Fahrradreparaturen Der Pfusch steckt im System

Bremse kaputt? Ab zum Fahrradhändler. Doch nicht jeder Betrieb mit Reparaturservice ist dazu berechtigt. Für Kunden kann das zum Problem werden. Diese Rechte haben Sie.

SPIEGEL ONLINE

Von Margret Hucko


Ein verregneter Mittwochnachmittag im November. Stephan Röper parkt mit einem alten Mercedes Sprinter an der Rindermarkthalle in Hamburg-St. Pauli. Vor dem denkmalgeschützten Shoppingzentrum tauscht er an einem historischen Puch-Fahrrad den Schlauch aus. Jede Woche kommt der Zweiradmechaniker hierher, um seine mobile Werkstatt in einem ausgemusterten Rettungswagen zu öffnen. Während die Kunden einkaufen, macht er Räder wieder fit - und ärgert sich nicht selten: "Es gibt viel zu viele schlampig reparierte Fahrräder", sagt er.

Röper ist Meister seines Handwerks, und genau da fangen die Probleme an. In Deutschland gilt für das Gewerk des Zweiradmechanikers oder -Mechatronikers nach wie vor die Meisterpflicht. Wer also professionell an Fahrrädern schraubt, braucht in der Regel einen Meisterbrief. Doch es gibt Ausnahmen. Eine gilt für Betriebe, die ihren Schwerpunkt anderswo haben, zum Beispiel im Fahrradverkauf, und nebenbei "in unerheblichem Umfang" handwerklich tätig werden, wie es im Juristendeutsch heißt. Also nur einen geringen Teil ihres Umsatzes mit Reparaturen erzielen oder eine bestimmte Arbeitszeit darauf verwenden.

Klare Regeln - die aber offenbar viel zu oft missachtet werden.

In Hamburg, wo Röper arbeitet, gibt es laut Handelskammer 170 Fahrradhändler. Darin enthalten seien die bei der Handwerkskammer erfassten Meisterbetriebe, 65 an der Zahl. Wie viele der restlichen 105 Betriebe ohne Meisterpflicht auch noch nebenbei die Bremsen instand setzen dürfen, ist unklar. "Die Nebenbetriebe sind beim jeweils zuständigen Gewerbeaufsichtsamt anzumelden", erklärt Rechtsanwalt Kai Hentschelmann dem SPIEGEL. In Hamburg sei dieses bei den Bezirksämtern angesiedelt. Doch die meisten Ämter winken ab und verweisen auf die Handwerkskammer. Nach eigenen Angaben besitzt die aber auch keine Zahlen über die Nebenbetriebe. Schon hier beginnt das System eklatante Lücken aufzuweisen.

"Ohne Werkstatt könnten viele Betriebe nicht überleben"

Es kommt noch besser: Wer als Kunde im Internet nach einer Adresse für Fahrradreparaturen forscht, erlebt ein Wunder: Rund 220 Treffer erzielt die Suche für Hamburg in den Gelben Seiten. "Die Kehrseite des Fahrradbooms", sagt Röper. Offenbar reparieren mehr Läden Bikes und werben damit, als vom Gesetzgeber erlaubt. Erklären kann die Differenz zwischen maximal 170 legitimierten Betrieben und 220 Ergebnissen keiner so recht. Im besten Fall handelt es sich um ein statistisches Problem. "Das ist kein Spezifikum von Hamburg, sondern entspricht der Großstadtquote in Deutschland", sagt ein Verbandsvertreter, der nicht genannt werden möchte.

Von "Wettbewerbsverzerrung" spricht Anwalt Hentschelmann. "Sofern wir Kenntnis darüber erhalten, dass möglicherweise handwerkliche Tätigkeiten ohne Registrierung ausgeübt werden, prüfen wir das selbstverständlich", teilte er auf Anfrage des SPIEGEL eine Sprecherin der Handwerkskammer schriftlich mit.

Für Unternehmensberater Ulf-Christian Blume, der ausschließlich die Fahrradbranche berät, "hinkt das Gesetz der Lebenswirklichkeit hinterher". Es sei davon auszugehen, dass ein gewisser Anteil von Fahrradläden in einem Umfang repariert, der eigentlich unter die "volle Handwerksausübung fiele und 'de jure' einen Meister bräuchte", sagt er. Für die Händler lohne es sich jedoch, einen Werkstattbetrieb zu führen, da die Margen im klassischen Fahrradhandel gering seien und im stetigen Sinkflug begriffen, die Erträge durch den Bereich "Service" hingegen relativ hoch. "Ohne Werkstatt könnten viele Betriebe nicht überleben", sagt Blume.

Aus seiner Sicht geht es darum, eine sinnvolle Art der Liberalisierung zu schaffen und die Ausnahmen, die es jetzt schon für den Meisterzwang gibt, zu schärfen und bundesweit zu vereinheitlichen. "Die Leute wollen ja nicht halb im Verborgenen arbeiten", sagt Blume. "Und sehr viele von denen leisten gute Arbeit."

Für die Kunden muss diese Grauzone tatsächlich erst einmal nichts Schlechtes bedeuten, Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. Aber mit der Quantität geht nicht immer Qualität einher, weiß Röper aus der Praxis zu berichten. "Ein Kunde, dessen Nabendynamo defekt war, bekam in einer Werkstatt für 100 Euro einen antiquierten Seitenläuferdynamo verpasst. Bei einem anderen wurde das Laufrad falsch herum montiert", erzählt der 51-Jährige. Ihm fallen mindestens so viele Fälle ein, wie ein Fahrrad Teile hat.

