Furchtsam im Verkehr Ich hab Angst, ich geb Gas

Rund eine Million Menschen in Deutschland verbinden Autofahren nicht mit Freiheit, sondern Furcht. Doch statt den Wagen stehen zu lassen, soll man seiner Angst begegnen, sagen Experten. Selbstversuch einer ängstlichen Autofahrerin.

SPIEGEL ONLINE

Von Bettina Ullrich


Irgendwann war die Angst einfach da. Allein beim Gedanken an eine Fahrt auf der Autobahn wurde mir schlecht, ich bekam Herzflattern, Magendrücken, Schweißausbrüche.

Ich habe kein Problem damit, durch die Dunkelheit zu laufen. Ich klettere auf Berge, auch vor Spinnen ist mir nicht bange. Doch beim Autofahren habe ich Angst. Vor allem auf der Autobahn. Das ist nicht immer so gewesen, früher fuhr ich gerne, habe darüber nie nachgedacht. Doch vor zehn Jahren verlor ich diese Unbeschwertheit nach und nach, Fahrt für Fahrt wurde daraus Angst - ohne dass ich sagen könnte, warum.

Deswegen nehme ich inzwischen bevorzugt den Zug. Oder den Bus. Selbst wenn ich, wie einmal im eisigen Winter, in der tief verschneiten bayerischen Pampa strande, kein Gasthaus weit und breit, kein Handyempfang, zwei Stunden bis zum nächsten DB-Bus, schreckt mich das weniger als das Autofahren. Kann man sich ja schönreden: Ist doch eine hübsche Landpartie. Ökologisch voll korrekt.

Fahrangst kann man auch wieder verlernen

Vermeidungsverhalten nennen das Verkehrspsychologen wie Ulrich Chiellino vom ADAC. Fahrangst sagt er, "lernt man - kann das aber Gott sei Dank auch wieder verlernen". Genau dazu rät er. Der "Königsweg" dorthin sei eine Konfrontationstherapie, bei der man "Schritt für Schritt an die Angstauslöser herangeführt wird". Im echten Leben, im Auto, auf der Straße. Es gebe Hoffnung, gibt er mir mit auf den Weg. "Die Erfolgsquote ist wahnsinnig hoch."

So lande ich bei Alexandra Bärike. Die Kölnerin ist Fahrlehrerin, außerdem Diplom-Psychologin. Diese Kombination gibt es in Deutschland selten. Beides verbindet sie in ihrer "Praxis für Fahrangstbewältigung". Doch auch andere Fahrschulen haben spezielle Kurse zu dem Problem im Angebot (Infos bei der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände). Alexandra Bärike hat sich auf Angst und Panikattacken beim Autofahren spezialisiert, seit zehn Jahren ist das ihr tägliches Geschäft. Die 45-Jährige ist eine Art ambulanter Fahrangst-Rettungsdienst, der etwa in Köln, Hamburg, München, Stuttgart im Einsatz ist, oder eben da, wo ihre Dienste gebraucht werden.

Wir verabreden uns in München, für zwei Tage Fahrtraining. Bevor ich mich hinters Steuer setze und Alexandra Bärike auf den Beifahrersitz, sprechen wir in einem Café über mein Problem. Wie eine Anamnese beim Arzt, wobei Bärike immer von "Klienten" spricht, nie von Patienten. "Die Leute sind doch nicht krank."

Mein Feind, die Autobahnauffahrt

Was mir eine Heidenangst macht: Auf eine Autobahn einzufahren. Andere Fahrzeuge, die auf eine Autobahn einfahren. Spurwechsel. Und auf der Autobahn habe ich Panik, dass ein Lkw-Fahrer plötzlich aus einer Kolonne ausscheren und mich rammen könnte. Trotz Überholverbots? Alexandra Bärike stutzt.

"Aber warum sollte er das tun?"

