Mercedes Arocs 8x8: Ein Wagen für richtig viel Schotter

Von Tom Grünweg

Mercedes Arocs 8x8: Ein echter Wühler Fotos
Daimler

Die Mercedes S-Klasse für die Kiesgrube heißt Arocs. Arbeiter kutschieren mit dem Schwerlaster bis zu 20 Tonnen Ladung durchs Gelände. Für Laien wird allein das richtige Schalten zur Kunst. Kein Wunder bei vier Gängen - zum Rückwärtsfahren.

Es ist nur ein kleiner silberner Knopf. Einer, wie man ihn auch aus anderen Mercedes-Modellen kennt. Doch wird er gedrückt, ist die Welt nicht mehr dieselbe. Denn wenn der Motor des Mercedes-Schwerlast-Lkw Arocs startet, beginnt der luftgefederte Fahrersitz zu zittern und draußen rieselt der Sand von den Wänden der Kiesgrube.

Die Baustellenvariante des Schwerlasters Actros ist Daimlers derzeit dickstes Ding: Sechszylinder-Motoren mit bis zu 15,6 Litern Hubraum, 3000 Nm Drehmoment und 625 PS treiben den vierachsigen Koloss an. Vollbeladen mit 20 Tonnen Schotter auf dem Kipper bringt er es auf ein Gesamtgewicht von gut 40 Tonnen.

Eine Fahrt mit dem Arocs beginnt mit vier Sprossen, die man hinaufklettern muss ins Fahrerhaus. Oben angekommen thront der Fahrer etwa zwei Meter über dem Boden. Der Panoramablick von hier ist grandios, dazu kann man dem eigenen Laster fast bis unters Bodenblech schielen, weil es so viele Spiegel gibt. Das ist auch nötig - denn bei einem Wendekreis von mehr als 20 Metern ist beim Rangieren Umsicht gefragt. Auch die größte Kiesgrube wirkt in diesem Lkw wie ein kleiner Sandkasten.

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Fernverkehr: Auf diesen Strecken sind Lkw-Fahrer gefordert

Das Dirigieren des Arocs ist, trotz elektrohydraulischer Lenkunterstützung, schweißtreibende Schwerarbeit. Zudem sollte man ein halbes Truckerleben an Erfahrung mitbringen, um nicht selbst zum limitierenden Faktor zu werden. Bei acht vollen und acht halben Gängen in einer doppelten H-Konfiguration samt Wechselwippe am baseballschlägergroßen Schaltknauf ist schon die Wahl der richtigen Fahrstufe eine Herausforderung. Einige Arocs-Varianten verfügen sogar über vier Rückwärtsgänge und werden so mehr als 50 km/h schnell.

Und mit den schweren Sicherheitsschuhen ist das Spiel auf den Pedalen ähnlich prekär wie ein Walzer in Skistiefeln. Gut, dass der Koloss neben 8x8-Antrieb und einem halben Dutzend Sperren zusätzliche elektronische Assistenzsysteme wie Hillholder und Bergabfahrhilfe hat - sonst würde wohl gleich an der ersten Steigung die Kupplung abrauchen.

Ein echter Wühler

Mercedes bietet nun zwar auch ein Automatikgetriebe für den Arocs, aber unser Test-Lkw ist damit nicht ausgerüstet. Und so stirbt beim ersten Anfahrversuch der Motor erst einmal ab. Mit lautem Röhren meldet er sich kurz darauf zurück und setzt schließlich das Trumm aus Stahl und Steinen in Bewegung. Schnell den Schwung nutzen und schalten. Dritter, vierter, fünfter Gang, so kriecht der Arocs den Anstieg hinauf. Mit einem Allrad-Pkw hätte man hier Mühe, mit einem normalen PKW keine Chance.

Das gilt auch für die ausgefahrenen Matschwege in der Kiesgrube: Hüfthohe Reifen auf 22,5-Zoll-Felgen und Profilklötze wie Briketts - damit zieht der Arocs stur seine Bahn und pflügt durch den Schlamm. Und das mit dem einer Ladung auf dem Buckel, die einem Dutzend VW Golf entspricht.

Im Gegensatz zum Fahrzeug macht der Fahrer bald schlapp - den Druckluftschlauch hinter dem Sitz, mit dem man am Ende des Arbeitstages den Dreck aus den schweren Fußmatten blasen kann, möchte er sich bei dieser Testfahrt zur Kühlung unter den Bauhelm stecken. Hier am riesigen Lenkrad wächst mit jedem Meter der Respekt vor jenen, die tagtäglich mit Lastern wie dem Arocs unterwegs sind.

