Bike-Boom in Detroit Räder aus Ruinen

Einst war Detroit "Motor City" - das Herz der amerikanischen Autoproduktion. Heute boomt dort die Fertigung anderer Fahrzeuge, blüht eine neue Branche auf: Die Stadt entwickelt sich zur Fahrrad-Metropole.

Aus Detroit berichtet

ZAK

"For the betterment of Detroit" - das Werbeschild für die Revitalisierung der alten Packard-Fabrik am Grand Boulevard in Detroit ist offensichtlich Schönfärberei. Dass hier wieder Leben einkehrt, erscheint angesichts der Größe der Schuttberge unwahrscheinlich. Zwar ist die US-amerikanische Automobilindustrie sechs Jahre nach der Krise, die hier als "Carmageddon" bezeichnet wird, wieder flott unterwegs. Doch in vielen Ecken Detroits kommt von diesem Aufschwung nichts an.

15 Autominuten in Richtung Downtown sieht das anders aus. Dort, in einer Seitenstraße der legendären Woodward Avenue, die früher als glanzvoller galt als die Fifth Avenue in New York und noch heute das Rückgrat von Motor City bildet, hat die Reanimierung bereits stattgefunden. In einem Backsteinhaus in der West Canfield Street, das vor nicht allzu langer Zeit ebenso brüchig war wie die ehemalige Packard-Fabrik, lockt heute der Flagshipstore von Shinola zum Shopping. Vor allem mit Fahrrädern, die - so wie die Retro-Uhren der neuen Designermarke - vor Ort fabriziert werden.

Shinola ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren wurden in Detroit mehr als ein halbes Dutzend Fahrradmanufakturen eröffnet; die fertigen vor allem auf altmodisch getrimmte Drahtesel zum Preis von mehreren Tausend Dollar. "Es liegt uns einfach im Blut, Sachen zu bauen", sagt Steven Bock, der neben seiner Arbeit als Modelleur in der Designabteilung von Ford die Detroit Bicycle Company leitet.

Das Ziel: größter Fahrradproduzent der USA

Das größte Speichenrad dreht Zak Pashak. Mit einem Kapital von 2,5 Millionen Dollar gründete er im vergangenen Oktober die Firma "Detroit Bikes" und hat seither zu Preisen ab 700 Dollar bereits tausend Exemplare der beiden Fahrrad-Modelle A-Type und B-Type verkauft. Das soll nur der Anfang sein. "Innerhalb der nächsten fünf Jahre wollen wir unsere Produktion auf 50.000 Räder im Jahr steigern", sagt Pashak, dem eine Produktionsstätte mit 5000 Quadratmetern zur Verfügung steht. Falls das gelingt, würde Detroit mit einem Schlag zur Fahrradhauptstadt der USA. Denn im ganzen Land wurden im abgelaufenen Jahr lediglich 56.000 Fahrräder hergestellt.

Wenn man Pedalpioniere wie Pashak fragt, warum sie ausgerechnet in Detroit produzieren, dann sprechen sie von den vielen qualifizierten Fachkräften, die seit den Rationalisierungswellen in den Autofabriken auf neue Jobs hoffen, vom "building spirit" der Stadt und von der positiven Energie, mit der Einheimische und Zugezogene den Wiederaufbau vorantreiben. Dass es darüber hinaus jede Menge freier Gewerbeflächen zu Schleuderpreisen gibt und die Autohersteller etliche Produktionsmaschinen billig verkaufen, ist auch kein Nachteil.

Patriotisch geprägte Kaufentscheidungen

Man kann den Neuaufbau auch als eine Art Leichenfledderei betrachten, denn Shinola und Co. profitieren natürlich vom Niedergang Detroits, das seit den Fünfzigerjahren etwa die Hälfte der einst 1,5 Millionen Einwohner verloren hat. Spätestens seit Bob Dylan für Chrysler in einem epischen TV-Spot zum Superbowl im vergangenen Jahr an den Stolz der Nation appellierte, ist Detroit zu einem Symbol für patriotische Kaufentscheidungen geworden. "Buy american" ist ein Trend, von dem die Fahrradhersteller mit ihrer Standortwahl ebenfalls profitieren wollen.

