Allrad-Lkw für die Weltreise Diese Wohnung wühlt sich durch

Wer auf Weltreise gehen will, sollte vorher nach Köln fahren, da gibt's die richtigen Fahrzeuge für den Trip: Wohnmobile auf Allrad-Lkw-Basis, die überall durchkommen - und mit denen man wochenlang autark sein kann.

Fabian Hoberg

Von Fabian Hoberg


"Reinsetzen und losfahren" - diese in Gebrauchtwagenanzeigen oft benutzte Zustandsbeschreibung hat in der Welt von Stephan Schmidt eine ganz besondere Bedeutung. In die Fahrzeuge, die er baut, kann man sich auch bedenkenlos reinsetzen und losfahren. Und zwar bis ans Ende der Welt.

Schmidt hat sich auf die Fertigung von sogenannten Expeditionsfahrzeugen spezialisiert. Seine Kunden sind aber weniger Wissenschaftler, die neue Arten oder Gebiete erforschen , sondern Menschen, die einfach die Welt erkunden wollen. Für sie bedeutet wahrer Luxus, überall hinzukommen, egal wie fernab der Zivilisation das Ziel ist, egal welches Schlammloch oder umgestürzte Baum im Weg liegt. Hauptsache, das eigene, saubere Bett und die eigene Dusche sind mit an Bord.

Mit seiner Firma Orangework baut er Autos, mit denen Abenteurer mehrere Monate autark unterwegs sein können - weltweit. Die maßgeschneiderten und von Hand gefertigten Mobile konstruiert Schmidt so robust, dass selten Teile kaputtgehen. Und wenn doch, dann lassen sie sich oft mit Hammer, Schraubenschlüssel und -dreher reparieren. "Auch nach Tausenden von Schotterpisten-Kilometern muss am Fahrzeug alles bombenfest halten", sagt er. Normale Wohnmobile würden auf diesen Strecken nach wenigen Stunden auseinanderfallen.

Drei Wochen ohne Kontakt zur Außenwelt? Kein Problem.

Auf dem Hof seiner Firma in Köln-Rath stehen die unverwüstlichen Grundgerüste für seine Umbauten fein säuberlich aufgereiht: grobschlächtige Lkw mit Typenbezeichnungen, die normale Autofahrer noch nie gehört haben. Schmidt verwendet als Basis Fahrzeuge wie MAN TGM 13.290 und TGM 18.340, MAN LE 220C, MAN KAT 1A1, Unimog 1300L, Mercedes 914. Sie alle eint der zuschaltbare Allradantrieb und die große Bodenfreiheit. Metertiefes Wasser und steile Steigungen stellen für die Fahrzeuge kein Problem dar. Auch über Baumstämme und durch tiefe Schlaglöcher fahren die Wohnmobile von Orangework, ohne Schaden zu nehmen.

Dabei handelt es sich meist um Gebrauchtfahrzeuge; vor allem ältere Lastwagen, mit der Euro-5-Schadstoffnorm oder niedriger, sind beliebt: Sie verzichten auf hochgezüchtete Hightech-Motoren mit Abgasrückführung und den Zusatzstoff Adblue und kommen auch mit schlechter Kraftstoffqualität in fernen Ländern gut zurecht. Außerdem haben sie weniger Elektronik an Bord, die abseits der Zivilisation eh keine Werkstatt reparieren könnte. Nach der alten Expeditionsfahrer-Regel: "Was nicht vorhanden ist, kann auch nicht kaputtgehen."

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Expeditionsfahrzeuge von Orangework: Wühlhaus

Der Clou jedoch befindet sich auf dem Rücken der geduldigen Lastentiere: Im Bauch zum Beispiel des MAN TGM 18.340 sitzen ein 640-Liter-Frischwassertank, ein 30-Liter-Warmwasserboiler und ein 150-Liter-Abwassertank. Damit der 340 PS starke Dieselmotor möglichst lange läuft, sind zwei je 800 Liter große Kraftstofftanks montiert. Für ausreichend Strom sorgen drei separate Batterien und Solar-Module auf dem Dach mit 1,2 kW Leistung. Zur Not lässt sich mitten im Busch Strom per wassergekühlten 3-Zylinder-Dieselgenerator produzieren. Damit sind die Besitzer je nach Wasserverbrauch bis zu drei Wochen lang autark.

Dass Schmidt heute so extreme Fahrzeuge für Kunden konzipiert, ist einer langen Verkettung von Zufällen zu verdanken. Angefangen hatte alles mit einem fast normalen Wohnmobil. Fast normal deshalb, weil Schmidt sich schon bei seinem Erstkontakt mit der Materie nicht mit einer Lösung von der Stange zufriedengab - er wollte es selber bauen. Und das natürlich nicht auf einer der gängigen Plattformen wie VW-Bus oder Mercedes-Benz.

