Extrembiker Joe Dakar: Der ewige Reiter

Von Tom Grünweg

Auf ein Bier ans Ende der Welt? Warum nicht, dachte sich Jochen Stather und bretterte er mit seinem Motorrad nach Wladiwostok, 13.000 Kilometer Richtung Osten. Extremtrips ließen den Ex-Koch nicht mehr los, als Joe Dakar fährt er seitdem um die Welt.

Es begann mit der unverfänglichen Einladung einer Bekannten: Man plane eine kleine Sternfahrt zu einem Bikertreffen. Ob er denn nicht auf ein Bier vorbei kommen wolle. Und weil Jochen Stather ein geselliger Mensch ist, ließ er sich nicht lange bitten. "Klar, da fahr ich hin", dachte der Mittdreißiger vom Niederrhein und ließ sich auch durch die Ortsangabe nicht irritieren: Nicht in Wuppertal oder Wattenscheid, sondern in Wladiwostok lag das Bier im Kühlschrank.

Bis dahin hatte der gelernte Koch noch nie eine richtige Motorradreise gemacht. Stather fragte ein paar Kumpel, ob sie mitkommen wollten. Dann kaufte er einen neuen Schlafsack, zählte die Heringe seines Zeltes, füllte den Tank seiner BMW und rollte vier Wochen später auf der Autobahn gen Osten.

"Was wir auf dieser Reise alles erlebt haben, hat mit den gängigen Klischees von Russland nur wenig zu tun", sagt Stather. Die Straßen seien zwar mit Schlaglöchern übersät gewesen, in denen ein Kleinwagen mühelos verschwunden wäre. Andererseits, so Stather, war der Weg ebenso lückenlos wie gut ausgeschildert. Außerdem gab es genügend Tankstellen, und auch an die zahlreichen Polizeikontrollen habe sich die Reisegruppe schnell gewöhnt. "Denn wenn wir kontrolliert wurden, dann immer nur aus Neugier", sagt Stather.

Aus zunächst streng dreinblickenden Beamten wurden nach einer gemeinsamen Zigarette oft lebhafte Gesprächspartner. Längst ging es dann nicht mehr um Tempolimit, Dokumente oder Vorfahrtsregeln, sondern um Motor und Maschine, erinnert sich der Extrembiker.

Erdbeeren über mehrere hundert Kilometer

Nur mit der Verpflegung war es nicht so ganz einfach, sagt der ehemalige Restaurant- und Eventmanager mit einem Lachen im Gesicht. Zwar habe es alle paar Minuten einen Stand am Straßenrand gegeben. "Aber erst verkaufen sie ein paar hundert Kilometer lang Erdbeeren, dann Kartoffeln, Honig, Säfte, Würste oder Wäscheklammern. Aber eines haben sie noch nicht begriffen - die Mischung macht's", sagt Stather, der in seinem früheren Leben unter anderem beim Erlebnisgastronomen Pomp Duck & Circumstance sowie dem Cirque de Soleil gearbeitet hat.

"Besonders spannend war die allabendliche Suche nach einer Unterkunft", erzählt Stather. Nicht dass die Biker keinen Platz für ihre Zelte gefunden hätten. Doch nicht nur einmal lösten sie ziemlich ungewöhnliche Reaktionen aus. "Da klingelt man irgendwo und fragt, ob man auf der Wiese nebenan nächtigen darf. Und plötzlich bittet einen der alte Herr ins Haus, die Dame bezieht das Ehebett frisch und die beiden kuscheln sich aufs Sofa, während wir nach einem üppigen Abendessen ins Schlafzimmer geschickt werden."

Auf der Suche nach dem wirklichen Abenteuer

Natürlich gab es auf der Tour immer mal wieder einen Bruch. Alle paar Tage nahm sich das Team eine Auszeit, um "die Wunden zu lecken und die Mopeds zu streicheln". Aber als die vier Biker nach sechs Wochen und mehr als 13.000 Kilometern tatsächlich in Wladiwostok ankamen, war das Fazit fast ein bisschen ernüchternd. "Das letzte Abenteuer, auf das wir uns gefreut hatten, ist eigentlich keines mehr. Mit ein bisschen Fahrtechnik und den entsprechenden Motorrädern war das locker zu schaffen", sagt Stather. "Wir waren nie an einer Stelle, wo es für uns nicht weiterging - eigentlich schade, wir hatten es wilder erhofft."

Trotzdem haben die langen Motorradtouren Stather seitdem nicht mehr losgelassen. Inzwischen nennt er sich in Erinnerung an sein erstes Motorrad Joe Dakar, und macht immer wieder extreme Touren. Am liebsten durch den Osten: Zwischenzeitlich ist Stather schon fast ein Dutzend Mal durchs Altai-Gebirge gekreuzt und hat Sibirien erkundet.

Auch die anderen Himmelsrichtungen sind ihm nicht gleich – nur extrem muss es zugehen. Mal eben im Winter nach Syrien, in acht Tagen von Sinzig ans Nordkap und von dort noch schnell weiter nach Gibraltar. Oder im Januar zur Fjordrallye nach Schweden: Kaum ist die Idee geboren, setzt Stather schon den Helm auf.

Im Mondschein über die Straße des Todes

Den ersten Ost-Ritt noch einmal zu machen, nur diesmal um 20 Kilometer seitlich versetzt auf Landstraßen statt auf der Hauptstraße, damit geht er schon länger schwanger. Bei der Gelegenheit möchte Stather noch einen Abstecher zur Kolyma-Trasse machen, der so genannten Straße des Todes im Osten Sibiriens. Sie verdankt ihren Namen Zehntausenden Zwangsarbeitern, die hier auf Stalins Geheiß in Eiseskälte und unter schrecklichen Bedingungen schuften mussten. Viele überlebten die Tortur nicht.

"Wer dort im Mondschein unterwegs ist, sieht im Asphalt noch deren Knochen schimmern", glaubt Stather und bekommt schon beim Gedanken an diesen Horrortrip eine Gänsehaut, die ihn allerdings kaum am Losfahren hindern wird – im Gegenteil.

Seinen Gastronomenjob hat Stather längst aufgegeben. Um von seiner Passion halbwegs leben zu können, schreibt er als Joe Dakar Bücher und geht auf Vortragsreise. "Obwohl die Touren immer zu meinem ganz persönlichen Vergnügen stattfinden, kann man vom Reisen alleine nicht leben", sagt er. Rund 50.000 Kilometer im Jahr fährt Stather inzwischen, in seiner Philosophie ist kein Platz für Stillstand: "Fahrt los, sonst passiert das Leben da draußen ohne euch."

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