"Einfach so. Könnte doch sein, dass ihm das gerade einfällt."

"Da haben Sie sich aber eine richtige Horrorvision ausgemalt", sagt Bärike und lacht.

Es ist nicht so, als hätten das mir nahestehende und gewogene Menschen nicht so ähnlich auch schon gesagt. Aber offenbar braucht es eine Fremde, eine Frau vom Fach, eine Autorität, dass ich denke: stimmt. Was für ein Quatsch. Aber so einfach ist das natürlich dann auch wieder nicht - wie sich später auf der Autobahn zeigen wird.

Der Rückspiegel, die Geißel des ängstlichen Autofahrers

Doch erst einmal fahren wir langsam durch ein beschauliches Münchner Stadtviertel. Der morgendliche Berufsverkehr ist längst durch, die Novembersonne strahlt. Ein schöner Vormittag, eigentlich. Doch ich bin angespannt. Wir sind noch nicht lange unterwegs, da sagt Alexandra Bärike: "Ich glaube, ich weiß, was Ihr Problem ist." Wie das? So schnell?

Mit dem geschulten Blick der Fahrlehrerin hat sie beobachtet, dass ich dauernd in den Innenspiegel schaue, zu den Fahrzeugen hinter mir. "Sie achten viel zu sehr auf andere", sagt sie. Dabei könne ich den Verkehr in meinem Rücken doch sowieso nicht steuern, schon gar nicht mit Blicken. So würde ich Konzentration und Energie verschwenden für Dinge, die außerhalb meines Einflussbereichs liegen. Und das sorge zudem für ein mieses Gefühl: keine Kontrolle zu haben.

Ich bin da nicht die Einzige. Ihre Klienten, mit etwa tausend hat sie inzwischen über die Jahre gearbeitet, teilt Bärike in zwei Gruppen ein. Diejenigen, die mit dem Autofahren nie warm geworden sind. Die sich dabei unwohl fühlen, selten fahren und es den anderen stets recht machen wollen - daher der ständige Blick in den Innenspiegel. Bärike: "Wenn die anderen immer im Vordergrund stehen, bereitet das natürlich Stress."

Dabei gehe es darum, ein gutes Gefühl zu entwickeln, beim Fahren mit sich im Reinen zu sein. Leichter gesagt als getan. "Konzentrieren Sie sich auf die Dinge, die wichtig sind, weil Sie dafür verantwortlich sind." So viel sei das gar nicht:
1.) Geschwindigkeit anpassen,
2.) In der Fahrspur bleiben,
3.) Umgebung (Kinder?) im Auge behalten,
4.) Vordermann beobachten.
Alles andere ist zweitrangig und daher erst mal egal. Klingt überschau-, vor allem: machbar.

Panikattacken auf der Autobahn

Zu Bärikes zweiter Klienten-Gruppe gehören die routinierten Fahrer, die aus heiterem Himmel - oft ausgelöst durch beruflichen oder privaten Stress - von Panikattacken gequält werden. Die plötzlich auf der Autobahn rechts ranfahren müssen und den Notarzt rufen, weil sie glauben, einen Herzinfarkt zu haben, die Symptome sind ähnlich: Schweißausbrüche. Druckgefühle in Kopf und Brust. Sehstörungen.

Das Problem: Panikattacken verschwinden meist nicht von allein, sagt Bärike. Sie kommen wieder. Man kann die Autobahn meiden, stattdessen die Landstraße nehmen. Doch irgendwann hole einen die Panik auch dort ein. Denn Ängste sind hinterhältig, sagt die studierte Psychologin: Meidet man die dazugehörigen Situationen, wird die Angst stärker. Und taucht auch woanders auf.