Üppig ausgestattete Wohnkabine auf dem Rücken eines Mercedes-Trucks
Orangework

Üppig ausgestattete Wohnkabine auf dem Rücken eines Mercedes-Trucks

Kaum 18 geworden, kaufte sich Schmidt einen Hanomag AL28, Baujahr 1965. Der kantige und hochbeinige Laster kam als genügsames Nutzfahrzeug vor allem bei Bundesgrenzschutz, der Polizei und dem THW zum Einsatz. Schmidt baute den Allrad-Lkw aus, schreinerte Schränke, Betten und Regale und passte sie in die Kabine ein. "Den Hanomag fand ich sehr schön, ich wusste nur nicht, dass der so unglaublich langsam ist", sagt Schmidt. Der AL 28 hat eine Höchstgeschwindigkeit von 72 Km/h.

Nach der Schule zog Schmidt aus dem Sauerland nach Köln und trat als 19-Jähriger eine Zivi-Stelle an. Dort arbeitete er mit ehemaligen Häftlingen in einer Schreinerei und entdeckte seine Faszination für Holz. Die Liebe zu Lkw und die Liebe zu Holz sollten fortan sein Leben bestimmen.

Leben auf 8,7 Quadratmetern

Schmidt verkaufte den AL28 und legte sich einen stärkeren Magirus zu, ein 125 Merkur Feuerwehrauto von 1964. Zu diesem Wagen entwickelte er eine innigere Beziehung als zuvor zum Hanomag. Wieder baute er sich sein Domizil auf dem Rücken des Lasters selber, natürlich aus Holz. Doch diesmal reiste er damit intensiv, quer durch Europa und nach Marokko. Doch nicht nur das: Die alte Feuerwehr blieb auch in Köln sein Zuhause. Sieben Jahre lebte er in dem 8,7 Quadratmeter großen Lkw in Köln-Mühlheim, direkt neben seiner Arbeitsstätte, einer Schreinerei.

Ab 1998 arbeitete Schmidt als selbstständiger Schreiner, baute Ladenlokale und Messestände auf- und um. Zu den Baustellen fuhr er mit seinem Allrad-Magirus und wohnte darin für die Dauer des Auftrags. 2004 kam es dann zur schicksalhaften Begegnung, die seine beiden Leidenschaften endgültig vereinen sollte. Ein Kunde eines Zulieferers fragte Schmidt, ob der nicht seinen Transporter zum Camper umbauen könne. Schmidt willigte ein. Das Ergebnis überzeugte ihn und den Kunden so sehr, dass Schmidt sich dazu entschloss, daraus ein Geschäftsmodell zu machen: Orangework, benannt nach seiner Lieblingsfarbe, Anlaufstelle für extreme Wohnmobile.

In seiner Fertigungshalle in Köln-Rath stehen große CNC-Fräsen für Holz und GfK, dazu Schleifmaschinen und Drehbänke im Industrie-Standard. Schmidt setzt bei seinen Aufbauten wie viele andere Anbieter auch auf GfK-Platten in Sandwich-Bauweise. Die werden in Holland hergestellt, in Köln bearbeitet, geschnitten und zu einer Hochfesten Wohneinheit mit einem speziellen Zwei-Komponenten-Material zusammengeklebt. Die fertige Kabine wird in der Wunschfarbe lackiert, meist mit einem robusten Strukturlack. Anschließend folgt der Innenausbau mit Elektrik, Heizung und Sanitäranlangen.

Manche seiner Kunden verkaufen ihr Haus für ein Auto von ihm

Dabei bleibt sich Schmidt natürlich treu: Holz spielt in seinem Leben weiterhin eine große Rolle, aber bitte passgenau geschnitten. "Die Holzmöbel müssen exakt sitzen. Dann können wir auf Silikon als Fugendichtmittel verzichten. Der Vorteil: Dann hält der Innenausbau auch nach jahrelanger Fahrt über übelste Pisten", sagt Schmidt. Holz hat gegenüber anderen Werkstoffen einen enormen Vorteil: "Mit Holz wird der Wohnraum eher ein Wohlfühlraum, der nicht technisch-kalt wirkt, sondern harmonisch-warm", sagt Schmidt. Eine Philosophie, die offensichtlich ankommt: Die Zahl der Aufträge nimmt konstant zu, die Halle in Köln-Rath ist inzwischen schon wieder zu klein.

Derzeit müssen Interessenten etwa mit anderthalb Jahren für den Umbau rechnen - von der ersten Planung bis zum fertigen Fahrzeug. "Die meisten Kunden kommen mit genauen Vorstellungen zu uns, wir beraten und entwickeln die dann mit ihnen weiter", sagt er. Acht Mitarbeiter, darunter Schreiner, Schlosser und Elektriker, arbeiten in Köln-Rath parallel an drei großen Fahrzeugen und drei kleineren. Mindestens 220.000 Euro kosten die Expeditionsfahrzeuge für die nächste Weltreise - Doppelbett, Dusche, Fußbodenheizung, Waschmaschine, Spülmaschine und eine große Küche inklusive. Komfort wie in ihrem alten Zuhause - auch wenn die meisten Kunden dem eigentlich entfliehen wollen.

