverkehrsministerium und die EU-Kommission weitergeleitet.

Neuer Gerichtstermin in Frankreich

Das für Fahrzeugzulassungen und deren Sicherheit zuständige KBA unterzog vier Pkw der Marken Mercedes-Benz, Opel, Hyundai und Subaru Crashtests und simulierte Leckagen an der Klimaanlage. Mercedes behauptet, das neue Kältemittel könne sich im heißen Motorraum entzünden und ätzende Säure freisetzen und hatte es deswegen entgegen der EU-Vorschriften aus einigen Mercedes-Neuwagen verbannt. Damit provozierte der Hersteller ein Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission gegen Deutschland. In dem schon Monate tobenden Streit hat die Bundesregierung noch Zeit bis Mitte August, ein Verfahren abzuwenden. Die Crashtests des KBA sollen dafür Material liefern.

Der Weltverband der Automobilingenieure (SAE), dessen Untersuchungen ebenfalls von der Eu begutachtet werden sollen, schätzt die Brandgefahr des neuen Kältemittels als gering ein. In dem Ingenieurverband sind die meisten Autobauer - von GM über Renault bis Toyota - organisiert. Die deutschen Hersteller Mercedes, BMW und Audi lassen ihre Mitgliedschaft in dem Arbeitskreis wegen des Streits um das Kältemittel seit Monaten ruhen.

Mercedes ist wegen des Kältemittels auch mit der französischen Regierung in Streut geraten. Frankreich weigert sich seit Anfang Juli, die Kompaktmodelle der A-, B-, SL- und CLA-Klasse zuzulassen, die vom Kraftfahrtbundesamt mit dem alten Kältemittel R134a zertifiziert worden waren. Aus Brüssel hatte Paris dafür Rückendeckung bekommen. Aus Sicht von Mercedes und der deutschen Behörde haben die Typgenehmigungen europaweit Gültigkeit.

Am 23. August wird nun das oberste Verwaltungsgericht über den Antrag des Autobauers auf eine Einstweilige Verfügung verhandeln, hieß es am Dienstag beim Conseil d'Etat in Paris. Ein Gericht in Versailles hatte zuvor den Zulassungsstopp wegen eines Verfahrensfehlers ausgesetzt. Das Ministerium in Paris kündigte daraufhin sofort eine regelgerechte Umsetzung der Klausel an. Nach ihr kann ein EU-Staat die Zulassung von Fahrzeugen bei Risiken für Sicherheit oder Umwelt für bis zu sechs Monate untersagen.

cst/Reuters/dpa

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insgesamt 28 Beiträge
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1.
sennahoj 06.08.2013
Zitat von sysopDaimlerIm Kältemittelstreit will Brüssel es jetzt genau wissen: Sämtliche Crashtests mit der Substanz R1234yf sollen zusätzlich von EU-Experten geprüft werden. Auch das Kraftfahrbundesamt wurde zur Herausgabe seiner Untersuchungen aufgefordert. Bei der Behörde zeigt man Verständnis. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/eu-will-im-kaeltemittelstreit-crashtests-des-kba-untersuchen-a-915139.html
Kann die Benzjungs verstehen. Ich würd' die Gefahr der Entstehung von Flusssäure auch vermeiden wie der Teufel das Weihwasser. Ein Sch...-zeug! Weshalb die anderen Hersteller da nich mitgehn, is mir schleierhaft.
2. Brandgefahr gering
reutter 06.08.2013
Eine "geringe Brandgefahr" wie von SAE ist im Zusammenhang mit Flusssäure immer noch ein wenig zu viel Gefahr. Derjenige, der das große Los eines Brandes zieht, wird wenig davon haben, dass die Gefahr als "gering" eingeschätzt wurde.
3. Die haben meines Wissens
Dan13 06.08.2013
nur einen anderen Weg gewählt und benutzen noch genauso das alte Zeug.
4. Mercedes macht es richtig
Jeff 06.08.2013
Wenn es um die Vermeidung möglicher Risiken geht, handelt Mercedes absolut richtig. Ich als Kunde möchte diesem Risiko nicht ausgesetzt werden. Ein bisschen mehr Rückendeckung stünde den anderen Herstellern gut zu Gesicht stehen.
5.
z_beeblebrox 06.08.2013
Zitat von sennahojKann die Benzjungs verstehen. Ich würd' die Gefahr der Entstehung von Flusssäure auch vermeiden wie der Teufel das Weihwasser. Ein Sch...-zeug! Weshalb die anderen Hersteller da nich mitgehn, is mir schleierhaft.
Deswegen: "Sei nicht feige, lass mich hinterm Baum" Weitere Infos hier: http://forum.spiegel.de/f22/kaeltemittelstreit-kaeltemittelhersteller-beschuldigt-daimler-88533-2.html#post12560358
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Chronik eines Kältemittels

Vorgeschichte: Seit 1991 in Deutschland ein FCKW-Verbot in Kraft trat, kam in Autoklimaanlagen die Fluor-Kohlen-Wasserstoff-Verbindung R134a zum Einsatz. Die Substanz ist ein extrem schädliches Treibhausgas mit einem "Global Warming Potential" (GWP) von 1430; diese Ziffer besagt, dass R134a rund 1400-mal klimaschädlicher ist als CO2, dessen GWP 1 beträgt.

EU-Regelung: Um den Klimaschutz voranzutreiben, erließ die EU 2006 eine Richtlinie mit dem Ziel, R134a aus dem Verkehr zu ziehen. Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mussten danach mit einem Kältemittel ausgestattet sein, dessen GWP-Wert 150 nicht übersteigt. Ab 2017 müssen alle Neuwagen mit einem solchen Kältemittel ausgestattet sein.

Reaktion der Industrie: In der Folge stritt die Autoindustrie jahrelang über eine geeignete Klimatechnik. Zeitweise galt CO2 als Kältemittel der Zukunft, doch schließich einigten sich alle Hersteller auf R1234yf, eine Substanz, die von den US-Chemieriesen Honywell und DuPont hergestellt wird.
Von Anfang an stand fest, dass das Tetrafluorpropen R1234yf entflammbar ist und in Verbindung mit Feuer oder sehr heißen Oberflächen Fluorwasserstoff freisetzt, der mit Feuchtigkeit zu stark ätzender, hochgiftiger Flusssäure reagiert. Entsprechende Warnungen entkräftete die Autoindustrie stets mit dem Argument, durch konstruktive Maßnahmen dieses Risiko praktisch ausschließen zu können.

Daimler-Rückzieher: Daimler befüllte als erster deutscher Hersteller seit Frühjahr 2012 Modelle des Sportwagens Mercedes SL mit dem neuen Kältemittel. Ende September jedoch gab der Konzern bekannt, R1234yf nicht mehr länger einsetzen zu wollen, weil sich bei weiteren internen Crashsimulationen das Kältemittel mehrfach entzündet hatte. Die Branche wurde davon kalt erwischt, es herrscht seit dem Ungewissheit darüber, wie mit dem umstrittenen Kältemittel umzugehen sei.

Gibt es Alternativen? Die in Frage kommenden Alternativen zum Einsatz von R1234yf wären Klimaanlagen auf CO2-Basis oder eine komplett kältemittelfreie Systeme, wie sie das Hamburger Unternehmen Thermodyna entwickelt. Beide möglichen Lösungen jedoch wären frühestens in zwei bis drei Jahren serienreif.


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