Fahreignungstests für Senioren: "Das ist ein offener Affront"

Die EU regt eine regelmäßige Überprüfung der Fahrtauglichkeit aller Autofahrer über 50 Jahren an. Diese Forderung empört Autoclubs. Der Auto Club Europa setzt auf freiwillige Gesundheitschecks. Allerdings sollten Mediziner die Anforderungen der Verkehrssicherheit berücksichtigen.

Goslar - "Das ist ein offener Affront gegen die wachsende Zahl vollkommen fahrtüchtiger Senioren", echauffiert sich der Leiter der Verkehrssicherheit beim Auto Club Europa, Gert Schleichert, am Rande des 47. Verkehrsgerichtstags am Donnerstag in Goslar. Die von der EU angeregten pauschalen Eignungstests für ältere Fahrer seien absolut unbegründet.

Paul Lerche: Ist seit 1940 im Besitz seines Führerscheins und fährt seit 65 Jahren unfallfrei
DPA

Paul Lerche: Ist seit 1940 im Besitz seines Führerscheins und fährt seit 65 Jahren unfallfrei

Als diskriminierend bezeichnet der ADAC die diskutierten Auflagen für ältere Menschen am Steuer. "Diese Fahrer haben eine lebenslange Fahrpraxis und pflegen einen verantwortungsvollen Umgang mit ihrem Fahrzeug", sagt ADAC-Verkehrsjurist Markus Schäpe. Altersbedingte Leistungseinbußen wie abnehmende Sehkraft oder das Nachlassen der Beweglichkeit und der Reaktionsfähigkeit kompensierten diese Fahrer größtenteils mit Erfahrung, Besonnenheit und Ruhe. Das Bundesverkehrsministerium plane seines Wissens derzeit keine regelmäßige Überprüfung, sagte Schäpe. "Die Regierung setzt vielmehr auf die Eigeninitiative der Fahrer und die Sorgfalt der Familien von älteren Menschen."

Jeder fünfte Verkehrstote jünger als 25 Jahre

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes verunglückten im Jahr 2007 fast 55.000 Autofahrer, die älter als 50 Jahre waren, etwa 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Dagegen stieg die Zahl der verunglückten Senioren auf dem Fahrrad um fast 10 Prozent. Fahranfänger zwischen 18 und 24 Jahren waren demnach 2007 die mit Abstand am stärksten gefährdete Altersgruppe im Straßenverkehr. Jeder fünfte Verunglückte und Getötete gehörte dieser Altersgruppe an.

"Generell das Alter als Indikator für Fahrtauglichkeit anzusehen, ist falsch", sagt Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Versichertenwirtschaft. Es sei jedoch sinnvoll, die Sehfähigkeit regelmäßig zu kontrollieren. "Dies könnte alle zehn Jahre geschehen, aber unabhängig vom Alter für alle Autofahrer." Ohnehin ist nach der neuen Führerscheinrichtlinie der EU eine Fahrerlaubnis von 2013 an nur noch befristet gültig. Sie wird dann höchstens 15 Jahre gültig sein und muss anschließend erneuert werden.

Ältere Menschen sind oft auf das Auto angewiesen

Auf freiwillige Gesundheitschecks setzt dagegen der ACE, nach dem ADAC der zweitgrößte Automobilclub Deutschlands. Dabei appelliert der Autoclub an die Ärzte, bei medizinischen Beratungen die Anforderungen der Verkehrssicherheit stärker als bisher zu berücksichtigen. Die typischen Fehler von Senioren hinter dem Steuer seien Missachten der Vorfahrtregeln, Schwierigkeiten beim Linksabbiegen und Wenden sowie beim Fahrbahnwechsel.

