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Fahrrad-Spikes: Im Sattel durch den Winter nageln

Von Martin Brinkmann

Die Skischanze überlässt man besser Autos. Aber mit dem Rad die Rodelbahn hoch, das ist für Moutainbike-Athleten kein Problem - dank Spikes. Inzwischen gibt es die Stahlstift-Reifen auch für normale Tourenräder. Die perfekte Winterausrüstung für Allwetterradler.

Radtour im Schnee: Bei Mountainbikes gehören Spikes im Reifen schon lange zur Winterausrüstung

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Spikes? Sind die in Deutschland nicht verboten? Ja, sind sie. Aber nur für Autos, nicht für Fahrräder. Trotzdem ist jahrzehntelang keiner auf die Idee gekommen, Fahrradreifen mit den kleinen Stahlstiften zu bestücken, die auf Eis das einzige Rezept für guten Grip sind. Und das aus gutem Grund, denn ohne Eis, auf nacktem Asphalt, bewirken Spikes genau das Gegenteil: Der Kurvenhalt geht gegen null, und der Bremsweg erreicht neue Dimensionen.

Erst mit dem Mountainbike-Boom Anfang der neunziger Jahre war der Nagelreifen plötzlich auch am Rad gefragt, denn im Gelände wirkt er im Winter wahre Wunder und macht auch Rodelbahnen radelbar. Das Maß der Dinge ist hier bis heute der finnische Hersteller Nokian, dessen Reifen Nokian Hakka WXC 300 zum Beispiel die Zeitschrift "Mountainbike" mit "überragend" bewertet. Die Zahl 300 steht übrigens für die Zahl der Spikes im Reifen.

Fahrradreifen Schwalbe SnowStud: Nägel am Rand sorgen für guten Grip und Seitenhalt bei Tourenrädern

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Mit deutlich weniger Stahlstiften kommen die Winterreifen für Tourenräder aus. Denn es war die Kunst der Beschränkung, die Nägel im Radreifen straßentauglich machte. Exakt 100 Stück sind es zum Beispiel im Snow Stud von Schwalbe, dem größten Reifenhersteller im deutschen Markt mit rund 50 Prozent Marktanteil und Sitz in Reichshof bei Gummersbach.

Anders als die sogenannten Voll-Spikes ist dieser Reifen nur an den Rändern mit Stiften bestückt. Die Mitte der Lauffläche ist metallfreie Zone, was eine hohe Haftung auch bei eisfreier Fahrbahn ermöglicht. Die Spikes kommen erst zum Einsatz, wenn der Reifen entweder etwas einsinkt - zum Beispiel auf einer festgefahrenen Schneedecke - oder wenn der Fahrer sich in die Kurve legt. Mit einem Handgriff lässt sich der Spike-Grip aber auch bei Geradeausfahrt auf eisigem Untergrund aktivieren: Indem man etwas Luft aus dem Reifen lässt, wodurch auch die Ränder der Lauffläche Bodenkontakt erhalten.

Winter-Fahrradreifen: Sogar auf zugefrorenen Seen kommt man mit Spikes nicht ins Rutschen

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Markus Hachmeyer, als Produkt-Manager bei Schwalbe für die Entwicklung zuständig, hat den Snow Stud mitkonzipiert. "Wir sind regelmäßig auf die Kunsteisbahn hier in der Nähe gefahren, um zu testen, ob die Spikes richtig positioniert sind", sagt der aktive Radsportler, der 2004 nordrhein-westfälischer Mountainbike-Meister war.

Die größte Herausforderung sei allerdings die Verankerung der Spikes gewesen - die übrigens aus derselben Schmiede stammen wie die meisten Auto-Spikes: vom Weltmarktführer Sitek aus Baden-Württemberg. Hachmeyer: "Damit der Spike dauerhaft fest sitzt, muss die Gummimischung eine gewisse Härte haben, andererseits aber auch einen guten Grip bei Kälte und Nässe." Und auch in die andere Richtung sollte sich der Spike, der aus einem Hartmetallstift in einer Hülle aus normalem Stahl besteht, nicht bewegen. "Damit er keinen Plattfuß verursacht, muss der Unterbau des Reifens besonders stabil sein."

Theoretisch, so Hachmeyer, könne man den Snow Stud das ganze Jahr durch fahren. Er sei zwar etwas lauter, aber bei der Bodenhaftung gebe es keine Nachteile. Praktisch macht das aber wohl keiner. Im Gegenteil: Selbst im Winter sieht man die Spikes bisher nur an einem verschwindenden Bruchteil der insgesamt 66 Millionen Fahrräder in Deutschland. Dass Schwalbe bei Spike-Reifen auf immerhin fünfstellige Absatzzahlen komme, liege vor allem daran, dass die Nachfrage im Norden, in Skandinavien und auch in Russland, stetig steige.

 Spikefreier Winterreifen: Der Continental Twister hat bei Matsch und Schnee guten Grip

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Für Ganzjahres- und Allwetter-Radler sind Reifen wie der Snow Stud oder der Nordic Spike 120 von Continental - der Nummer zwei im deutschen Markt - allerdings auch in unseren Breiten eine echte Alternative zur allwinterlichen Rutschpartie. Der Gelegenheitsfahrer kommt aber auch ohne Stahlstifte durch den Winter. Bei Schnee oder Matsch kann er zum Beispiel auf einen Ganzjahresreifen mit grobem, kantigen Profil wie den Continental Twister vertrauen. Und bei Glatteis lässt er das Rad lieber gleich im Keller.

Bettina Cibulski vom ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) sieht vor allem Mountainbiker in der Spike-Pflicht. "Denen würde ich diese Reifen unbedingt empfehlen." Straßenfahrer, die das Fahrrad im Winter kaum benutzen, seien auch mit klassischen Ganzjahresreifen wie Schwalbe Marathon oder Continental Contact gut bedient, vorausgesetzt, das Profil sei gut. Außerdem empfiehlt Cibulski noch eine Maßnahme zur besseren Bodenhaftung - des Fahrers. "Im Winter sollte der Sattel etwas tiefer gestellt werden, damit man bei Bedarf schnell mit beiden Füßen fest auf der Erde steht."

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