Wie viele Menschen in Deutschland an Fahrangst leiden, darüber gibt es keine genauen Daten. Auf etwa eine Million hat der ADAC die Zahl mal geschätzt. "Aber solche Berechnungen sind schwierig", gesteht Chiellino, der immer wieder auch von betroffenen Klubmitgliedern um Rat gefragt wird. Nachgezählt hat noch niemand. Studien gibt es nicht. Das immerhin soll sich demnächst ändern, die Universität Landau in der Pfalz will eine Online-Umfrage starten.

Zurück auf dem Horror-Hügel

Zurück also ins Auto zu Alexandra Bärike, raus auf die Straße, zu meinem Horror-Hügel, dem Irschenberg, an der A8 zwischen München und Salzburg. Objektiv betrachtet: eine leichte Steigung. Für mich: ein Berg, nahezu unüberwindbar, wenn ich mit dem Auto darüberfahren muss. Dort auf der Autobahn sollen jetzt in meinem Gehirn neue Synapsen gebildet werden, das ist der Plan. Anders ausgedrückt: Wir wollen einen neuen Film für mein Kopfkino drehen. Aus Splatter-Streifen soll Feelgood-Movie werden.

Doch zuerst einmal sackt mir, wie stets, das Herz abwärts, als ich die Laster überhole, die den Berg hinaufächzen. "Ganz ruhig", sagt Bärike, "atmen Sie tief durch, das schaffen Sie schon." Vier Sekunden einatmen, sechs Sekunden ausatmen, das hatte sie mir vorher gezeigt, wirkt beruhigend. Außerdem sage ich laut mein neues Mantra: "Ich darf anderen Autofahrern vertrauen!" Kommt mir komisch vor, aber es klappt. Zweimal den Irschenberg rauf und runter.

Ein Gesetz für ängstliche Autofahrer

"Vergessen Sie nicht den Vertrauensgrundsatz", hatte Bärike mir gesagt. Bitte was? Paragraf 3, Straßenverkehrsordnung. Da heißt es, dass jeder darauf - Achtung! - vertrauen darf, dass die anderen "die für die Benützung der Straße maßgeblichen Rechtsvorschriften befolgen". Ein eigenes Gesetz - nur für MEINE schlimmsten Befürchtungen! Der erste Trainingstag endet mit der scheuen Hoffnung: Das könnte tatsächlich was werden, das mit mir und dem Autofahren. Dabei hatte ich da die schlimmste Übung noch vor mir. Auf die Autobahn auffahren.

Bisher habe ich mich da stets irgendwie reingewurschtelt. Den Beschleunigungsstreifen, sagt Alexandra Bärike, empfinden viele Menschen als unangenehm - "der ist zu kurz, um sanft und entspannt raufzufahren". Sie bringt Struktur in mein Einfädeln, verordnet mir einen klaren Ablauf: Dritten Gang rein, mit Tempo 40 durch die Kurve, Blinker links, dann "Gas geben bis zum Bodenblech", Verkehr durch den Innenspiegel beobachten, erst im letzten Drittel des Beschleunigungsstreifens rüberziehen auf die Fahrspur. Dann können sich auch die anderen Autofahrer besser auf mich einstellen. Diese Schritte soll ich laut aussprechen, während ich auf die A9 fahre.

Bei der Sache mit dem Vollgas zögere ich ängstlich, ziehe zu früh rüber. Also an der nächsten Ausfahrt raus und alles noch mal von vorn. Und noch mal. Und noch mal. Meine Anspannung steigt, ich bin genervt. Doch genau so muss es sein, sagt Bärike ruhig. Konfrontationstraining entfalte seine Wirkung erst bei einem mittleren Stresslevel.

Endlich ist das Vertrauen da

Am Ende hat das Autofahren etwas von seinem Schrecken verloren. Aber ganz cool bin ich noch nicht. Dafür seien zwei Tage auch zu wenig, sagt Bärike zum Abschied. "Sie sollten unbedingt weiter üben und so oft wie möglich fahren."