Das Gros der Fahrräder von Shinola oder Detroit Bikes wird natürlich nicht in Detroit, sondern in anderen Gegenden der USA verkauft. Am dürftigen Zustand der Straßen in der Stadt oder am eisigen Wetter während der Wintermonate liege das aber nicht, berichtet Todd Scott von der Radfahrerlobby "Detroit Greenways Coalition". Die Stadt entwickle sich durchaus fahrradfreundlich. "2006 gab es in Detroit gerade mal elf Meilen Radwege, heute sind es mehr als 200 Meilen", sagt Schott. Und mit 7000 Teilnehmern sei die "Tour de Droit" die größte Radlerausfahrt im Staat Michigan.

Während die Zahl der Pkw-Pendler um 20 Prozent gesunken sei, führen heute fast 50 Prozent mehr Menschen mit dem Rad zur Arbeit als noch vor zehn Jahren. Und der von Jason Hall, dem Gründer der Fahrradmesse "Detroit Bike City" organisierte Slow Roll, ist mit bis zu 4000 kunterbunten Teilnehmern zur populärsten wöchentlichen Radtour in ganz Amerika geworden; der Computerhersteller Apple verarbeitete den coolen Pedalo-Konvoi sogar in einem zweiminütigen Werbespot.

Mit Fahrrädern begann einst der industrielle Aufstieg

Mit dem Boom für Bikes beginnt für Detroit kein ganz neues Kapitel in der Stadtgeschichte, sondern es wird im Grunde ein uraltes fortgeschrieben. "Fahrräder haben in dieser Stadt eine längere Tradition als Autos", sagt Scott. Selbst Henry Ford stellte sein erstes Auto auf vier Fahrrad-Laufräder und brachte die Motorkraft per Fahrradkette an die Räder. Die Dodge-Brüder verdienten - ähnlich wie die Gebrüder Opel in Deutschland oder die Familie Peugeot in Frankreich - das Geld für die spätere Autofabrikation mit den Gewinnen aus dem Fahrradbau.

Scott sagt, es sei Verkehrssenator Horatio Earles früher Liebe zum Fahrrad zu verdanken, dass in Detroit die ersten Straßen betoniert wurden. Und selbst die erste Motor Show in der Geburtsstadt der industriellen Automobilproduktion wurde von einem Fahrradhändler organisiert. "Seinen Aufstieg und seinen Fall mag Detroit dem Auto verdanken", schrieb unlängst das Wirtschaftsmagazin "Fortune" und fuhr fort: "Die Vergangenheit der Stadt ruht allerdings nicht auf vier, sondern auf zwei Rädern. Und vielleicht auch ihre Zukunft."



