Experten zum Autojahr 2007 Vollgas mit angezogener Handbremse

Der Start könnte holprig werden; die höhere Mehrwertsteuer wird Privatkunden wohl erst einmal bremsen. Doch die Industrie gibt Vollgas, und so erwarten die Experten fürs Gesamtjahr sogar ein kleines Wachstum des Automarktes.


"2007 wird ein spannendes Jahr für den deutschen Automobilmarkt." Natürlich ist jedes Jahr wichtig, wenn es um eine der Schlüsselindustrien im Lande geht. Doch der Satz von Henner Lehne vom Prognose-Spezialisten CSM Worldwide in Bad Homburg ist dennoch kein Allgemeinplatz. Lehnes Begründung: "Im nächsten Jahr wird sich zeigen, ob der positive wirtschaftliche Trend in Deutschland beibehalten werden kann und ob die Konsumfreude der privaten Verbraucher anhält."

Zwar erwarten alle Analysten einen Start mit angezogener Handbremse, weil die Mehrwertsteuererhöhung die Kauflust der Privatkundschaft hemmen wird. "Doch wird der Markt schwächer durchhängen als erwartet, weil noch viele Aufträge ins neue Jahr überhängen werden", prognostiziert Autospezialist Christoph Stürmer von Marktbeobachter Global Insight.

Außerdem hätten die Käufer "den Steuerschock spätestens im Sommer überwunden und die 19 Prozent antizipiert", erwartet Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer aus Gelsenkirchen. Zusammen mit der Flut an Pkw-Neuheiten führt das nach Einschätzung der Experten zu einem weiteren Wachstum. "Wir rechnen für 2007 noch einmal mit einer kleinen Steigerung", sagt CSM-Analyst Lehne und stellt bei einem Gesamtmarkt von 3,66 Millionen Fahrzeugen bis 3,5 Tonnen ein Plus von 1,37 Prozent in Aussicht.

Die Auswahl wird unübersichtlicher, die Preispolitik auch

Allerdings wird es für die Autokäufer im nächsten Jahr nicht eben leichter – und zwar nicht nur, weil mehr als 100 Premieren die Wahl zur Qual machen. Sondern auch, weil der Preisdschungel nach Einschätzung der Experten immer undurchdringlicher wird. So rechnet Lehne vor allem im ersten Halbjahr mit zahlreichen Rabattaktionen, um das Absatzvolumen trotz der höheren Mehrwertsteuer konstant zu halten. Marktbeobachter Nick Margetts von Jato Dynamics sieht das ähnlich: "Rabatte sind für die Hersteller das Unheil aus der Büchse der Pandora. Einmal geöffnet, bekommt die Industrie jetzt den Deckel nicht mehr auf die Dose."

Der Reiz der "saubilligen" Angebote hat nach Margetts aber einen Haken. "Bei finanziellen Anreizen wird der Markt immer belebter, aber für die meisten Käufer auch immer undurchsichtiger." Das gelte auch für die Preislisten selbst: "Mit der neuen Mehrwertsteuer müssen überall neue Prospekte gedruckt werden. Das tun die Hersteller wegen des großen Aufwandes nur sehr ungern." Deshalb befürchtet er, dass "dann in vielen Fällen ganze Arbeit geleistet" werde. Und das soll wohl heißen: noch mehr aufpreispflichtige Ausstattungsdetails.

Das Interesse an Billigautos nimmt zu

Zugleich konstatiert Margetts ein wachsendes Interesse an Billigautos und verweist auf den Brilliance BS6, der als erstes China-Auto Europa erobern will. "Von einem Überrollen des Marktes kann jedoch noch keine Rede sein", bremst Lehne die Euphorie der Chinesen. Der Druck werde sich zwar in den nächsten Jahren kontinuierlich erhöhen. "Doch noch sind Fragen wie ein funktionierendes Vertriebsnetz, die Garantiehaftung und die Crashsicherheit offen und lassen sich auch nicht von heute auf morgen lösen."

In welche Segmente die zahlreich angekündigten neuen Automodelle vordringen werden, ist unter den Experten umstritten. So geht CSM-Fachmann Lehne davon aus, dass es zwar nach wie vor Hersteller geben wird, die Nischen besetzen. "Aber der allgemeine Run hat wohl ein Ende. Neue Segmente wie Geländecabrios oder Mini-SUV wird es kaum geben", so der Experte. Margetts dagegen rechnet mit einem Heer weiterer, kleiner und softer Geländewagen, weil viele Hersteller jetzt endlich nachholen, was im Produktprogramm bislang vernachlässigt wurde.

Auch Global-Insight-Analyst Stürmer denkt in diese Richtung. "Vor allem in der Mittelklasse werden die Karten neu gemischt - C-Klasse und Audi A4 werden mit GLK und Q5 erstmals um SUV-Versionen ergänzt", sagt der Experte und verweist auf ein erfolgreiches Vorbild. "Bei BMW hat das mit dem 3er und dem X3 prima funktioniert."

Vorstoß in neue Nischen - mit bisweilen schrägen Modellen

Auch Dudenhöffer rechnet - dem Baukastenprinzip und der Plattformstrategie sei Dank - mit neuen Vorstößen in neue Segmente, was allerdings nicht immer zielführend sei: "Denn es gibt immer weniger freie Nischen. Und wenn man sich die neuen Geländetransporter oder Offroad-Coupés anschaut, werden die Ergebnisse immer überraschender."

Ach ja: Bunter wird die Autolandschaft auch im wörtlichen Sinne – glaubt zumindest Nick Margetts. "Aus der WM hat Deutschland gelernt, dass bunt nicht gleich billig sein muss, sondern auch farbenfroh bedeuten kann", sagt er im Rückblick auf das Sommermärchen 2006 und hofft, "dass damit die schrecklichen silber-grau-schwarzen Zeiten endlich vorbei sind".



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