Schönwetter-Verkehrsmittel Das Fahrrad boomt - wenn es nicht regnet

Die Deutschen entdecken das Rad als Verkehrsmittel neu - und nutzen es vor allem, wenn es warm und sonnig ist. Doch langsam härten sie offenbar ab.

Fahrradfahrer in Gelsenkirchen
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Fahrradfahrer in Gelsenkirchen

Von Andreas Knie


Wer nach Anzeichen einer wirklichen Verkehrswende sucht, findet sie beim Fahrrad. Seit gut zehn Jahren ist es im Alltag wieder deutlich sichtbar - vor allem bei gutem Wetter.

Zur Person
  • WZB/DAVID AUSSERHOFER
    Andreas Knie ist Leiter der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Der Professor für Soziologie gilt als einer der führenden Mobilitätsexperten in Deutschland. Für SPIEGEL ONLINE erklärt Knie den Verlauf der Verkehrswende in loser Folge anhand von Grafiken und Zahlen.

Die Bedeutung des mit Muskelkraft betriebenen Verkehrsmittels hat in Deutschland nachweislich zugenommen. Das zeigt die Erhebung "Mobilität in Deutschland": Während in den Neunzigerjahren der Anteil an den täglichen Wegen bei unter fünf Prozent lag, stieg er 2002 auf neun Prozent und 2017 auf elf Prozent an. Im Vergleich dazu ging der Anteil des Pkw von 60 (2002) leicht auf 57 Prozent im Jahre 2017 zurück.

In einzelnen Großstädten wie Berlin, München oder Hamburg ist das Fahrrad bereits bei einem Anteil von mehr als 20 Prozent auf allen täglichen Wegen angelangt. Zumindest dort ist es tatsächlich zu einem Merkmal eines veränderten Verkehrsverhaltens geworden.

Allerdings wird bei diesen amtlichen Erhebungen nur ein Stichtag eines Jahres herangezogen. Aber das Fahrrad ist ja nicht immer und bei jedem Wetter eine Option - wie sieht die Entwicklung also im Detail aus?

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Seit mehreren Jahren erfassen einige Städte an automatischen Zählstellen den Fahrradverkehr während des gesamten Jahres. Damit wird es erstmals möglich, die Bedeutung des Radverkehrs feinkörnig und im Zeitverlauf zu erfassen. Für zwei Zählstellen in Berlin sind Daten zurück bis in den Juni 2015 zugänglich, sodass eine Entwicklung über mehrere Jahre gezeigt werden kann.

Charakteristisch sind die sehr starken Schwankungen im Jahresverlauf. Dies verdeutlicht die Kurve in grün, die die Temperatur als Monatsmittelwert darstellt. Allerdings ist im Vergleich der Tiefpunkte zu den Jahresanfängen 2016 bis 2018 eine deutlich ansteigende Tendenz auszumachen: Im Frühjahr 2018 wurden für beide Zählstellen ungefähr 50.000 Radfahrten mehr gezählt als noch zwei Jahre zuvor - und das bei etwa gleichen Temperaturmittelwerten. In Straßburg (Frankreich) lässt sich eine ähnliche Tendenz beobachten.

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Die Quintessenz aus diesen Zahlen: Ja, das Fahrrad hat an Bedeutung gewonnen, aber es bleibt ein volatiles Verkehrsmittel, sehr gut geeignet bei schönem Wetter, weniger attraktiv bei Kälte und Regen. Aber still und heimlich wächst die Zahl der Allwetterfahrer. Immer mehr Menschen stellen sich auf die Widrigkeiten ein und integrieren das Rad in ihren ganzjährigen Alltag. Ob bessere Kleidung dazu beträgt oder häufiger geräumte Radweg im Winter, lässt sich nicht eindeutig ermitteln.

So oder so - das Rad ist tatsächlich auf dem Weg, für mehr Menschen ein Ganzjahresfahrzeug zu werden. Dies ist umso erstaunlicher, da es in kaum einer Stadt in Deutschland eine ausreichende und genügende Infrastruktur gibt. Bleibt dieser Trend stabil, werden Verwaltungen den Rädern mehr Platz im öffentlichen Raum zuweisen müssen.

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sissibu 15.11.2018
1. Gute Fahrt
Wenn die Fahrradfahrer jetzt noch im Dunkeln und Dämmerung das Licht einschalten könnten, wäre das wirklich eine super Sache ??????!
novasun 15.11.2018
2. Ich beobachte in Karlsruhe
das gefühlt mehr Frauen auf dem Rad unterwegs sind. Besonders auch dann wenn das Wetter suboptimal ist. Der "harte" Mann (bin selber einer) fährt dann eher nicht Rad (gibt Ausnahmen - sind aber wirklich recht wenige im Vergleich zur weiblichen Welt)....
rudolfsikorsky 15.11.2018
3.
Wir müssen endlich mal verstehen und begreifen das ohne ganz klare Verbote sich nichts ändern wird. Die Politik muss endlich aufwachen. AUTOS müssen SOFORT VERBOTEN werden. Verbrennungsmotoren sofort verbieten. Flugreisen sofort verbieten.Kreuzfahrten sofort verbieten.Unverzüglich. Wir müssen unsere Verhaltensweisen radikal ändern und dazu muss man Zwang anwenden und zwar jetzt und nicht erst wenn es zu spät ist.Viel Zeit bleibt nicht mehr sonst war es das.
Barriga 15.11.2018
4. Ärgerliche Überschrift
Kern des Artikels ist doch, dass immer mehr Menschen das Fahrrad auch ganzjährig als Verkehrsmittel entdecken. Tatsächlich ist es eben so, dass man heutzutage durch Wetterapps/Regenradar mit nur minimalen Aufwand an Planung nahezu regenfrei durch das Jahr kommt. Mit immer perfekterer Kleidung. Und das, wie der Artikel richtig bemerkt, unter katastrophalen Bedingungen für`s Radfahren. Die Überschrift hingegen suggeriert dem Leser: "Siehste, das Rad taugt nicht zum Verkehrsmittel". Und er kann sich weiter beruhigt behäbig mit der Chipstüte ins Sofa zurücklehnen. Dabei würden sehr viele in nur kurzer Zeit die Vorteile erkennen, wenn sie es nur mal machen würden! Und wenn es nur die gesparten Kosten sind.
harke 15.11.2018
5. Nun ja
Also Platz ist eigentlich genug. Die Straßen sind breit, so dass jeder Radfahrer seinen Platz findet.
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