Jedes Jahr geben nach ACE-Angaben in Deutschland mehr als 22.000 Menschen ihren Führerschein freiwillig ab. Im Gegenzug bieten zahlreiche Kommunen Vergünstigungen für Busse und Bahnen an. Doch klar ist allen bei der Debatte auch: Oft ist das Auto besonders für ältere Menschen im ländlichen Raum die einzige Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

André Jahnke und Matthias Brunnert, dpa

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insgesamt 191 Beiträge
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1. http://forum.spiegel.de/showthread.php?p=3295847#post3295847
clauswclausen 29.01.2009
Zitat von sysopDie EU regt eine regelmäßige Überprüfung der Fahrtauglichkeit aller Autofahrer über 50 Jahren an. Diese Forderung empört Auto Clubs. Der Auto Club Europa setzt auf freiwillige Gesundheitscheck. Allerdings sollten Mediziner die Anforderungen der Verkehrssicherheit berücksichtigen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,604324,00.html
Europa nervt. Die Ambition von Brüssel, selbst Unsinniges zuchtmeisterlich regulieren, harmonisieren, normieren und standardisieren zu wollen, geht vielen Menschen und Firmen gegen den Strich. Mittlerweile findet nur noch eine hauchdünne Mehrheit von 52 Prozent aller Europäer die Mitgliedschaft ihres Landes in der EU gut. Und nicht einmal die Hälfte bescheinigt der Union ein positives Erscheinungsbild. Quelle: http://www.welt.de/wirtschaft/article2209766/EU_kaempft_gegen_laecherliche_Verordnungen.html Jetzt ist, weil die Sache mit der Länge von Kondomen oder die mit der Krümmung von Bananen erledigt ist, wieder etwas in Vorbereitung - die EU-Beamten müssen ja schliesslich beschäftigt werden und sei es mit solch einem Blödsinn. Das dürfte die damalige hauchdünne Mehrheit von 52 % stark schrumpfen lassen. Ausserdem gibt es wichtigere Dinge zu tun.
2. Endlich
timtin 29.01.2009
Sollte eigentlich schon ab 40 eingeführt werden, wenn man sieht wie unfit einige schon ab diesem Alter sind.
3. Empörung?
DJ Doena 29.01.2009
Warum sorgt es eigentlich für Empörung? Alles, was gefährlich ist, erfordert ständige Gesundheitschecks. Und die Aufmerksamkeits- und Reaktionszeiten lassen im Alter nun mal nach, dafür brauch sich niemand zu schämen, das ist einfach so. Meiner Meinung ist es sogar ungefährlicher auf der Autobahn mit 160 zu fahren, als in der Stadt mit 50 - zumindest für alle anderen. Meiner Meinung nach ist die Wahrscheinlichkeit, jemanden anderen als nur mich mit ins Grab zu nehmen, deutlich höher. Und bevor jetzt jemand wieder "die Jugendlichen" anbringt: Nach erfolgreicher Fahrprüfung _können_ sie vernünftig Auto fahren, dass sie es oftmals nicht tun, ist bedauerlich und manchmal tödlich. Aber bei dieser Diskussion geht es um die prinzipielle Fähigkeit, ein KFZ zu lenken.
4. Gesundheits und Reaktionscheck
wahnsinnohneende 29.01.2009
Ich selber fliege Segelflugzeuge und muß alle 2 Jahre zum Fliegerarzt, ab 60 jedes Jahr. Das halte ich auch für Autofahrer für sinnvoll, denn es wird der Sehaparat (durch Augenarzt), Höhrfähigkeit und Leistungsfähigkeit geprüft (durch Fliegerazt). Wann macht man dass sonst schon? Der Aufschrei der Automobilclubs verstehe ich nicht, denn denen soll doch Sicherheit aller am Herzen liegen. Es gibt sehr gute Autofahrer, selbst mit 80 Jahren, aber es gibt eben auch solche, die eher eine Gefahr darstellen trotz großer Erfahrung, die sicher ein paar Mängel kompensieren kann. Der Autoverkehr nimmt immer mehr zu. Die Zeiten, als man in den end 60er Jahren diskutierte, dass 3 Bier und ein Schnaps im Auto noch erlauben wollte, sind lange vorbei, und man braucht heute schnellere Reaktionsfähigkeit als noch vor 30 Jahren. Ab einem gewissen alter ist dann schon sinnvoll, den Lappen abzugeben, oder einzurahmen.
5. Was denn dann als nächstes?
franxinatra 29.01.2009
Prüfung zur Berechtigung zur Führung eines Fahrrades? Zulassungsprüfung für Rollatoren? Müsste nicht sogar die Eignung als Fußgänger genauer untersucht werden? Es wird wohl nicht mehr lange dauern, und die Antwort auf die 'gereontologische Herausforderung' wird ein sanftes Euthanasieprogramm.
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