Der Rest der Bedienung ist allerdings ein Kinderspiel. Die Motorbremse wird mit einem Hebel wie für den Blinker eingestellt. Die Klimasteuerung sieht mitsamt ihrer metallenen Rändelräder aus wie in der Mercedes A-Klasse. Am meisten Spaß macht die Bedienung der Schalter in der Dachkonsole. Der eine, weil er die LED-Beleuchtung für den wahrscheinlich größten Mercedes-Stern auf unseren Straßen anschaltet, und der andere, weil man mit ihm die Klangfarbe der Hupe wechselt: Im Normalbetrieb eine höfliches Hörnchen, wird sie auf Knopfdruck zu einem Horn, mit dem man auch den ärgsten Baustellenlärm übertönen kann.

Fernverkehr ist dagegen Kindergarten

Für den Laien im Laster ist der Arocs ein gigantisches Spielzeug und die Kiesgrube nichts anderes als ein riesiger Sandkasten. Doch für Männer wie Ulrich Bastert hat das hier nichts mit Spielerei zu tun. Wo andere ins Staunen geraten, fängt er an zu Rechnen. Schließlich ist er der Vertriebschef von Mercedes-Benz Trucks und muss den Laster zu Preisen zwischen etwa 150.000 und 360.000 Euro erst einmal an Baufirmen, Speditionen und Baustofflieferanten verkaufen. Da zählen nicht Kraft und Stehvermögen, sondern andere Zahlen.

Zum Beispiel die große Variantenpalette, die nach seinen Worten nur Mercedes anbietet: So gibt es allein vier Sechszylinder-Motoren in zusammen 16 Leistungsstufen, dutzende von Getriebe- und Achskombinationen, 14 verschiedene Kabinen und 15 Versionen für Sattelzüge, 18 Plattformwagen, 17 Kipper und 10 unterschiedliche Betonmischer.

Vor allem ist er stolz auf die Effizienz des Dickschiffs, selbst wenn dieser Begriff nicht so recht zu einem Verbrauch passen will, der im extremen Einsatz auch mal auf 100 Liter pro 100 Kilometer klettert. Doch verspricht der Vertriebsmanager beim neuen Modell eine Verbrauchssenkung um bis zu fünf Prozent. "Bei Kraftstoffkosten von teilweise über 40.000 Euro im Jahr kommt da schon was zusammen", sagt Bastert.

Zwar ist nur etwa jeder Dritte der rund 100.000 Lastwagen im Jahr, die das Mercedes-Werk in Wörth zur größten Lkw-Fabrik in Europa machen, ein Baustellenfahrzeug aus der Arocs-Reihe. Doch für die zivilen Laster Actros & Co. hat Bartels zumindest bei der Premiere des Kiesgruben-Königs nur ein Lächeln übrig: "Gegen den Einsatz auf der Baustelle ist der Fernverkehr nur Kindergarten."

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insgesamt 42 Beiträge
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1. optional
Rinax 11.06.2013
Ich versuch mich mal als Öko und sage, das Ding wird bald elektrisch fahren weil das eben die Zukunft ist und da es ein deutsches Produkt ist, ist es ohnehin viel schlechter als ein Laste aus Novosibirsk und das auch 30 PS gereicht hätten. Achso, außerdem fehlt da die Umweltplakette ... so das musste mal sein :)
2. Nettes Spielzeug ...
the_rover 11.06.2013
... aber wenn dem Autor bei diesem Fahrzeug schon der Schweiß auf der Stirn steht, was ist dann erst in einem Magirus Jupiter, den Generationen Wehrdienstleistender gefahren haben? Wahrscheinlich scheitert der Autor dann schon am Wechsel in den zweiten Gang. ;-)
3.
Flying Rain 11.06.2013
Das währe doch das richtige Fahrzeug für Weltenbummelnde Wohnmobilfetischisten mit genug Kohle in der rückhand....Statt dem kipper n Wohnzimmer hukepack und man wird maximal durch einen leeren tank aufgehalten
4. Gibts den auch als Campingmobil
mischpot 11.06.2013
natürlich nur für unwegsames Gelände.
5. BW Fahrzeug 1 A
realplayer 11.06.2013
Der Arocs ist für den militärischen Bereich interessant. Die BW kauft davon mal leckere 500 Stck.
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Fahrzeugschein
Hersteller: Mercedes
Typ: Arocs 8x8
Karosserie: Lastwagen
Motor: Reihensechszylinder-Diesel
Getriebe: 16-Gang-Handschaltung
Antrieb: Allrad
Leistung: 435 PS (320 kW)
Drehmoment: 2100 Nm
Höchstgeschw.: 80 km/h
CO2-Ausstoß: 2650 g/km
Verbrauch: 100 Liter
Gewicht: 16000 kg
Fassungsvermögen: 12.000 Liter
Preis: bis zu 360.000 EUR
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