Heimfahrt im Feierabendverkehr, die Autobahn ist voll. Fahrzeuge scheren aus, scheren ein, von rechts flitzt einer auf dem Beschleunigungsstreifen heran. Kurzer Schockmoment. Mein Herz, aus alter Gewohnheit, beschleunigt in Richtung Magengrube. Bekommt dann aber eine als Zuspruch getarnte Anweisung verpasst: "Ich darf anderen Autofahrern vertrauen!" Weiter, einfach weiter.

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Seite 1
großwolke 25.12.2015
1.
Ganz ehrlich: ich kann jeden verstehen, der vorm Autobahnfahren über die Zeit Panik entwickelt. Da sieht man Laster offensichtlich im Sekundenschlafmodus fröhlich abdriften, andere dieser Sorte meinen, den Blinker zu setzen reicht völlig aus, um Sekundenbruchtele danach ohne Rücksicht auf Verluste nach links zu ziehen. Fehlendem Temoplimit sei dank wird man oft genug Zeuge, wie selbst bei relativen hohen Geshwindigkeiten von hinten Leute angeraucht kommen, als würde man selber stehen, und wenn man sich, modernes Auto machts möglich, zu sehr dazu verleiten lässt auf der dritten (oder ggf. vierten) Spur einfach mitzuschwimmen fällt einem kaum noch auf, dass die Geschwindigkeit bei der kleinsten Unregelmäßigkeit ausreichen würde, ein Massaker anzurichten. Die Entscheidung, kein Auto zu besitzen, ist bei mir eine rein ökonomische. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich dann doch nicht drumrumkomme ums Autofahren ist das jedesmal Stress pur. Der, interessanterweise, relativ schnell schwindet, sobald ich in irgendeine Richtung die deutsche Landesgrenze überquere und von den Segnungen des Tempolimits beglückt werde.
Ossifriese 25.12.2015
2. Vorstellung
"...'Sie achten viel zu sehr auf andere', sagt sie.Dabei könne ich den Verkehr in meinem Rücken doch sowieso nicht steuern, schon gar nicht mit Blicken. ..." Doch, kann und muss man sogar. Den Rat, den Rückspiegel für nicht so wichtig zu nehmen, halte ich geradezu für lebensgefährlich - vor allem auf der Autobahn. Denn man kann zwar nicht die fremden Autos steuern, aber sehr wohl mit seinem eigenen so reagieren, dass auch Fehler der anderen Fahrer möglichst ausgeschlossen werden. Auch auf "Andere" zu achten ist beinahe überlebenswichtig...
noalk 25.12.2015
3. §3 StVO: Vertrauen?
Von wegen! §3 regelt die Fahrgeschwindigkeit. Nix Vertrauen! Was schreibt Frau Ullrich da? Außerdem ist folgendes gängige Rechtsprechung: "Als Verkehrsteilnehmer müssen Sie jederzeit damit rechnen, dass ein anderer einen Fehler macht. Dementsprechend müssen Sie Ihr Verhalten anpassen."
Amadablam 25.12.2015
4. Soso, Vertrauensgrundsatz
Und der soll also in § 3 StVO stehen. Mag sein, aber in Deutschland bestimmt nicht. Ich verliere zunehmend das Vertrauen in die Recherchefähigkeit von Journalisten und in die Fahrtauglichkeit von Verkehrsteilnehmern vor mir auf der Straße. Das eine mag mit dem Bildungsnotstand zu tun haben, das andere mit der Vergreisung der Gesellschaft.
heldvomfeld 25.12.2015
5. ganz tolle Tipps
Schauen Sie nicht zu oft in den Rückspiegel, kümmern Sie sich nicht um andere Verkehrsteilnehmer, aber vertrauen Sie darauf, dass andere alles richtig machen. Hoffentlich sehe nicht nur ich den Widerspruch. Lasst das Auto doch einfach stehen, wenn ihr Angst davor habt. Das hilft auch den anderen Verkehrsteilnehmern.
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