Der Kauf eines solchen Fahrzeugs geht bei vielen seiner Käufer mit einem neuen Lebensabschnitt einher. Sie sparen darauf Jahre, manche verkaufen sogar ihr Haus für ihren Traum: ein Expeditionsfahrzeug von Orangework.

Schmidt selber träumt einen ähnlichen Traum: Monatelang unterwegs zu sein, raus aus der Zivilisation, das Gefühl von Freiheit zu leben. "Von Alaska nach Feuerland, das würde mir gefallen", sagt er. "Doch mit vier Kindern, von denen drei noch klein sind, wird das erstmal nichts", sagt er. Vielleicht muss auch er damit warten, bis die Kinder aus dem Haus sind, ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Immerhin könnte er sich sein Traumauto zum Reinsetzen und Losfahren dann selber bauen. So wie einst mit dem Hanomag, dem Lkw, mit dem alles anfing.



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Seite 1
ovi100 01.07.2017
1. Frage..welches Fleckchen der
Erde ist noch nicht kaputt ? Die Fahrzeuge sind zwar toll aber die Umweltzerstoerung hat ein solches Ausmass angenommen, dass man solche Firmen nicht unbedingt gut heissen soll.
Papazaca 01.07.2017
2. Allrad-LKW's und die wahre Welt
Der Bericht ist beeindruckend: Sehr viele Infos und gut recherchiert. Nur eines stimmt nicht: Die Welt heute ist eine andere und sehr gefährlich. Ich bin 3 Jahre mit Rucksack durch Afrika gereist, durch 24 Länder von Niger bis zum Kongo. In vielen Ländern wird den Besitzern dieser schöne LKW ganz schnell abgenommen (Banditen, Rebellen, Terroristen, Zoll, Polizei, Soldaten, Kriminelle). Das war es dann. Und die Straßen sind zum Teil so schlimm, da geht NIX mehr. Auch nicht mit diesen perfekten Alleskönnern. Es gibt sicher viele faszinierenden Gegenden in der Welt wie Patagonien oder Neuseeland, wo diese LKW's einsetzbar sind. Aber Weltreise? Je weniger man hat, um so besser. Diese Idee, mit einem perfekten Wagen die Welt kennenzulernen stimmt nur sehr bedingt. Unsere Welt heute ist zum Teil saugefährlich. Und für Norwegen, Schottland, die USA, Kanada oder Chile braucht man diese perfekte Welt auf Rädern nicht. Meine Empfehlung: Erstmal eine längere Reise mit minimalem Gepäck machen, dann die Erfahrungen sacken lassen und über alles nachdenken. Was zählt ist nicht der Aufwand sondern die Reise. Und da ist oft weniger mehr, auch wenn dieser Bericht fasziniert und begeistert. Er ist aber nur eine Trockenübung, die Realität ist sehr ernüchternd.
thomas.d. 01.07.2017
3.
Für mich als Berufskraftfahrer das reinste Grauen weiterhin die Landschaft vorbeiziehen zu sehen. Das bereitet nach vielen Jahren körperliche Schmerzen. Ich möchte z.B. stundenlang mit einer guten Zeitung und einem Cappuccino in/vor einem Café sitzen und den Irrsinn und die Hektik anderer betrachten. Zeitung umsonst, Cappuccino 2.70 Euro. Schöne Fahrzeuge und Top Ausbau. Ehr was für den vermögenden Manager. Darf ich bitte zuschauen wie der den Reifen wechselt im Busch so ganz ohne DKV Karte und Reifenservice:-)
jujo 01.07.2017
4. ...
Zitat von ovi100Erde ist noch nicht kaputt ? Die Fahrzeuge sind zwar toll aber die Umweltzerstoerung hat ein solches Ausmass angenommen, dass man solche Firmen nicht unbedingt gut heissen soll.
Die entscheidende Frage ist wie man die abseitigen Routen und Gegenden verläßt, so wie wie man sie vorgefunden hat, unvermüllt, nicht mal eine Kippe am Boden z.B. Dann ginge das. Für mich nachhaltig beeindruckend war meine erste Reise nach Schweden 1976, wir sind mit 3 Segelbooten durch den südlichen Stockholmer Schärengarten gefahren, mit 9 Leuten, Picknick, grillen auf unbewohnten, kleinen Inseln, keinerlei Müll. Die Plätze wurden so verlassen wie sie vorgefunden wurden, wie gesagt, nicht mal eine Kippe oder Streichholz blieb liegen. Leider ist es heute nicht mehr so, das liegt nicht nur an den Touristen.
spon-1273248631027 01.07.2017
5. Werbung für eine Firma
Interessanter Artikel über eine spannende Branche. Leider machen sie mit diesem Artikel aber explizit Werbung für eine bestimmte Firma. Es gibt noch andere sehr gute Expeditionsfahrzeug-Hersteller bspw. Bocklet Fahrzeugbau u.a., deren Namen oder bloße Existenz hier gar nicht erwähnt werden. Sehr schade und eines Qualitätsjournalismus a la Spiegel nicht würdig.
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