Fahren auf dem Mond Unterwegs mit dem Astronauto

Auf der Erde dürften SUVs irgendwann aussterben. Doch auf dem Mond haben Geländefahrzeuge keine Alternative. Ab 2020 will die Nasa neue Missionen zum Erdtrabanten starten. Das Offroad-Vehikel dafür wird bereits in Arizona getestet.


Von diesem Offroader träumen alle Allradfans: Der Wagen ist geländegängiger als ein Hummer oder eine Mercedes G-Klasse, produziert weniger Schadstoffe als ein Tesla Roadster, und statt Spott oder Häme erntet er ausschließlich Bewunderung. Leider ist das Auto bislang lediglich ein Prototyp, bis zur Serienfertigung wird es wohl noch gut zehn Jahre dauern. Selbst danach wird kein normaler Führerschein ausreichen, um das Gefährt zu lenken. Denn was in diesen Tagen durch die Wüste von Arizona surrt, ist ein ziemlich weit fortgeschrittener Entwurf des nächsten Mondautos. 2020 nämlich möchte die US-Weltraumbehörde Nasa an die Apollo-Missionen und die Ausfahrten des Lunar Rover anknüpfen.

Mit dem ersten Mondmobil hat der neue Entwurf nicht mehr viel gemein. Das damalige Wägelchen war ein luftiges Forschungsvehikel, beim Nachfolger handelt es sich um ein ebenso großes wie vollwertiges Expeditionsfahrzeug. Statt des früheren Aktionsradius von maximal 10 Kilometern soll der neue Moon-Rover künftig bis zu 240 Kilometer weit kommen und bis zu vier Astronauten befördern können. Diese Anforderungen liegen bereits den aktuellen Tests zugrunde, bei denen Astronauten, Geologen und Entwickler durch Arizonas Wüste kurven.

Damit die neuen Mondmissionen ab dem Jahr 2020 nicht am ersten Mondgesteinsbrocken scheitern, ist das neue Fahrzeug geländegängiger als alles, was die US-Autoindustrie bislang auf die Räder gestellt hat. Statt zwei oder drei Achsen und einen konventionellen Quattro-Antrieb bekommt das Mond-Shuttle sechs einzeln von Elektromotoren angetriebene Zwillingsräder, die individuell um 360 Grad gedreht werden können. Nicht, dass die Astronauten auf dem Mond einparken müssten. Doch so, wie man es sich für seinen normalen Geländewagen in engen Innenstädten bisweilen wünschen würde, kann das Mondauto in wenigen Sekundenbruchteilen in den Krebsgang wechseln und seitwärts davonfahren.

Obendrein lässt sich bei jeder einzelnen Antriebseinheit die Bodenfreiheit variieren. Kleine Krater, Bodenwellen oder Steinwüsten durcheilt das Mondauto vollkommen waagrecht und ungehindert. Zum Einsteigen macht der Lunar Rover eine Art Kniefall und legt sich wie ein Lowrider auf den Unterboden.

Passagierkabine für das aktuelle Modell

Nachdem erste Prototypen im vergangenen Jahr noch rustikale Vollcabrios mit offenen Führerstand waren, hat die Nasa der extraterrestrischen Allradraupe in der aktuellen Entwicklungsstufe eine druckdichte, klimatisierte Passagierkabine aufgesetzt. In der könnten die Astronauten sogar in Jeans und T-Shirt arbeiten, teilt die Weltraumbehörde mit. Selbst Sonnenwinde soll die von einer 2,5 Zentimeter dicken Schutzschicht überzogenen Kabine unbeschadet überstehen.

Doch wollen die künftigen Mondforscher nicht bloß Rundfahrten machen, sondern Bodenproben entnehmen, Messungen und Experimente durchführen oder sich einfach nur ein wenig neben dem Auto umsehen. Um ihnen das zu erleichtern, wurde eine besonders pfiffige Schleuse entwickelt. Die Astronauten lassen sich von ihrem Autositz aus nach draußen gleiten, rutschen dabei automatisch in den Weltraumanzug wie ein Weihnachtsbaum ins Transportnetz, und sobald der Kollege im Wagen den Riegel schließt und die Rückenklappe löst, sind Astronaut und Mutterschiff getrennt.

Trittbrettfahren auf dem Mond

Zwar haben die Weltraum-Spaziergänger dann eine wenig kleidsame Blechtafel am Kreuz, doch entweicht so beim Aussteigen am wenigsten Sauerstoff, hat die Nasa ermittelt. Umgekehrt kommt auf diese Weise bei der Rückkehr kein Mondstaub in die geschützte Atmosphäre des Mobils. Außerdem können sich die Astronauten mit den Rückenplatten wieder am Wagen einklinken, wenn sie weitere Strecken lieber als Trittbrettfahrer absolvieren wollen statt über die Mondoberfläche zu hüpfen.

Noch klingt die Idee vom neuen Mond-Rover, als stamme sie aus einem Science-Fiction-Roman. Und die Zaungäste der ersten Ausfahrten in Arizona werden sich am Steuer ihrer rostigen Pick-ups ohne Zweifel mächtig die Augen gerieben haben. Doch hat die Nasa ernsthafte Absichten – und vor allem ein üppiges Budget für die Rückkehr auf den Mond. Der maroden US-Autoindustrie, die noch immer auf den Geländewagen setzt, dürfte der neu entdeckte Offroad-Markt allerdings kaum helfen. Denn auf Nachfrage heißt es bei Ford, General Motors und Chrysler unisono: Am neuen Mondauto sind wir nicht beteiligt.



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