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Seite 1
ctwalt 01.03.2015
1. Klar, Manufaktur.....
Rahmen und Teile sind made in China und das Ganze wird dann von Hand zusammengeschraubt.... Weil der Fahrradarkt auch zum größten Teil aus Kunden besteht, die € > 1500 für ein Fahrrad ausgeben ??? Davon wird keine Firma auf Dauer leben können !
susiwolf 01.03.2015
2. M-a-r-k-t-l-ü-c-k-e-n auch anderswo ...
Das ist ein 'huge example' in Detroit ... Sozusagen ein Vorreiter weltweit ! Das Ersticken in Blechkarawanen -auch wieder weltweit- wird bald dazu führen, dass die jetzige 'Hochkultur des Automobilbaus' seinem Ende entgegen geht. Kleines Beispiel gefällig? Bremen, als Vorreiter des zunehmenden Fahrradverkehrs ... und 'der grosse Stern vorne drauf' als grösster Arbeitgeber: Beide diametral zulaufenden Bewegungen werden irgendwann der Vernunft weichen müssen. Auch hier in der Freien Hansestadt sind halb 'gefüllte' Produktionsstätten vorprogrammiert. Wie gut, wenn solche Ideen wie in Detroit sich einnisten könnten. Erst ein bisschen - dann immer ein bisschen mehr. Bremen ist vorbereitet: Guter ÖPNV (Nettoinvestitionen 77Mio € in n-e-u-e Schienenfahrzeuge) und andere Investitionen in möglicherweise leer stehende Hallen.
sikasuu 01.03.2015
3. U-SA auf dem Bike-Trip, Mode oder mehr?
Retroräder scheinen dort IN zu werden. Vor ein paar Tagen in der Zeit eine Reportage über eine ähnliche Idee aus NY, jetzt Detroid..... . und alle haben ein ähnliches Konzept. . Man nehme "Retrorahmen" aus Asien, einen (fertigen) Laufradsatz aus gleicher Fertigung, Steuersatz, Kurbelgarnitur..... Lenker und Sattel, dito . statte die Rahmern, spartanisch aus, (hier wohl mit 1 Bremse vorn und Nabenschaltung mit Rücktritt) . schraube die zusammen, nenne sich deshalb "Manufaktur" und vertreibe das Produkt als Hochpreisartikel im Lande Handgefritigt im "Flagshipstore, oder "on-line". . "Angebissene" Obst-Idee auf dem Fahrradsektor;-)) . Zielgruppe ist wie immer die "Hippe" Geraration Smart-Phone/Tablett. . Ob das im Lande der Produkthaftungsklagen bei einer Zielgruppe die mehr mit Tasten als mit Ring-,Maul und Imbusschlüsseln umgehen kann, aufgeht ... wer kann es sagen. Mir ist diese Gruppe eher als "nicht sehr geschickt" mit realem Werkzeig begegnet :-)) . Auffällig sind einige Dinge: . ZU dem Einstiegspreisen bekommt man hier ein gut ausgestattetes Anfangerrad (aus der gleichen Weltgegend, dort komplett aufgebaut und ausgestattet). . Zw. 400-500€ gibt es schon was für den Gelegenheitsfahrer, im Fachhandel mit Service vor ORT. . Viele der vorgestellten Räder dürfen HIER noch nicht eimal einen Strassenzulassung haben. . Wer in allen vorgestellten Projekten der "Bäckerjungen-Brötchen Korb" an diese Räder dranbaut, dürfte vom Radfahren, der Fahrdynamik und dem Radbau nicht sehr viel verstehen:-) . Ob das der, "klau mir nichts aus dem hintern Körbchen Angst" geschuldet ist? . Wenigsten dürfte wohl das Heft zum "Ausschluss der Produkthaftung proffessionell sein und die mehrfache Stärke der Bedienungsanleitung haben :-))
Bueckstueck 01.03.2015
4.
Zitat von ctwaltRahmen und Teile sind made in China und das Ganze wird dann von Hand zusammengeschraubt.... Weil der Fahrradarkt auch zum größten Teil aus Kunden besteht, die € > 1500 für ein Fahrrad ausgeben ??? Davon wird keine Firma auf Dauer leben können !
Wenn überhaupt, dann made in Taiwan (und erzähl denen mal sie gehören zu China...), wie auch 90% aller Fahrräder, E-Bikes, Rennräder, Mountainbikes bis hin zu sündhaft teuren Carbon Geräten auf diesem Planeten. Das Lohnniveau in Taiwan ist mittlerweile ähnlich hoch wie in Deutschland (oder umgekehrt: ähnlich niedrig). Die wissen schon was sie tun und deshalb werden dort die Rahmen gebrutzelt oder laminiert, nicht bloss weils nur billig wäre.
heiden98 01.03.2015
5. jetzt weiss
ich endlich, woher der Spruch "doesn't know shit from shinola" kommt ... :) -- (s2 war frueher eine Schuhcreme, so aendern sich die Marketingzeiten. s1 happens...)
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