Es geht um die Sicherheit des Fahrradfahrers

Natürlich kenne er Kollegen ohne Meisterbrief, die großartige Arbeit leisteten. Andersherum haben nicht alle Meister ein goldenes Händchen. Doch für den Kunden bedeutet eine gute Ausbildung zumindest ein Minimum an Qualität bei der Auswahl des Betriebs. Am Ende steht viel auf dem Spiel: Es geht um die Sicherheit des Fahrradfahrers. Gerade mit dem zunehmenden Absatz von Elektrobikes steigt die Komplexität der Fahrräder, gute Servicearbeit und fachkompetente Beratung werden dadurch besonders wichtig.

Immerhin haben Kunden die Chance, sich gegen schlampige Betriebe zu wehren, denn auch bei Fahrradreparaturen gilt das sogenannte Gewährleistungsrecht. Sind zum Beispiel die frisch reparierten Bremsen unmittelbar nach dem Werkstattbesuch wieder defekt, kann man reklamieren. Bessert der Betrieb nicht innerhalb einer gesetzten Frist nach, darf der Kunde die Reparatur woanders ausführen lassen und die entstandenen Kosten der ersten Werkstatt in Rechnung stellen.

Immer mehr Branchenvertreter wollen es aber nicht so weit kommen lassen. So hat unter anderem die Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft eG aus Köln (ZEG) Ende vergangenen Jahres gemeinsam mit dem TÜV Nord das Siegel "geprüfte Service- und Reparaturqualität" entwickelt, um für den Kunden Qualitätstandards festzulegen. Langfristig soll das Siegel bei allen 1000 Händlern eingeführt werden, die von der ZEG vertreten werden. Auch der VSF, ein gemeinnütziger Fachverband der Fahrradbranche, führte mit "all-ride" ein Qualitätssiegel ein, unter anderem auch für Werkstätten.



insgesamt 106 Beiträge
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jmaltzan 27.12.2017
1. Handel im Wandel
Spanender Beitrag, der den Finger in eine Wunde legt. Mit der Elektrifizierung des Fahrrads ist eine fachgerechte Wartung wichtiger denn je. Kein Zweifel: Der Handel ist im Wandel. Traditionsgeschäfte machen für immer zu, neuartige Bikeshops entstehen. Ein Blick auf die Ladenszene in Hamburg: http://st-pedali.blogspot.de/p/handlertest.html?m=1
browserhead 27.12.2017
2. Reparaturbetrieb
Ja, was ist denn jetzt das Problem? Dass die Einstellung einer Bremse nicht unbedingt eine "Meisterleistung" sein muss? Oder doch zumindest zünftig so bezahlt werden soll? Also ich habe schon schlechte Werkstattreparaturen von Meisterhand erlebt, die vor allem auch sehr teuer waren: Reifenpanne, macht 50 Euro (Schlauch und Mantel neu, warum sich die Finger schmutzig machen). Und ad hoc geht da schon mal gar nichts: "Lassen Sie mal stehen, aber vor nächster Woche geht nix." Ein Ersatzrad bei Nachbesserungen?Fehlanzeige. Ersatzteile? "Ja, das kann dauern." Tut es auch, ich habe auf eine neue Lampe (deutsche Topmarke) acht Wochen "im Dunkeln" gewartet. Während ich mich im KFZ-Gewerbe immer "unter die Räuber gefallen" fühle, empfinde ich im Zweiradsektor eine gewisse masochistische Leidensbereitschaft: 25 Euro für einen neuen Reifen? Da lege ich doch noch einmal 3 Euro für die nachhaltige Entsorgung des alten Reifens drauf - der Umwelt zuliebe!
Sibylle1969 27.12.2017
3.
Die Fahrradwerkstatt unseres Vertrauens repariert seit vielen Jahren unsere Räder zu unserer vollsten Zufriedenheit. Einfache Sachen reparieren wir selbst, den Fahrradmechaniker lassen wir nur für die schwierigen Fälle ran. Ob der einen Meister hat, ist mir ehrlich gesagt ziemlich schnuppe.
alarmist 27.12.2017
4. Lobbyarbeit der Handwerkskammer
Die Zwangseintragung in die Meisterrolle für Fahrradbetriebe hat sich überlebt. Da kann auch dieser hilflose Lobby Artikel nichts ändern. Zu lange wurde an der Verbindung mit den Motorrädern festgehalten. Jetzt wissen die Leute dass es gute und schlechte Werkstätten jeweils mit und ohne Meisterbrief gibt. Tief im Innersten wissen das auch die Einflüsterer von der Handwerkskammer.
Papazaca 27.12.2017
5. Anspruch und Wirklichkeit von Reparaturen
Ein Kumpel von mir arbeitet in einer Werkstatt. Und er ist richtig fit, bildet sich auch konstant weiter. Es gibt auch einen Meister in dieser Werkstatt. Der ist langsam, ist oft nicht im Thema und verdient auch weniger. Gut, das er das nicht weiß. Eines der relevanten Themen heute ist bei der Vielfalt der unterschiedlichen Bikes die Weiterbildung. Specialized läßt zum Beispiel spezielle Teile von SRAM, Avid, Truvativ und Fox für sich fertigen. Ohne spezielle Kenntnisse kommt man da oft kaum weiter. Das bedeutet oft auch spezielles Werkzeug z.B. von Park Tools. Die Frage ist also nicht die Frage nach einem Meister sondern die der Grund- und permanenten Weiterbildung. Die könnte, ja sollte man zertifizieren. Nur Meister zu sein reicht nicht mehr.
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